Hibbelig: Oistrakh-Quartett im Boulezsaal

Quartett-Aufstellung im Boulezsaal, in der Mitte die Musik

Das Klavierfestival im Konzerthaus kaum vorbei, steckste schon mittendrin in der Streichquartett-Woche im Pierre-Boulez-Saal. Dort hat die Woche zehn Tage, bereits als fünftes von elf Ensembles tritt das russische David Oistrakh String Quartet auf (sogar der Name Ойстрах wird englisch ausgesprochen im Boulezsaal, der wenigstens nicht Bullets Hall heißt). Peccato, das grandiose Ébène- und das Modigliani-Quartett verpasst zu haben und die hochinteressanten Programme des Heath- und des Jerusalem-Quartetts. Das Oistrachquartett nun ist ein überaus sympathisches Ensemble, aber, wie sich zeigt, wohl nicht der Höhepunkt dieser zehntägigen Woche.

Alexander Borodins 2. Quartett D-Dur geht das Oistrachquartett in leichtem Ton und ziemlich beschwingtem Tempo an, aber der Klang wirkt im Kopfsatz bald hektisch, ja hibbelig. Hat der unruhige Höreindruck auch mit der Rundsaal-Aufstellung des Quartetts zu tun, nämlich im Quadrat wieder mal, die Köpfer einander und dem Publikum die Rücken zugewandt? Wenig von ruhiger, warmer Noblesse. Im Scherzo passt diese flockige Nervosität ganz gut, aber das an sich so hinreißende Notturno lässt in seiner Gedrängtheit doch ziemlich kalt.

Zur Geduldsprüfung werden Giya Kanchelis Night Prayers von 1992 mit ihren plakativen Kontrasten und vorherhörbarer Bedeutungshuberei. Gegen Ende kommt noch so ein elektronisches Schamanenbrummen dazu, ein bisschen, als säße man im Magen eines Grizzlys, der Sodbrennen hat, und in der Ferne simpert die Waldfee (Tonband N.N.).

Eindrucksvoll gelingt hingegen Dmitri Schostakowitschs
9. Quartett Es-Dur (1964), aber ehrlich gesagt, wann gelingt Schostakowitsch eigentlich je nicht eindrucksvoll? Sofern Musiker ihr Handwerk verstehen, und das tun die hier ja zweifellos. Die langen schnarrenden Striche interessieren den Konzertgänger bei Schostakowitsch doch mehr als bei Kanchelis, und erst recht dieses hysterisch hibbelnde Final-Inferno zwischen Apokalypse und Rossini.

Sympathisch auch die Reihenfolge des Programms: So wie nach dem Herzstück Borodin noch das Kanchelis-Ding, folgt auf Schostakowitschs Endstation-Musik noch eine kurze Béla-Bartók-Sause. Andrei Shishlovs nicht so aufregende Transkription der Rumänischen Volkstänze ist vor allem ein doller Soloritt für den famosen ersten Geiger Andrey Baranov.

Wie bei Borodin bleiben auch bei der Zugabe doch einige Innigkeitswünsche offen. Denn beim Andante cantabile aus Tschaikowskys 1. Streichquartett müsste man doch eigentlich flennen und brennen vor Schönheit, hier bleibt man trocken und ungezündet. Außerdem noch eine lustige Pizzicato-Polka von Schostakowitsch. Und ziemliche Begeisterung beim Publikum, die der Konzertgänger nicht recht teilen mag.

Hochkarätig das weitere Programm der Quartettwoche: am heutigen Mittwoch die Ardittis mit Lust an Avantgarde; am Donnerstag die Belceas mit der Traumkombi Haydn/Janáček; das Michelangelo-Quartett am Freitag und zudem am Samstag gemeinsam mit Studierenden der Barenboim-Said-Akademie mit Oktetten von Mendelssohn und Enescu; außerdem am Abschluss-Wochenende das Diotima- und das Hagenquartett. Qual der Wahl!

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