Unvollendlich: Radu Lupu spielt Schubert

Radu Lupu ist kein Pianist für so eine Hitze. Im Grunde wirken 33 Grad im Schatten wie eine Unverschämtheit gegenüber Radu Lupu. Aber zum Glück ist der Pierre-Boulez-Saal (der soeben seine neue, wieder hochkarätige Saison 18/19 präsentiert hat) halbwegs radulupugemäß temperiert, sogar im geschwungenen Rang.

Was nicht bedeuten soll, Radu Lupu spielte seinen geliebten Franz Schubert lau. Die Kontraste im ersten Satz der Sonate a-Moll D 784 (1823) sind stark. Wo ein pp oder ff steht, schmuggelt Lupu kein m hinein. Die vier eröffnenden Töne suchen sich selbst, die unerbittliche Exposition ist dann wie in Stein gemeißelt. Der anschwellende Triller im Bass, von pp nach ff, ist ein aufregendes Ereignis. Weiterlesen

Promenierend: Berliner Philharmoniker, Sokhiev, Bronfman spielen Prokofjew, Beethoven, Mussorgsky/Ravel

Zu Zweidritteln perfekt kindergeeignetes Programm bei den Berliner Philharmonikern, zu dem der Konzertgänger denn auch (Artemisquartett im Kammermusiksaal hin oder her) tiefstenentspannt mit seiner höchstgeschätzten Tochter promeniert, um’s von knapp unter der Saaldecke zu goutieren. Tugan Sokhiev dirigiert, stets gern gesehener Gast. Der rote Faden des Programms bleibt ein bissl scheinig, wischiwaschi, ein Genuss ist es aber allemal, und wischiwaschigen Klang gibts bei Sokhiev nie. Weiterlesen

Demütig erfüllend: Brad Mehldau Trio im Konzerthaus

Mal aus einer Parallelnischenhochkultur in die andere huschen: In der Klazzik-Reihe des Konzerthauses Berlin spielt das Brad Mehldau Trio in der Besetzung Klavier/Kontrabass/Schlagzeug. Der Konzertgänger ist in punktibus Jazziana wahrscheinlich der ahnungsloseste Hansotto im ganzen Saal: jener Hirbel oben im zweiten Rang, der vorher nach einem Programmheft fragt und mittendrin nach dem Seitensatz auf der Dominante sucht. Dabei scheinen im Parkett die Fans zu sitzen, im Rang die Kenner, aber er bleibt trotzdem oben. Denn seine jungen, gutaussehenden und sophistikäteten Sitznachbarn wirken in ihrer andächtigen Hörhaltung (würde man sich bei manchem klassischen Konzert wünschen) so sanftmütig, tolerant und paradox tiefenentspannt wie Brad Mehldau himself am Klavier. Weiterlesen

Hörstörung (23): Unbezahlbarer Gast beim unbezahlbaren Sokolov

Seine bereits vor einem Jahr erworbene, für eine Mega-Feger-Weltikone wie Grigory Sokolov gar nicht sooo teure Eintrittskarte hat der Konzertgänger heuer mit schmerzlicher Freude der unbezahlbaren, nach einer endlose Monde währenden kleinstkindbetreuungsbedingten Konzertpause musikdürstenden Schwester der Tochter der Großmutter seiner unbezahlbaren Kinder überlassen …

… die berichtet, es sei hinreißend gewesen.

Details, kritische Analyse? Haydn. Schubert. Und sechs Zugaben, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Nachtrag: Kritiken in der NZZ (Julia Spinola), Kulturradio (Göbel)

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Dreiflügelig: Bach mit Vinnitskaya, Hadzigeorgieva, Koroliov und Kammerakademie Potsdam

Wenn die Kammerakademie Potsdam es regelmäßig nach Berlin schafft, kann mans als Berliner auch mal zur Kammerakademie nach Potsdam schaffen. Zumal bei einem so raren Programm mit so erlesenen Solisten. Zwar kommt man sich als Berliner in Potsdam immer ein bisschen vor wie der Gassenstrolch im piekfeinen Nachbarhaus. Aber die Potsdamer sind gastfreundlich, zumal im entspannten Nikolaisaal, wo man behaglicher sitzt als auf den meisten Berliner Konzertsesseln. Unbehagen nur ein paar Stunden vorher, wenn man bereits im aprilsommerlichen Potsdam eingetroffen ist, voller Vorfreude auf drei koryphänomenale Pianisten, die Bach, Bach und nochmals Bach spielen sollen — und dann spazierengehenderweise am Eingang des Nikolaisaals liest:

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Bemerkenswertig: Le Concert Olympique spielt prometheischen Beethoven

Wenn schon, dann richtig: entweder gar nicht mehr Beethoven spielen oder nur noch Beethoven. Ersteres schlug Lothar Zagrosek mal vor, zumindest für ein Jahr. Letzteres tun die Musiker von Le Concert Olympique, zumindest mehrmals im Jahr – immer wenn Jan Caeyers, Gelehrter und Dirigent von genialer Einseitigkeit, diese Musiker aus verschiedenen Ensembles zu einem neuen Projekt seines Tournee-Orchesters zusammenruft. Wurde auf der letzten Herbsttournee Beethoven noch in Haydn gespiegelt, steht Beethoven im Kammermusiksaal der Philharmonie diesmal Beethoven gegenüber; außerdem gibts noch Beethoven. Das Konzert ist dennoch, oder gerade deshalb, das Gegenteil von Smoothest of Wiener Klassik.

Leitfaden ist die Entwicklung des Prometheus-Themas bei Beethoven kurz nach 1800. Weiterlesen

Nutzenfreudig: DSO-Saisonvorschau und Konzert mit Ticciati und Aimard

Woche im Zeichen des Deutschen Symphonie-Orchesters: erst die Vorstellung der kommenden Saison 2018/19, dann ein so verknapptes wie ausschweifendes Konzert mit Chefdirigent Robin Ticciati und dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard. Am Abend eines dieser Qual-der-Wahl-Sonntage, an dem auch das RSB ein hochinteressantes  Totentänze-Konzert gab und es im Konzerthaus von früh bis spät brahmste. Weiterlesen

Gedämpft profiliert: Piotr Anderszewski im Boulezsaal

Interessante chemische Versuchsanordnung: der Stimmungskünstler Piotr Anderszewski im Pierre-Boulez-Saal, dem üble Lästerzungen ja Plenarsaal-Atmosphäre nachreden. Wird das gutgehen, fragt man sich vor dem Haus stehend, während Profilierungsfahrer die Französische Straße runterbrettern, ein Blitzermarathon schert ja keinen Totfahrer nicht. In der verblüffenden Aprilsommerabendsonne steht auch Nike Wagner, konzentriert in die Lektüre des Programmhefts vertieft, das Gegenteil eines Profilierungsfahrers.

Und Anderszewski ist wahrlich das Gegenteil eines Profilierungspianisten. Weiterlesen

Schlangenbeschwörend: Kirill Petrenko, Yuja Wang, Berliner Philharmoniker mit Dukas, Prokofjew, Franz Schmidt

Obwohl Kirill Petrenko ja mal einige Jahre Generalmusikboss der Komischen Oper war, haben die Auftritte des zukünftigen Chefs der Berliner Philharmoniker in Berlin derzeit etwas Unalltägliches, ja Rar-Auratisches. Und so ist auch dieses merkwürdige bis verschrobene Programm unalltäglich, rar, auratisch. Weiterlesen