Eckrundend: John Eliot Gardiner dirigiert Beethovens „Missa solemnis“

Kaum fängt das Musikfest Berlin so richtig an, ist für mich auch schon Schluss, denn ich ziehe aus Gründen für einige Monate nach Bonn. Da ist Beethoven natürlich die passende Abschiedsmusik. Denn den Trennungsschmerz pflegt die Geburtsstadt, in die der Boss bekanntlich niemals zurückkehrte, so fleißig, dass dort sogar ein Volkslauf sich „Beethoven-Lauf des Deutsche Post Marathon Bonn“ nennt. (Da ist wirklich alles drin: van B. + BRD noir + zeitgemäße Keine Bindestrich Benutzung.) Und zweiter Grund natürlich, dass John Eliot Gardiner dirigiert,  traditionell ja eine sichere Bank bzw Post beim philharmonischen Saisonstartfestival.

Wobei es jetzt irgendein Wortspiel mit „Chor“ bräuchte. Choryphäe? Chormidabel? Mit Glanz und Choria, höchst chorios? Jedenfalls ist Mr Gardiner ja mehr noch Chorleiter als Dirigent und der Monteverdi Choir (wie zu erwarten) das Ereignis dieser Aufführung von Ludwig van Beethovens später Missa solemnis.

Man könnte aber auch (und so ging’s mir) finden, dass das Orchestre Révolutionnaire et Romantique manchmal ein klein wenig sehr poltert und schnarrt, auch unter den Maßstäben eines historischen Ensembles. Klar wird das verstärkt durch den unbedingten Willen zum heftigen Kontrast. Aber ob das wirklich in dieser Schärfe und Schrilligkeit beabsichtigt war vom Boss? Auch die Soli tönen nicht immer allzu geschmeidig. Der erste Geiger gibt durchaus im Benedictus einen absolut soliden Heiligen Geist. Aber dieses gewisse heilsgirlandige Etwas, wo steckt das?

Und auch Mr Gardiner scheint mir das alles ein wenig sehr, sagen wir: portionsweise zu dirigieren. Stück für Stück.

Der Chor dominiert mit einer Priorität, die mir schon bedenklich vorkommt. Aber man freut sich dann halt doch, dass dieses phantastische Ensemble auch die steilsten Spitzen und erzbübischsten Fugierereien derart organisch erstehen, erblühen, erstrahlen lässt. Absolut auf himmlischer Chorhöhe ist auch das vorzügliche Solistenquartett mit dem Bass William Thomas, dem Tenor Giovanni Sala, dem Mezzosopran Ann Hallenberg und – allen voran – der Sopran Lucy Crowe. (Ergibt es nicht gerade in der strikt vom Menschen ausgehenden Missa solemnis zwingenden Sinn, die Stimmen von erd-unten nach himmel-oben aufzuzählen, nicht andersherum?)

So scheint es manchmal, als hebe der beflügelte Chor die schweren Bauklötze der mitunter ja doch sperrigen Komposition und des Instrumentariums immer wieder hoch in die Lüfte. Und natürlich gibt es im Orchester dann doch auch manches zu loben: etwa wie fein ihrerseits vier Holzbläser das Solistenquartett im Gratias agimus tibi ins becircend Samtige heben. Oder die schwere Schwärze des Ensembleklangs, mit der das Agnus Dei beginnt. Und auch zuvor, zur demonstrativen Credo-Kadenz, passt ja das Wuchtige und Eckige.

Und wenn der Chor dann das Eckige ins Runde führt, da kann man sich fragen: Geht’s nicht genau darum bei dieser ganzen Messe – dass unser verzweifeltes Eckiges ins Runde des Glaubens sive der Freiheit führt?

Die Pauken und Landsknechtflöten als Zeichen des Krieges klingen nicht erst seit dem Februar 2022 eigentlich allzu possierlich für das, was gemeint ist. Aber die Angst in den menschlichen Stimmen, die etwas Uraltes rufen: miserere – die sind zeitlos.

Insgesamt bleibt bei mir ein ambivalenter Eindruck. Trotz Befruchtung und Beseelung durch diesen unvergleichlichen Chor ist das eine etwas spröde Angelegenheit. Nun aber, da ich im ICE Richtung Rhein sitze, trauere ich ein bisschen um einige kommende Konzerte des Musikfests, zu denen ich sicher ginge, wäre ich in Berlin: Am 1. September stellt das Orchester aus Philadelphia die unbedingt hörenswerte Florence Price vor, Klassik-Amerikas erste schwarze Komponistin (hier der CD-Tipp eines heruntergekommenen Musikdschurnalisten). Am 14. September gibt es Monteverdis Marienversper mit dem Collegium vocale Gent, eins der herrlichsten Werke der Welt. Dazu jede Menge Xenakis im Programm verstreut, alles unbedingt hörenswert! Vielleicht aber das – wenn auch aus schrecklichen Gründen – wichtigste Konzerte wird am 6. September stattfinden, wenn das Philharmonische Orchester Odessa aus der von Russland überfallenen Ukraine zu uns kommt.

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