Von Abgründen und Begegnungen: Teheran-Berlin-Travellers

Am kommenden Wochenende findet in Berlin das Festival TEHERAN-BERLIN-TRAVELLERS statt: Der Iran und die Musik heute – ein neuer Frühling? In aktuellen Werken iranischer Komponisten treffen die Teheraner Improvisations-Avantgardisten der Yarava Music Group auf das ensemble unitedberlin. Aufregend und lehrreich dürfte das werden. Ich habe zu dem Festival (hier das Programm) einen Einführungstext geschrieben, den ich vorab hier veröffentliche:

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Ligetiös: Karina Canellakis und Pekka Kuusisto beim DSO

Sein Violinkonzert hat György Ligeti für Pekka Kuusisto geschrieben! Auch wenn er bei der Komposition kaum gewusst haben dürfte, dass es den Kuusisto gibt, der war da gerade sechzehn. 1992 war das, Montserrat Caballé und der tote Freddy Mercury besangen die Olympiastadt Barcelona – Jahr der bizarren musikalischen Ereignisse also. Ligetis Konzert aber ist, wie sich bei der Aufführung in der Philharmonie mit der Dirigentin Karina Canellakis und dem Deutschen Symphonie-Orchester wieder zeigt, ein Werk von divinatorischer Schönheit und überirdischem Witz.

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Übermorgendlich: „Die Stadt ohne Juden“ mit Musik von Olga Neuwirth

Bei diesem beklemmenden, befremdenden Filmdokument werden die Zeitfragen, welche das Festival MaerzMusik sich derart wortreich-allzu wortreich ins Thinking konzipiert hat, mal fürchterlich sinnfällig: Die Stadt ohne Juden, ein österreichischer Stummfilm von 1924 nach einem 1922 erschienenen Roman von übermorgen von Hugo Bettauer. Jahrzehnte verschollen gewesen, erst Anfang der 1990er Jahre in einem niederländischen Archiv und dann 2015 auf einem Pariser Flohmarkt wiedergefunden, mit Hilfe von 700 Privatpersonen per Crowdfunding vom Filmarchiv Austria restauriert, während in Europa die Flüchtlingskrise gärte und Politiker in Österreich und den USA Wahlen gegen Flüchtlinge gewannen. Die österreichische Komponistin Olga Neuwirth hat eine ambitionierte, sinnliche, kluge und dennoch teils problematische Musik dazu geschrieben, die jetzt auch in Berlin aufgeführt wurde, im Haus der Berliner Festspiele.

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Flatterig: Fure, Janulytė und Neuwirth bei MaerzMusik

Zu den prägenden Jugenderfahrungen der Frau des Konzertgängers zählt das tagelange mysteriöse Flattergeräusch über dem Badezimmer der Studentinnen-WG. Schließlich untersuchte ein männlicher Übernachtungsgast einmal den Lüftungsschacht und fand Blut und Federn einer verendeten Taube. – Ungefähr so klingt der Beginn von Ashley Fures Bound to the Bow, das ein Programm der aktuellen MaerzMusik mit drei Komponistinnen und dem Konzerthausorchester unter Peter Rundel eröffnet.

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Zeitblubbernd: Eröffnung MaerzMusik mit Rzewski und Rădulescu

Nach der antiken Klepsydra ist eins der beiden Werke im Eröffnungskonzert der MaerzMusik benannt: einer der Sanduhr ähnlichen, nur eben feuchteren Wasseruhr. Das Plätschern und Blubbern von ablaufendem Wasser meint der Konzertgänger zu vernehmen, wenn er so durchs diesjährige Seminarprogramm des Festivals für klangbezogene Kunstformen (jede Menge Vorträge, Panels, Reading group etc.) und durch den Reader on Time Issues (Agamben, Diederichsen usf.) blättert. Einiges mag sich als aufschlussreich konkret herausstellen, etwa die „medienarchäologischen Zeitreisen“ der Tele-Visions. Dezente Schwerpunkte widmen sich z.B. den Komponistinnen Ashley Fure, Jennifer Walshe, Olga Neuwirth. Und die 30stündige Konzert-Exuberation The Long Now am nächsten Wochenende ist wieder Anker und Zielpunkt des Festivals.

Die Werke des ersten Abends im Haus der Berliner Festspiele sind wie klares Wasser – in einem dennoch strapazierenden Konzert, in dem der Durchlauf der Wasseruhr gelegentlich verstopft scheint.

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Arki abubu: Jörg Widmanns „Babylon“ an der Staatsoper

Kriegenburg, Widmann, Sloterdijk (v.l.n.r.) besichtigen eine Oper

Die Gedenkminute für den gestorbenen Michael Gielen vor der Premiere ist nicht nur die hustenloseste Minute der ganzen Saison, sondern auch der konzentrierteste Klang des Abends. Dabei wird die Stille ja auch später beschworen im wohl aufregendsten Auftritt überhaupt in Jörg Widmanns exuberantem Spektakulum Babylon, wenn das weite und schöne Gewölbe der himmlischen Stimme von Marina Prudenskaya als Euphrat im wallenden Flutenkleid sich an den Moment nach dem Rückgang der Sintflut erinnert. Da erschrickt der Himmel selbst vor der eigenen Tat, angeohrs dieser Stille, gleich einem Bett, in dem ein Kind gestorben ist. Glasharmonika und Akkordeon machen den Orchesterklang schwerelos. Ein wirklich anrührender Moment innerhalb einer Flutwelle von Sound und Gerede, die alles, was anrührend sein könnte, zu verschlucken droht.

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Nachhallig: Brahms zum Zweiten

Brahms-Versteher*innen

Nachhalligkeitssiegel für die Brahms-Perspektiven des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Robin Ticciati: Kommt man aus diesem und jenem Grund erst zwei Tage nach dem zweiten Konzert dazu, drüber zu schreiben, klingt und schwingt einem die Zweite Sinfonie D-Dur immer noch im Kopf. Das bestätigt den vortrefflichen Eindruck, den man schon Montagabend in der Philharmonie hatte. Auch und gerade, was die Koppelung mit zwei Stücken von Henri Dutilleux angeht.

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Transhuman: Viviers „Kopernikus“ an der Staatsoper

„Transhumane der Heiligen Galaxien“?

Eindrucksvolles Faszinosum Kopernikus von Claude Vivier im Alten Orchesterprobensaal der Staatsoper Unter den Linden: Versatzstücke aus allen möglichen östlichen, westlichen, westöstlichen Religionen und Philosophien stecken in dieser Opéra-rituel de mort von 1978/79, lauter Visionen und Verkündigung und Prüfung und Reinigung bis hin zur Entmaterialisierung. Und doch scheint das kein esoterisches Impfgegner-Eiapopeia wie Stockhausen in seinen schlimmsten Momenten (obwohl Vivier ja als Stockhausenschüler gilt). Kern der mystischen Chose scheint eine Art Kindwerdung im Tode.

Und ist Vivier nicht ein ausgesprochen kindlicher Komponist? Weiterlesen

Weiblichwa(a)gend: Kleine Bilanz des Ultraschall-Festivals

Drei beeindruckende Frauen prägen den Abschluss dieses Festivals: Simone Young dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester, die Solistin Séverine Ballon spielt das betörend schöne, auf ganz eigene Weise kommunikative Cellokonzert Guardian der Komponistin Chaya Czernowin. In doppeltem Sinn traumhafte Musik, über die Czernowin selbst schreibt: Manchmal wächst der Celloklang, bis er das Orchester in sich aufzunehmen scheint, wie ein vergrößerter Resonanzkörper. Dann wieder träumt das Orchester, ein Cello  zu sein oder eine einzelne Saite oder das Ende des Bogens. Aber nicht nur dieses letzte Werk, sondern das ganze Ultraschall-Festival für neue Musik 2019 ist eine erfreulich weibliche Angelegenheit. Weiterlesen

Ultraschall 2019: Tag 2 im Heimathafen Neukölln

Kurz vor Mitternacht sitzt eine Cellospielerin allein auf der Bühne. Mögen die Augen des Hörers allmählich zufallen, so öffnen sich noch einmal die Ohren am Ende dieses zweiten Ultraschall-Tages im Heimathafen Neukölln. Und die Herzen. Sollte tatsächlich irgendwer auch anno 2019 noch die elende Phrase rauskloppen, neue Musik wär eine verkopfte Angelegenheit, so müsste man ihn umgehend in ein Rezital der französischen Cellistin Séverine Ballon schicken. Denn das ist eine Erfahrung mit Haut und Haar, vom Scheitel bis zur Sohle, vom Ohr direkt ins Herz.

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Knautschig: Ultraschall-Eröffnungskonzert mit dem DSO

Einfach mal zuhören (Symbolbild)

Alle Jahre wieder, etwa zur Zeit des orthodoxen Epiphaniasfests, erwartet den Konzertgänger Ultraschall Berlin: jenes Festival, bei dem das Wetter noch schlimmer ist als bei der Berlinale, aber die Musik besser. Es ist entspannt, stellt ohne großes Brimborium fünf Tage lang die Stücke in den Mittelpunkt und schreibt neue Musik mit kleinem n. Alles in allem ein wohltuend konzentrierter Kontrast zum großspurigen Diskurs-Generve der MaerzMusik, die sich mittlerweile Festival für Zeitfragen oder internationales Festival für klangbezogene Kunstformen schimpft.

Kaum Diskurs, dafür drei sehr unterschiedliche Orchesterstücke gibts im Ultraschall-Eröffnungskonzert des Deutschen Symphonie-Orchester unter Sylvain Cambreling. Dafür ist man als Hörer dankbar. Weiterlesen

sch:wer:fällig: Beat Furrers „Violetter Schnee“ an der Staatsoper Unter den Linden

Gibts heutzutage eigentlich was Langweiligeres als Apokalypsen? Hat schon seinen Grund, dass das Genre gänzlich vom Blockbuster aufgesogen scheint. Auf der Opernbühne schien Ligeti schon 40 Jahren mit Le Grand Macabre, der das Breughelland heimsucht, alles zur Apokallüpse gesagt zu haben. Nun aber legt Beat Furrer mit seiner neuen Oper Violetter Schnee, einem Auftragswerk der Staatsoper Unter den Linden, noch eine apokalyptische Vision vor. Die spielt kurioserweise auch im Breughelland, aber ist eher bierernste Tiefgründelei als feuchtfröhliche Höllenfurzfarce. So rein vom reizvoll Musikalischen her bemüht man sich aber ganz gern, mittiefzugründeln. Weiterlesen

Doppelmessiast: RSB spielt „El Niño“ von John Adams, DSO „Messiah“ von Händel

Ja is denn heut schon Weihnachten – feinabgestimmte Programmplanung, wo gibts denn sowas? In Berlin sonst kaum, hier lief ja schon mal der Don Giovanni in der Staatsoper und gleichzeitig 600 Meter weiter in der Komischen Oper. Nun aber kann man an einem einzigen Wochenende überschneidungslos zwei wildwuchernde Heilands-Oratorien erleben: am Samstagnachmittag und Sonntagabend Händels Messiah in der Philharmonie, dazwischen am Samstagabend John Adams‘ El Niño im Konzerthaus. Ersteres mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem RIAS Kammerchor unter Robin Ticciati (mehr dazu unten); letzteres mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor unter Vladimir Jurowski. Weiterlesen

Kratzfeeallürig: Il Giardino Armonico verkuppelt Vivaldi mit dem dreckigen Halbdutzend

Have a new look at Vivaldi!

Nicht lang ists her (für manch einen noch gar nicht), da galt Vivaldi als die Steigerung von Telemann: öd, öder, Antonio. Wie konnte das passieren, da noch dem frühen Musikhistoriker John Hawkins Wildheit und Ungezwungenheit als Kennzeichen Vivaldis galten? In der lesenswerten Novelle Barockkonzert des kubanischen Schriftstellers Alejo Carpentier erlebt ein mexikanischer Reisender im venezianischen Ospedale della Pietà eine elektrisierende nächtliche Jam Session Vivaldis mit Scarlatti, Händel und einem dunkelhäutigen Diener. Die „moldauisch-österreichisch-schweizerische“ Musikreisende Patricia Kopatchinskaja ist nun on the road mit Giovanni Antoninis Giardino Armonico, der so kompetent wie open minded musikgärtnert: zwecks Vivaldi-Re-Elektrifizierung. Auch wenn Puristen und Muffel argwöhnen, hier würde Vivaldi auf den elektrischen Stuhl gesetzt. Weiterlesen

Aktivstruppverdichtend: JACK Quartet im Kammermusiksaal

Lost and found im dichten Aktivitätsgestrüpp

Kontrastprogramm in der Philharmonie: Während in der Großen Halle des Musikvolkes Herr Lang und Frau Mutter zu Ehren von Tausendzweihundert Jahre Deutsche Grammophon festkonzertieren, setzt es im Hinterhaus eine bunte Mischung Neues, Modernes, Zeitgenössisches. Am Eingang zu jenem Querhörgebäude steht sicherheitshalber eine freundliche Mitarbeiterin, die jeden Herantröpfelnden besorgt fragt, ob er wirklich zum JACK Quartet wolle.

Keine Ahnung, antwortet ein älterer Herr im feinen Zwirn, muss ich meine Frau fragen. Weiterlesen