Sterntanzend: Berliner Philharmoniker spielen Strawinsky, Zimmermann, Rachmaninow – und nächtlichen Grisey

Dreierlei Tanzmusiken in der Philharmonie. Nein, viererlei. Denn nach dem Konzert der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko tanzt es sich erst so richtig sternwärts – im nächtlichen Foyer.

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Phremde Phedern: Jüri Reinveres Beethoven-Oper „Minona“ in Regensburg

In besonderen Fällen schreibt hier auch einmal eine Phremde Pheder – dann aber nur die ethelste: Julia Kaiser über die Uraufführung von Jüri Reinveres Oper MINONA – EIN LEBEN IM SCHATTEN BEETHOVENS in Regensburg

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Läppisches und Sprengendes: Kleine Fazite zum Ultraschall-Festival 2020

Nur doofe Männer sagen noch „starke Frauen / Schriftstellerinnen / Komponistinnen etc pp“. Denn das klingt, als wäre es etwas Besonderes, ganz Außergewöhnliches. Vielleicht besser so: Drei großartige Komponistinnen haben den Konzertgänger beim diesjährigen Ultraschall-Festival für neue Musik besonders beeindruckt. Für die Tiefpunkte scheinen hingegen, sprechen wir’s aus, vorwiegend Männer verantwortlich.

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Albtraumleicht: RSB mit Jurowski spielt Nikodijević und Mahler

Wichtige, lobenswerte, erfreuliche Durchlässigkeit vom Spezialistenreservat in den normalen Konzertbetrieb und umgekehrt: Der aus Serbien stammende Stuttgarter Komponist Marko Nikodijević, dessen Musik das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Vladimir Jurowski vor Mahlers Vierter spielt, ist auch beim gerade laufenden Ultraschall-Festival für neue Musik zu hören. Und Nikodijevićs „да исправится / gebetsraum mit nachtwache“ scheint beim RSB-Publikum im Konzerthaus großteils gut anzukommen; trotz einer Dame, die zwanzig Minuten lang immer wieder „Das ist doch keine Musik“ murmelt, wie dem Konzertgänger in der Pause berichtet wird.

Let me tell you about paradise …
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Ultraschall 2: Jack Quartet & Trio Accanto im Heimathafen Neukölln

Hohe Präsenz von Insekten in der neuen Musik: Wespe hieß mal ein Stück von Enno Poppe (der dieses Jahr ausnahmsweise nicht beim Ultraschall-Festival für neue Musik zu hören ist), und Wespen kommen gleich in zwei Titeln der italienischen Komponistin Clara Iannotta vor, deren Werk das JACK Quartet ein ganzes Programm widmet.

Clara Iannottas musikalische Handschrift ist hoch charakteristisch, nicht nur, weil alle gespielten Stücke Streichquartette sind.

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Ultraschall: Sarah Nemtsov und Geschwister Widmann zur Eröffnung

Eröffnungskonzert von Ultraschall, des alljännerlichen Neue-Musik-Festivals, in dem ganz altmodisch die Musik im Mittelpunkt steht und nicht Diskurse, Desen, Demperamente. Das Deutsche Symphonie-Orchester kommt in den rbb-Sendesaal, vor dem sich die von allen Berliner Konzerthäusern schlechtesten Fahrradständer befinden, nämlich gar keine (angesichts der gigantischen Parkplatzlandschaft auf und um die circa 150spurige Masurenallee fast schon eine Leistung). Aber musikalisch fängt das Festival prima an; zumindest die ersten 18 Minuten.

Reich mir das halbleere Glas! (Quelle: Wellcome Library)
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Verunruhigt: Saisoneröffnung Spectrum Concerts

Andere musikalische Institutionen starten dieser Tage in die Rückrunde, die Spectrum Concerts Berlin hingegen eröffnen die Saison. Dafür ist weder Spleen noch ein julianischer Konzertkalender verantwortlich, sondern die ein Leben lange Mühsal dieser Reihe, sich an ebendiesem zu halten, dem Leben nämlich: Ein halbes Jahr Pause gabs mal, drum beginnt die 32. Saison erst nach 31,5 Jahren. 2020 wird ein Jahr der großen Besetzungen, mit Quin-, Sex-, ja Oktetten. Im Eröffnungskonzert im Kammermusiksaal der Philharmonie gibts sogar Vigintiduette und zwei besondere Violinkonzerte.

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Adventürlich: Dietrich Henschel und Andreas Scholl singen Ungewohntes

Weihnachten mal anders!

Zweimal Adventssingen der besonderen Art: Der Bariton Dietrich Henschel stellt im Konzerthaus zwölf von ihm selbst in Auftrag gegebene Weihnachtslieder der Gegenwart vor. Der Countertenor Andreas Scholl loungiert sich im Kreuzberger Watergate-Club durch die Jahrhunderte. Musikalische A(d)ventiuren!

Während am Gendarmenmarkt das terroristensicher einbetonierte Weihnachtsmarkt-Vergnügen knistert und im Großen Saal der Dresdner Kreuzchor tiriliert (der, so Joachim Gauck, seit Jahrhunderten die Seelen der Menschen zu ernähren vermöge), lassen wir gegenwartsmusikgierigen Hirten uns vom Felde in den hübschen Werner-Otto-Saal locken, im Konzerthaus ganz oben rechts. Da hört man zwar öfter mal durchs verdunkelte Fenster die Polizeisirenen – oder sinds die Sanitätersirenen für überglühweinte Marktbesucher? Aber die können das Vergnügen an Dietrich Henschel nicht mindern. Zwölf Fünfminüter hat er in Auftrag gegeben, die sich alle, wie auch immer, auf Weihnachten beziehen sollten. Hier nun also die Weltpremiere! Die älteste Komponistin ist 76, die jüngste 32. Fünf Frauen, sieben Männer übrigens, eine ansehnliche Quote.

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Kammerherzig: Chaya Czernowins HEART CHAMBER und Brittens DEATH IN VENICE an der Deutschen Oper

Auf in die verborgenen Herzkammern

Ambitionierter Programm-November, und das Publikum zieht ziemlich mit: Die Saalgläser an der Deutschen Oper sind eindeutig halbvoll. Denn immerhin gibts hier erst eine anspruchsvolle Uraufführung, Heart Chamber der israelischen Komponistin Chaya Czernowin, dann Benjamin Brittens letzte und längste Oper Death in Venice. Von der befürchteten gähnenden Leere jedenfalls in den besuchten Vorstellungen am 21. und 22. November keine Spur. Und? Erreicht diese Musik nicht nur das Sitzfleisch, sondern auch die Herzkammern des Publikums?

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Fegeprügelnd: Markus Hinterhäuser spielt Galina Ustwolskaja

Klavierabend (Symbolbild)

Die Chopin pur-Plakate an Stromkästen und Bauzäunen kennt jeder in Berlin, aber im Pierre-Boulez-Saal gibts Galina Ustwolskaja pur. Ja, für sowas wurde die Bude gebaut! Der Pianist Markus Hinterhäuser spielt an einem Abend etwa ein Sechstel des Gesamtwerks dieser sehr speziellen russischen Pianistin, das dauert eine gute Stunde, danach bluten ihm vermutlich die Hände.

Denn die pianistischen Erfordernisse sind von der Art, dass Klavierspieler, die sich an Ustwolskajas Sonaten machen, erhöhte Beiträge zur Berufsunfähigkeitsversicherung entrichten müssen.

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Freispinnend: Gidon Kremer, David Zinman, KHO spielen Gubaidulina und Schubert

Eine schon liebgewonnene Herbst-Institution sind die Hommages, die das Konzerthaus Berlin seit einigen Jahren veranstaltet. Zuletzt galt sie den Wiener Philharmonikern, einem Ensemble also. Das war ein Sonderfall, entstanden wahrscheinlich aus der günstigen Gelegenheit. Sonst wurden stets einzelne herausragende Musiker geehrt: Die Hommage an den bereits 2007 gestorbenen Rostropowitsch war dabei schon eine Geisterbeschwörung. Die an Nikolaus Harnoncourt kam gerade noch rechtzeitig. Alfred Brendel war, ohne selbst Klavier zu spielen, sehr präsent – als Persönlichkeit und in seinen Schülern. Die Kunst des Geigers Gidon Kremer aber, der man heuer Honneurs erweist, scheint sich auf ihrem Zenit zu befinden, wie seine Interpretation von Sofia Gubaidulinas Violinkonzert Offertorium am Eröffnungswochenende zeigt.

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Sturzdämmernd: Premiere von Hans Werner Henzes THE BASSARIDS an der Komischen Oper

Hütet euch, Söhne, wenn die Mütter tanzen gehen!

Wo steckt Henze? Im Berliner Konzert- und Opernleben der letzten Jahre war er jedenfalls kaum mehr zu entdecken. Jetzt aber haben sich an der Komischen Oper Berlin zwei Musiktheater-Babos (um mal wieder diesen schönen Begriff eines bekannten Rappers namens Strafzettel zu zitieren) die Oper The Bassarids von Hans Werner Henze vorgeknöpft: Barrie Kosky inszeniert – ein bisschen. Vladimir Jurowski dirigiert – immens.

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Begegnungsreich: Match Cut Festival in der Volksbühne

Lauter lohnende Begegnungen!

Wenn ein Konzertabend mehr Nettomusikzeit bietet als eine Götterdämmerung, kann man ihn mit Fuge und Hecht als Festival bezeichnen. Beim bemerkenswerten Match Cut Festival, das das Zafraan Ensemble mit Partnern am Tag der deutschen Einheit auf die Beine gestellt hat, ist die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz durchaus respektabel gefüllt. Die gebotene Musik ist freilich so reich und, horribile dickduck, hörbar, dass eigentlich nicht nur die üblichen Neue-Musik-Interesse-Verdächtigen da sein sollten, sondern der Saal auch vor Otto Normalverhörern platzen müsste. Tja, der nachhaltig versaute Ruf der „modernen Musik“ – auch wenn die Plagen des Serialismus schon circa 350 Jahre zurückliegen.

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Walla! Walküren und andere Wale beim BAM!-Festival

Wagnerianer wagt sich an „zeitgenössisches Musiktheater“ heran

Endlich eine gelungene Inszenierung der Todesverkündigung! Leider nicht im milleschweren Regie-Murks an der Staatsoper Unter den Linden, wo der aktuelle Ring des Nibelungen (musikalisch famos) gerade zum letzten Mal läuft. Dafür, wer hätte das gedacht, beim BAM! Berliner Festival für aktuelles Musiktheater an der Volksbühne Berlin und ein paar anderen Berliner Spielstätten. The Whale Whale Song nennt sich da ein neues Stück eines Kollektivs mit dem feinen Namen Hauen und Stechen, das in freier Assoziation durch alle Walgeschichten der Welthistorie flukt – inklusive Wagners Wal-Küre.

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