Gewitterblütig: Krystian Zimerman spielt Brahms und Chopin

Hochmusikalisches Gewitter schon vor dem Konzert! Mit kolossalem Starkregen zwar, aber gerade so ausgeregnet, dass man noch pünktlich in die Philharmonie kommt – per Rad jedenfalls um herabgestürzte Äste herum, mit der Bahn dürfte es schwieriger gewesen sein, und das erklärt vielleicht ein paar freie Plätze beim Klavierabend von Krystian Zimerman. Denn der ist ja fast so ein polnisches Nationalheiligtum wie Chopin.

Aber zuerst spielt er Brahms. Hand aufs Herz, hört noch irgendwer gern frühen Brahms? So richtig gern? All dieses Knallen und Donnern und Klirren, durch das man in der 3. Sonate f-Moll von 1853 erstmal muss! Das Unwetter draußen war ja nichts gegen die Durchführung des Kopfsatzes. Aber sobald man’s wieder durch so eine Kraftmeierei geschafft hat und es sich tranquillamentiert und singt, ach, welch Wehmeierei. Es leuchten die hohen Töne, die Mittellage trägt dich.

Und natürlich hat bei Zimerman weder Kraft noch Weh irgendwas Angeberisches. Er reißt konzise das Dach vom Seelenhaus des jungen Brahms, der da bei den Schumanns hereinflockte, mit dem allseitigen Kuddelmuddel der aufgerührten Herzen dann. Und natürlich spielt Zimerman auf seinem eigenen Steinway-Flügel, der beweist, dass eben nicht alle Steinways gleich klingen. Er bastelt und schraubt und modifiziert ja wohl auch ständig dran rum, auch das hoher polnischer Geist: den Notbehelf aus der einstigen Mangelwirtschaft zur hohen Kunst erhoben! Und so ist Zimerman irgendwie nerdiger Grandseigneur und perfektionistischer Künstler zugleich.

Zumal von seinen drölfzehnzig verschiedenen Tastaturen, mit denen Zimerman herumreist, weiß die musikjournalistische Legende viel voneinander abzuschreiben. Heute Abend habe er eine Brahms-Tastatur drangebastelt, lässt er am Ende in leisem, vorzüglichem Deutsch wissen.

Das Scherzo ist nun in Brahms‘ fünfsätziger f-Moll-Sonate (mit trauermarschigem Intermezzo vor dem Finale, bei Zimerman einem Muster an Rubato) in die Mitte gerückt, und es klingt hier am stärksten aus einem Guss, voller Spannung in jedem einzelnen Ton. Und das passt ja vorzüglich, weil in der zweiten Konzerthälfte noch vier Scherzos folgen. (Nachtrag: Oder „Scherzi“? Siehe Diskussion im Kommentarbereich.) Die von Chopin nämlich, alles andere als scherzhaft bekanntlich, und ureigenes Zimerman-Terrain, auch auf Brahms-Tastatur. Auch scheinbar Wohlbekanntes wie die ersten beiden Scherzos in h- und b-Moll bersten von Überraschungen und Erschreckendem. Diese Zimerman-Pausen, wie die Pause zwischen Blitz und Donner, auch im Lyrischen! Geradezu unverdaulich wirkt der Beginn des 3. Scherzos cis-Moll, diese atonal anmutenden Kaskaden. Das vierte aber, E-Dur, ist von höherer, poetischer Gelöstheit und macht das ganze Chopin-Quadrupel zum reinen Glück auf Erden. Hohen Anteil hat auch hier die Gewalt und Kraft, in manchen Momenten sogar das krass Geräuschhafte des Zimerman-Steinways, das alles Gesangliche um so leuchtender blühen lässt.

Und wie gern, richtig gern hört man dann doch frühen Brahms auch in den Zugaben, darunter die 1. Ballade d-Moll. Und übrigens wirkt Zimerman, obwohl so ein Schraubhuber, überhaupt nicht verschroben, sondern unprätentiös und in der Kommunikation mit dem Publikum witzig und charmant. Und weil er sehr gut gelaunt ist, schiebt er noch ein paar Chopin-Mazurkas hinterher, nicht so ätherisch tönend wie bei Sokolov, sondern auch diese mit Witz und Esprit (die in C-Dur aus Opus 24 mit ganz spitzen Fingern zum Beispiel). Und dennoch abgründig, alle. Also, toll.

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18 Gedanken zu „Gewitterblütig: Krystian Zimerman spielt Brahms und Chopin

  1. Schüchterner Einspruch zum Frühwerk von Brahms. Ich habe als junger Spund die Klaviersonaten geliebt und fände sie glaube ich auch jetzt noch mitreißend. Jedes Mal, wenn ich die doch etwas abgeklärte 2. Sinfonie oder die etwas glatt ablaufende 3. höre, bin ich etwas böse auf Brahms, dass er viele frühen Kompositionen vernichtet oder nicht vollendet hat. Später hat Brahms das Spontane verloren. Deshalb mag ich wahrscheinlich die Schumannsinfonien lieber als die von B.

  2. Danke für die Konzertkritik.
    Welche Zugaben (neben der erwähnten Ballade und der Mazurka) wurden in welcher Reihenfolge gespielt?

  3. Zu schade, dass der verlinkte Artikel sich hinter einer Paywall verschanzt, über Zimermans Pianoschrauberei erführe ich gerne mehr. Schließe mich im übrigen dem Team „Scherzos“ an.

    • Interessant! Bleibt die Frage nach dem im Artikel erwähnten „motivierten“ Plural. Scheint ja doch etwas Ermessenssache zu sein. So kann ich mir ehrlich gesagt nicht vorstellen, dass unser geschätzter Konzertgänger „herausragende Solos aus den Holzbläserreihen, leider gestört durch eigenwillige Tempos des Maestros“ schreiben würde. Auch wenn der Duden es erlaubt (wobei hier durchaus auch der Hinweis zu finden ist, dass bei Verwendung in der Musik die „i“ Endung gebräuchlich ist).

  4. Ich bin geschockt! Da schreiben Ihro Hochwürden in personam mit Sprachbeherrscher par excellence doch allen Ernstes von Scherzos? Da grausts den italophilen Leser, der gerne ein paar „is“ spendet…..Ansonsten wieder ein Vergnügen zu lesen 👍

    • Mit voller Absicht „Scherzos“! Ich beuge bewusst in meiner Landessprache! Mit Scherzi fühl ick mir affich. Der Amerikaner schreibt doch auch „bratwursts“. Und die Italiener und Polen kennen da auch nix.

            • Danke für das update! Ob die 11% das Scherzo genderneusprechmäßig bereits im femininen Bereich ansiedeln wollten? Da wäre das „e“ ja zumindest im Italienischen korrekt gewesen….Wie schon erwähnt, scheint es ja mehrere Möglichkeiten zu geben, ich gehe hier immer nach Gefühl. Sie haben übrigens auch „Mazurken“ (meine gefühlte Version) und nicht „Mazurkas“ geschrieben, was auch legitim gewesen wäre. Allein für die Tatsache, dass ich durch diese Diskussion den „motivierten Plural“ kennenlernen durfte, hat es sich gelohnt. Was wohl Herr Zimerman zu diesen grammatikalischen Tastaturschraubereien sagen würde? Wünsche ein angenehmes Wochenende!

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