Feuertortig

DSO, Ticciati, Christian Tetzlaff spielen Brahms und Elgar

Johannes Brahms und Joseph Joachim bei der Vorbereitung der Uraufführung des Violinkonzerts im Dezember 1878

Robin Ticciati, Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin, ist niemals faul oder bequem oder würde es sich leichtmachen – im Gegenteil. Und dafür lieben ihn das Publikum und sehr spürbar auch seine Musiker. Auf mich wirkt er nicht immer, aber immer wieder mal vor angespannter Ambition, sagen wir, unfrei. Auch bei Johannes Brahms‘ Violinkonzert meine ich das zu spüren. Das soll oder besser muss ein Brahms ohne Goldrand und Rauschebart werden, keinesfalls tortig! Darin ist der Dirigent mit dem Solisten Christian Tetzlaff einig.

Bedenklich hektisch scheint mir Ticciatis Körpersprache anfangs, voller Fuchteln und Beugen. Bei Tetzlaff ist es ähnlich, auch wenn es organischer wirkt. Aber fast ist einem, als sähe man da Rumpelphilipp und Zappelstilzchen auf dem Podium der Philharmonie. Die Beschreibung des optischen Eindrucks klingt nun vielleicht kritischer, als es gemeint ist. Es ist ja enorm einnehmend, dass die beiden Musiker in dieser großen Musik, die – seien wir ehrlich – auch mal runtergespielt wird, wild entschlossen sind, keine Nebensächlichkeit zu dulden. Wie Tetzlaff aus zerklüftetem Beginn seines Parts alsbald in den ruhevoll leuchtenden Ton einstimmt, den das Orchester eingangs vorstellte (trotz unruhigem Fuchteln), das ist berührend. In der Kadenz wird sich diese Art Umschlag imposant wiederholen.

Ticciati ließ vor einigen Jahren in seinem Brahmszyklus die Erste (die bei mir den stärksten Eindruck hinterließ) in der „schlanken“ Meininger Besetzung spielen. Davon kann beim großbesetzten und mächtig klingenden Violinkonzert keine Rede sein. Man muss nicht so weit gehen wie der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz, der in seinen Berliner Notizen vor gut einem halben Jahrhundert Violinkonzerte in der Philharmonie rundweg in Zweifel zog. (Wenn ich mich recht erinnere, verstieg er sich hinsichtlich der Anforderungen ans Soloinstrument gar zu einem Vergleich mit Pinkeln in einem riesigen Schwimmbecken; aber vielleicht habe ich das nur retrospektiv hinzugedichtet.) Tetzlaff ist ja nicht nur virtuos, sondern eminent durchsetzungsfähig. Und er scheint ganz einig mit dem Dirigenten. Dennoch hapert es hier für mich an der schwer zu greifenden Kunst, „ein Ganzes“ entstehen zu lassen: Der unbedingte Wille, jeden einzelnen Moment maximal zu erfüllen, kann als Übererfüllung zum Hindernis werden. Und es mag zwar an den Bogenhaaren herbeigezogen sein, denn solche Dinge passieren auch bei ganz lahmen Interpretationen: Aber dass einer Cellistin die Saite reißt und dem Solisten im begeisterten Schlussjubel die Schulterstütze abfällt, passt für mich zur Atmosphäre des Überdruckvollen.

Doch halt: nicht das Kinn mit dem Barte ausschütten! Tetzlaffs Ton ist ja traumhaft schön und im Adagio von einer Glut, dass man sich gar an die alten Meister(innen) des Instruments erinnert fühlt. Und im orchesterseits nicht völlig bumperfreien Finale sieht man bei Tetzlaffs Trillern Kolibris durch den Saal blitzschwirren, und im finalen Giocoso gibt er auch mal den schratigen Clown.

Keine Spur von dirigentischem Stumpelrilzchen dann mehr in Edward Elgars 2. Sinfonie Es-Dur, uraufgeführt 1911. Diese phantastische Aufführung schließt noch immer eine Lücke im Berliner Hörplan. Und man denkt auf einmal: Vielleicht drückt den Ticciati auch nur diese leidige Deutschberliner Brahms-Manie, mit der schon Rattle immer wieder von Kritikern gemobbt wurde. Ticciatis Elgar fließt völlig selbstverständlich und, jawohl: frei – üppig sich entfaltend, singend, schwelgend, trauernd. Sowas von nobilmente, dabei fetter Sound, aber ohne je zu verpampen: Das ist sowohl komponisten- als auch interpretenseits toll. Was für ein großartiges Orchester das DSO doch ist.

Das Werk mag eine Sinfonie gewordene postviktorianische, in Goldflammen lodernde Hochzeitstorte sein. Aber da ist ein derart unerschöpflicher Reichtum an klanglichen Reizen und eine so entzückende kuriose Verbindung von hochpompösen und ganz persönlichen Elementen, dass es eine Art hat. Komplexe Großarchitektur und zugleich prächtiger Schinken (um eine Alternative zur „Torte“ anzubieten). Traumhaft ist übrigens der melancholische Schluss nach all dem Brimborium. Das Ganze zuvor klingt weit weniger nach Brahms, auch wenn dieser Vergleich (mit Einschränkungen) in der Einführung angeboten wurde. Viel stärker sind die dunklen Mahlerfarben, die Meistersingerpracht, auch Straussfülle. Und eben und vor allen Dingen: das absolut Elgarhafte. Also, kommen wir einfach zur tiefenanalytischen conclusio: Das ist schon geiles Zeuch.

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