Sternfallend

Der RIAS Kammerchor singt Musik aus Jahrtausenden und die Uraufführung von Jüri Reinveres „Die Vertreibung des Ismael“

„Ist Gott mit den Sternen?“, fragt der kleine Ismael in der nächtlichen Wüste, in die er mit seiner Mutter Hagar vertrieben wurde (vertrieben, wie es auch heute Millionen Menschen werden), und: „Können die Sterne auch runterfallen? Sieht das dann so aus wie Regen?“ Der Glaube droht sich im Niederschlag aufzulösen, Gottessturz. Aber die Mutter antwortet dem Kind nicht mehr, sie schweigt. Und Engel sind anscheinend auch nicht zu erwarten. Es ist der beklemmende Schluss von Jüri Reinveres Die Vertreibung des Ismael, einem Vokalwerk nach der Erzählung aus Genesis, das der RIAS Kammerchor unter Justin Doyle eindrucksvoll im Kammermusiksaal der Philharmonie aufführt. Und bei diesen ins Leere fallenden letzten Fragen des unglücklichen Kindes (das in der koranischen Überlieferung einer der großen Propheten und Erbauer der Kaaba sein wird) widerhallt im Ohr Musik aus dem 13. Jahrhundert, die der Chor zuvor sang: Santa Marìa, Strela do día. „Tagesstern“: So heißt die Muttergottes in dem galicisch-portugiesischen Gedicht aus einer Sammlung des kastilischen Königs Alfonso X el Sabio. Es gehört zum gewichtigen ersten Konzertteil, der weit mehr als eine Hinleitung auf die Uraufführung ist.

Eine Welt- und Zeitreise ist dieser erste Teil, das west-östliche Ismael-Thema und Begegnung/Gegnerschaft der abrahamitischen Religionen in weiten Kreisen umspielend: von einem Allah-Lobpreis aus dem Medina des 6. Jahrhunderts über Marienhymnen des 12. bis 14. Jahrhunderts oder Dufays Klage über den Fall Konstantinopels bis zu Franz Schuberts Gesang der Geister über den Wassern nach pantheistischem Poem Goethes. Schuberts Gesang, nur für Männerstimmen, steht einladend am Beginn des Programms. Und die hohe Differenzierungskunst des RIAS-Chors, bei dem man überdies jedes Wort versteht, lässt nie auch nur einen Hauch von Männergesangsverein-Concordiahaftigkeit aufkommen. Der unpolierte Klang der historischen Streichinstrumente, mit denen das Ensemble Resonanz die menschlichen Stimmen begleitet, Bässe in Wandermotiv unter klarem Wasser, ist eine optimale Stütze. Zwischen den Chorstücken spielt das Ensemble dann instrumentale Ritornelle von Monteverdi, was erstaunlich gut funzt. So folgt man gern der Wunderreise voller Entdeckungen. Und stößt dabei etwa auf einen, man möchte fast sagen: erotischen Chanson wie Morenica, sephardischen Ursprungs, behutsam arrangiert vom israelischen Komponisten Ohad Stolarz.

Was einen sehr in Bann schlägt, ist der unbekümmerte Schwung, den der Chordirigent Doyle den mittelalterlichen Gesängen gönnt, die ja nur in rudimentärer Notation vorliegen: Stark rhythmisiert ist das, oft tänzerisch. Bei den markanten Akzenten im Mittelteil von Alfonsos Santa María, strela do día wage ich gar ganz unsachgemäß an Flamenco zu denken! Und wie Doyle es begrüßenswert häufig tut, öffnet er auch diesmal ein Türchen in der Schatzkammer der britischen alten Musik: mit Robert Ramseys When David heard that Absalom was slain, einem herzzerbarmenden Stück aus dem frühen 17. Jahrhundert.

Diesem Reichtum steht mit Reinveres Vertreibung des Ismael, die bereits im Frühjahr 2020 uraufgeführt werden sollte (es kam dann was dazwischen, Sie wissen schon), ein dramatisch straffes, dennoch vielschichtiges Werk gegenüber. Ich, ich, ich: So lässt sich Abrahams Lieblingssklavin Hagar eingangs vernehmen, werdende Mutter des Ismael, die am Ende so fürchterlich in die Wüste gejagt sein wird. Die Altistin Hildegard Rützel singt sie mit dem Stolz einer Frau, die sich vor der Chance ihres Lebens wähnt, von der Sklavin zur Herrin zu werden (was nicht etwa heißt, die Sklaverei abzuschaffen, sondern nur die Machtverhältnisse umzudrehen). Doch die aufschwirrenden und absirrenden hohen Streicher, die den Anfang des Werks prägen, versprechen keine stabilen Verhältnisse. Und auch ohne die biblische Geschichte zu kennen, sähen wir ihren Sturz voraus angesichts des unsteten Volks, das da um sie wimmelt.

Dieses Volk spielt eine Hauptrolle, was für ein Auftragswerk eines solch kompetenten Chors nur sinnvoll ist. Die „soziale Dynamik“, von der Reinvere spricht, ist ein Schrecknis: das ewige gesellschaftliche Pendeln, mit Extrem-Ausschlägen zu allumfassender Empathie oder eben rasewilliger Blutrunst. Das Volk ist kein natürlicher Mob, aber die Möglichkeit der Gewalt ist ihm immer inhärent – selbst in der scheinbaren spirituellen Intaktheit einer Welt, in der noch „die Engel wie Vögel“ fliegen, wie es in Reinveres selbstverfasstem Libretto heißt. Das Gottesnahen im zweiten Teil ist ein musikalischer Höhepunkt, wie überhaupt die Momente der Stille faszinieren, voller Summen und Flageolettklänge, die lux aeterna und sogar quasi-elektronische Klänge evozieren. Die „Ewigkeit“ fächert sich dann in den Stimmen auf, dass man sich in der Psalmensinfonie wähnt. Doch Langeweile, Wankelmut, Neid führen zum fatalen Umschlag. Die Sprech-Passagen sind für mich die weniger überzeugenden Passagen: Das Sätze-Aufsagen der Solisten, die so gut singen können, ist nicht frei von einer gewissen Kirchentags-Steifheit und das dreimal wiederholte „Mensch, ist das langweilig“ ein etwas eingestaubter Witz (auch wenn sich die Bedeutung des Satzes hier nicht im Witz erschöpft, sondern die Langeweile eben Ungeheuer gebiert). Aber dramatisch funktioniert es dann doch, als Ruhepassagen im Geschehen, in denen sich doch das Folgende anstaut. Um schließlich in einer bizarren Turba über Pizzicati zu kulminieren: Tötet sie!

Der Name Ismael war schon für Melville Chiffre des Ausgestoßenen schlechthin. Das zweite Zentrum des Werks, neben dem „Volk“, bildet allerdings eher ein Frauenduell. Hagars Gegenspielerin Sara, Abrahams Frau, ist von einer frösteln machenden Festigkeit, die bis zur Eiseskälte geht. Der Sopranistin Anja Petersen gelingt dabei das packende Porträt einer aus Verletzung verhärteten Frau.

Der alte Abraham aber – schweigt. Vom Anfang bis zum Schluss. Jenem Schluss, wo über Zikaden und unter Sternklirren die sirrende Wüstennachtstimmung entsteht, in der Gott und Verzweiflung nah beieinander sind. Und es zur kindlichen Schreckensvision der abregnenden Gottsterne kommt und der verstummten Mutter, die doch gerade noch Ich, ich, ich deklamierte. Der letzte Vers Ismaels (gesprochen von Mi-Young Kim) lautet: Mutter?

Sprachklar und anschaulich ist die Musik von Jüri Reinvere, immer nah an Text und Thema statt irgendwie „meta“ oder selbstreflexiv. Sie wählt gleichsam spontan die Mittel, die ihr Thema tragen: hier geräuschhaftes Kratzen, dort streichender Wohllaut. Ungewöhnlich für Gegenwartsmusik, ja unzeitgemäß scheint auch Reinveres Interesse an theologischen Fragen. Fasziniert liest man von Reinveres Erinnerungen an seine Gespräche mit dem alten Ingmar Bergman, einer Gestalt wie aus der mythischen Urzeit des durch und durch ernsthaften Films. Und in Reinveres Vertreibung des Ismael findet selbst jenes schreckliche Matthäuszitat Platz: „Sein Blut soll auf uns kommen“ – in einer Wendung freilich, die alles umfärbt: „und reinigen von dieser Schande… damit wir endlich in Frieden leben“. Hoffnung statt Verdammung. Dazu passen gleich zwei Zugaben: ein Wiegenlied im Persischen der afghanischen Hazara und ein auskomponiertes ukrainisches Gebet aus dem 19. Jahrhundert, das nicht nur dem dirigierenden Justin Doyle ersichtlich die Tränen in die Augen treibt.

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