Tetrathletisch: Concertgebouw mit Mäkelä spielt Mahler und Saariaho

Man eröffnet mit Mahler, heuer. Freitag spielten die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko zum Saisonstart die Siebte. Am Samstag machte Christoph Eschenbach das Konzerthaus mit der Fünften auf. Und zum Start des Musikfests knallt uns das Concertgebouworkest Amsterdam mit Klaus Mäkelä die Sechste rein, aber mit Präzisionshammer.

Ja doch, großbesetzten Mahler hören wir alle wahnsinnig gern. Besonders nach der schweren Entbehrung von Podiums- und Klangüberfüllungen der letzten zwoeinhalb Jahre. Etwas kritischer könnte man Legitimationsfragen stellen, wenn hier alle mit Mahler aufspielen. Aber immerhin, hier und heute ist der Große Saal ziemlich rappelvoll beim Gastspiel des Concertgebouw. Denn es drohte in den letzten Jahren schon zu einer muffeligen Berliner Tradition zu werden, dass es bei den Besuchen dieses höchstrangigen Orchesters peinlich halbleer war; da konnte auch der dollste Optimist nicht entgegnen, die Philharmonie sei doch halbvoll.

Die Hörbegier hat allen Grund: Das Concertgebouw ist eh famos (daran ändert auch der Flop-Auftritt unter Gatti 2017 nichts), die Mahler-Tradition dieses Orchesters Legende, und es wird von jenem jungen Mann dirigiert, der altersmäßig Sohn bis Enkel der meisten Philharmoniebesucher sein könnte und dessen Chefdienst sich das Concertgebouw schon ein paar Jahre im Voraus gesichert hat – ab 2027, um nicht die jetzigen Arbeitgeberinnen Paris und Oslo zu affrontieren. Optisch ähnelt Klaus Mäkelä noch ein wenig dem in Luft aufgelösten österreichischen Wunderbubi-Kurzzeitkanzler. Aber er wird gewiss mehr Substanz und Ausdauer haben als der elende Alpenblender. Der Auftritt des 26jährigen wirkt imposant souverän.

Mir geht es bei dieser am Ende laut bejubelten Aufführung von Gustav Mahlers 6. Sinfonie a-Moll ein wenig wie manchmal bei Rattles Mahler: Ich höre mit Bewunderung, aber ohne Liebe. Oder auch Verzweiflung … Das ist absolut angespannt und akkurat bis zur Perfektion. Mir kommt es in seiner musikalischen Straffheit vor wie die Rhythmik eines Triathlon. Beziehungsweise Tetrathlon, es sind und bleiben ja vier Sätze, egal in welcher Reihenfolge sie gespielt werden. Mäkelä setzt (wie heute bevorzugt und andersrumme als anno früher, etwa bei Bernstein und Karajan) das Andante an zweite und das Scherzo an dritte Stelle. Umgekehrt hat ja auch was, wenn man beim langsamen Satz psychisch schon richtig in die Seile geknallt ist. So aber ist die Seele des Hörers im Andante noch einigermaßen heil, auch empfänglich für die Herrlichkeit der erlesenen Soli. Der musikalische Weg ist danach noch weit, wuchtiges Scherzo, endloses Finale. Aber in Mäkeläs und des Orchesters Lesart ist das große Ganze nicht zwangskonsequent auf Untergang hin gebürstet, sondern auf geradezu verblüffend klassische Sinfonie-Architektur. Das hat was. Nur, schon im Kopfsatz empfinde ich, dass die pingelige Durchtaktung auch einen hohen Preis hat. Sie geht auf Kosten sowohl des Unerbittlichen, des Schroffen, aus sich selbst heraus Treibenden (des schwarzen Atems) wie eben auch des Schwelgerischen, der bestürzenden Umschwünge. Hier ist alles aus einem instant härtenden Guss. Und das wirkt emotional am Ende – trotz Dauerhöchstdruck – erstaunlich neutral.

Der große Hammer im Finale wird zweimal geschwungen. Die Mahlerphilologie würde, je nach Fassung, auch drei gestatten. Ob Regressforderungen von irrationalen Bauch- und Schmauchmahlerianern drohen, die sich um den allvernichtenden letzten Schlag behumpst fühlen?

Kein Grund, denn da waren ja auch die kosmischen Samthämmer, mit denen das Konzert begann. Das zwanzigminütige Orchesterwerk Orion der finnischen Komponistin Kaija Saariaho von 2002 beginnt mit dem subkutanen Vierviertelticken eines Memento mori, Xylophon und Harfe prägen sacht das Gebilde. Doch das Thema wird dann drängend und impertinent, als die Klangteppichhaut explodiert. Der dritte Satz (Hunter) ist von starkem Vorwärtsdrang, aber nicht trauermarschierend, sondern himmelhuschend, und am Ende klirrt und flirrt es und es schwingt ein echter Jägersbogen. Das ist so zart wie begeisternd vielfädig, wirklich spektakulös. Beim Publikum kommt das Stück enorm gut an, was manchem Kenner schon wieder ein Dorn im Ohr ist. Das schlimme Wort schwirrt im Raum: Gefällig sei’s. Aber warum? Es ist ja hörbar höchst kunstvoll gesponnen. Und was könnte gegen Kunst sprechen, die ebendas: höchst kunstvoll ist und zugleich gut ankommt? Wenn das verwerflich ist, kann man den Laden auch dichtmachen.

Schön, dass es wieder losgeht. Manches ist, wie es immer war. Auch schön. Der Musikkritiker Alexander Keuk etwa diagnostiziert das Fortbestehen des philharmonischen Morbus Timpani.

Ein Teil des Publikums trägt Masken, ein anderer nicht, doch lautstarke Konflikte darüber wie einst sind nicht mehr zu vernehmen, es hat sich in dieser (letzten?) Phase der Pandemie alles ziemlich beruhigt. Andere Unnormalzustände herrschen jetzt. Der DB-Tower nebenan am Potsdamer Platz ist zappenduster, die Bahn braucht ihre Kilowatten fürs Kerngeschäft. Und Musikfestchef Hopp weist vorab noch auf ein besonderes Konzert hin, das erst kurzfristig ins Programm gerutscht ist. Ob man den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine bildungsathletisch als „sophokleische Katastrophe“ umschreiben sollte, sei zwar mal dahingestellt. Aber es ist ein gutes Zeichen, dass das Musikfest das Odessa Philharmonic Orchestra eingeladen hat. Es spielt am 6. September unter Hobart Earle neben Sibelius‘ Zweiter auch Musik der ukrainischen Komponisten Myroslaw Skoryk, Mykola Lysenko und Alemdar Karamanov.

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