Drei von fünf: Helmchen, Piemontesi, Paul Lewis spielen Beethoven mit dem Konzerthausorchester

Was für ein Luxus im Konzerthaus: Fünf Pianisten spielen die fünf Klavierkonzerte von Ludwig van Beethoven, alles zu Ehren Alfred Brendels.

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Bevor nächste Woche Kit Armstrong und Till Fellner kommen, traten Martin Helmchen, Francesco Piemontesi und Paul Lewis auf. Drei feinsinnige Pianisten, die man nicht gerade mit Leistungssport-Klavier und Prokofjewgehämmer verbindet, an drei Abenden hintereinander, alle mit dem Konzerthausorchester unter Jan Willem de Vriend. Kombiniert jeweils mit Ferdinand Ries und Franz Schubert (mehr dazu ganz unten). Weiterlesen

Levitierend: Aimard und Schuch spielen Klavier, Alfred Brendel nicht …

… der liest nämlich Gedichte vor: Brendels einziger Auftritt als ausdrückliche Bühnen-Hauptperson bei der zehntägigen Hommage, die das Konzerthaus Berlin ihm dieser Tage widmet. Daneben wird er Einführungen zu mehreren Streichquartetten geben (30. April, 19.30 & 21 Uhr) und über sein Leben sprechen (5. Mai, 18 Uhr). Das Konzerthaus richtet ihm überdies eine Ausstellung im Werner-Otto-Saal aus (Führungen ohne Konzertbesuch täglich um 15 Uhr), eine schnieke Festschrift gibt’s auch. Und sicher wird er im Publikum vieler Konzerte zu entdecken sein, die Schüler, Freunde, Weggefährten geben.

Rhode_island_red_1915_lithographBei der Late-Night-Lesung im Kleinen Saal tritt der Pianist Pierre-Laurent Aimard am Bechsteinflügel als Brendels Kompagnon auf. Oder sollte man besser Komplize sagen? Die beiden gäben ein herrlich verschrobenes Komikerpärchen ab, auch als Estragon und Wladimir könnte man sie sich gut vorstellen:

Als Godot endlich erschien, war die Enttäuschung groß, Weiterlesen

Brendelnd: Ausblick auf die Hommage im Konzerthaus

Wer Alfred Brendel nie live gehört hat, kann in den kommenden zehn Tagen im Konzerthaus Berlin wehmütig werden; wer ihn hörte, erst recht. Nur er selbst wird wahrscheinlich nicht wehmütig sein. Stattdessen wird er zu später Stunde Gedichte vorlesen, Klavier spielt er öffentlich schon seit fast zehn Jahren nicht mehr, das wird an diesem Abend Pierre-Laurent Aimard tun. Ansonsten von Alter Musik bis zum Streichquartett-Marathon alles dabei. Mehr51c2b97d0fa202f9106f6af39a4dc261 dazu in den kommenden Tagen auf diesem Blog.

Zur Einstimmung: Sechs Pianisten werden während der Brendel-Hommage Beethoven spielen, vier von ihnen (Francesco Piemontesi, Paul Lewis, Herbert Schuch, Kit Armstrong) habe ich mit einigen nicht zu tiefschürfenden Fragen behelligt: Antworten im neuen VAN-Magazin.

Auf Idagio habe ich indes eine kleine Brendel-Playlist zusammengestellt: mit Musikern, die bei der Hommage auftreten werden (u.a. Lisa Batiashvili, Doric String Quartet), sowie antiken Aufnahmen von Brendel selbst. Wer sich schon immer gefragt hat, ob Brendel je Balakirews Islamey gespielt hat, und wenn ja, wie das wohl klang, wird dort klüger.

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Erstlich: Michelangelo String Quartet im Boulez-Saal

Pompeii_-_Casa_dei_Vettii_-_PentheusZerreißen müsste der Konzertgänger sich können! An der Komischen Oper feierte eine Mussorgsky-Rarität Premiere, an der Deutschen Oper Götz Friedrichs legendärer Ring Derniere, zehn andere Köstlichkeiten nicht zu vergessen … ach, und im Pierre-Boulez-Saal gibt’s nichts Geringeres als ein Quartettfestival. Nach dem Staatskapellen-Streichquartett (da war der Konzertgänger im Rheingold) und einem Haydn-Marathon des famosen Hagen Quartetts (da war Walküre, seufz) spielt das Michelangelo String Quartet drei grundverschiedene Erstlinge. Beethoven, Bartók, Smetana. Am Abend zwischen Walküre und Siegfried. Weiterlesen

Hörstörung (11): Ein Herr kratzt sich am Knie

sketch-of-a-knee-1886.jpg!LargeDer Segen steil ansteigender Reihen wie im neuen Pierre-Boulez-Saal, die (anders als etwa in unseren Opernhäusern) auch noch nicht ausgewachsenen oder kleingeratenen Hörern uneingeschränkte Sicht auf die Musiker erlauben, verkehrt sich für denjenigen in eine Heimsuchung, dessen Ohr sich auf der Höhe eines fremden Knies befindet, welches offenbar so unerträglich juckt, dass der hinter einem sitzende Herr, zu dem dieses Knie gehört, sich genötigt sieht, sich an selbigem ein ganzes Beethoven-Streichquartett lang zu kratzen.

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Sorgfältig: Grigory Sokolov spielt Mozart, Beethoven und 6 Zugaben

Man solls ja nicht übertreiben mit den religiösen Metaphern, aber hat Grigory Sokolovs alljährliches Rezital nicht etwas Epiphanisches oder Österliches? Wen sein Mozart nicht Hammershoientrückt, den verklärt sein Beethoven. Dabei tut Grigory Lipmanowitsch gar nichts Weihevolles oder Hohepriesterliches, sondern tapst (rechte Hand frei schwingend wie die Frackschöße, linke Hand auf dem Rücken) aufs Podium der Philharmonie und spielt dort Klavier.

Das allerdings besonders sorgfältig.

Darum ist es auch so schummrig: nicht von wegen Erhabenheit und Zeremonie, sondern damit Grigory Lipmanowitsch besser spielen und wir besser zuhören können. Wir versuchen ihn in diesem Jahr übler denn je zu stören, hustend, niesend, mehrmals zur Unzeit reinklatschend und überhaupt mit frenetischem Jubel, der ans Peinliche grenzt. Aber Grigory Lipmanowitsch lässt sich nichts anmerken, unklar, ob er überhaupt weiß, dass wir da sind. In welcher Stadt er sich befindet. Er hat ja auch Besseres zu tun. Er spielt Klavier. Weiterlesen

13.3.2017 – Funeral-explosiv: MusicAeterna, Currentzis, Kopatchinskaja spielen Mozart & Beethoven

The_Funeral_of_Shelley_by_Louis_Edouard_FournierExplosivste Begräbnisparty seit langem! Denn zum Gastspiel im Konzerthaus erscheinen die Herren der Permer Wundertruppe MusicAeterna im Funeral Look (schwarzer Anzug, schwarze Krawatte). Die Damen ebenfalls in Schwarz, aber einige sowas von schulterfrei; besonders der Anblick einer rothaarigen Bratschistin stellt die Konzentrationsfähigkeit des Konzertgängers auf eine harte Probe, aber eher wird die Mondsichel auf die Erde fallen, als dass er sich über zu leichtbekleidete Frauen beklagt.

Den Dirigenten und Oberzampano Teodor Currentzis, der mit zurückgegelter Geniemähne erscheint, hat unser klügster Musikkritiker Jan Brachmann zwar vor ein paar Monaten zum Scharlatan erklärt, zu einem Magier der Leere. Weiterlesen

21.2.2017 – Theseisch: Artemis Quartett & Anna Vinnitskaya spielen Beethoven, Bartók, Schumann

In einer niveauvolleren Welt gäbe es einen alljährlichen Feiertag für die Erfindung des Klavierquintetts durch Robert Schumann. Aber in unregelmäßigen Abständen wird dieser Feiertag begangen: etwa im Konzert des Artemis Quartetts mit seinem Gast Anna Vinnitskaya im Kammermusiksaal.

Die Pianistin Vinnitskaya ist für die ursprünglich angekündigte Maria João Pires eingesprungen: Obwohl auf den ersten Hörblick ein ganz anderes Anschlagstemperament, gibt es Kammermusik vom Feinsten bei Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44 (1842). Es heißt ja, die Streicher würden bei Klavierquar- und -quintetten oft von zu guten Pianisten untergebuttert. Aber Vinnitskaya ist von so tiefenentspannter Virtuosität, dass sich, wo nötig (etwa bei den Anfangsakkorden), orchestraler Vollsound ergibt, ohne dass sie dezibelmäßig forcieren müsste.
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18.1.2017 – 153fach: Lucas Debargue spielt Scarlatti, Beethoven, Ravel, Liszt

f243gVorher leise Skepsis (und ein schlechtes Gewissen, weil gleichzeitig das Eröffnungskonzert des Ultraschall-Festivals für Neue Musik stattfindet), danach helle Begeisterung. Zumindest über den zweiten Teil des Konzerts, mit dem der französische Pianist Lucas Debargue im Kammermusiksaal sein Berlin-Debüt gibt. Genie-Mythen werden um den 26jährigen Franzosen gestrickt, im Interview entsteht ein konkreteres Bild des Mannes, der als Teenager das Klavierspiel hinschmiss, in einer Rockband spielte und erst mit 20 mit ernsthaftem Klavierstudium begann. Beim Tschaikowsky-Wettbewerb 2015 wurde er „nur“ Vierter, aber die Moskauer Kritik schwärmte für ihn.

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30.12.2016 – Traralos: Janowskis vorletzte Letzte beim RSB

Abschied ohne großes Trara: Marek Janowski dirigiert seine letzten beiden Konzerte beim Rundfunk-Sinfonieorchester. Zwar hat er als Chefdirigent von 2002 bis 2015 das Orchester nicht nur als Institution gerettet, sondern aus einem beklagenswerten Zustand unter Überspringung des Mittelmaßes auf höchstes Niveau gehoben (nachzuhören seit vielen Jahren, nachzulesen in Janowskis interessanter und lustiger Biografie Atmen mit dem Orchester). Dennoch werden ihm keine Denkmale oder Denkmäler (wie es heißen muss, fragte sich schon Musil) gebaut, aber hübsche Skizzen gewidmet:

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