Klangsprungpendelnd: Norrington dirigiert Mozart und Bohuslav Martinů beim DSO

Note to self für wenn 84 Jahre alt: ein Beispiel an Sir Roger Norrington nehmen und nur noch mehrjährige Projekte starten. Kaum hat er seinen Vaughan-Williams-Zyklus beendet, beginnt er wieder beim Deutschen Symphonie-Orchester in der Philharmonie mit dem Tschechen Bohuslav Martinů (1890-1959): sechs Sinfonien, alle relativ spät im amerikanischen Exil entstanden. Die letzte 1953, die hier gespielte 1. Sinfonie von 1942.

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Gedämpft profiliert: Piotr Anderszewski im Boulezsaal

Interessante chemische Versuchsanordnung: der Stimmungskünstler Piotr Anderszewski im Pierre-Boulez-Saal, dem üble Lästerzungen ja Plenarsaal-Atmosphäre nachreden. Wird das gutgehen, fragt man sich vor dem Haus stehend, während Profilierungsfahrer die Französische Straße runterbrettern, ein Blitzermarathon schert ja keinen Totfahrer nicht. In der verblüffenden Aprilsommerabendsonne steht auch Nike Wagner, konzentriert in die Lektüre des Programmhefts vertieft, das Gegenteil eines Profilierungsfahrers.

Und Anderszewski ist wahrlich das Gegenteil eines Profilierungspianisten. Weiterlesen

Virtuoskindlich: Kopatchinskaja und Leschenko im Boulezsaal

Ein Kessel Buntes, aber nicht Wahlloses im Pierre-Boulez-Saal: explosiv vom knarzenden Knarren im Salonmatsch bis zum schmalzigen Schalk, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Weil das enfant terrible Patricia Kopatchinskaja mittlerweile eine prosperierende Fanschar hat (einerseits erfreulich, andererseits bedenklich wegen der lärmigen Begleiterscheinungen wie Johlen und Füßetrappeln nach jedem Stück), hier erstmal ein paar Worte zu ihrer gleichrangigen Partnerin, der wunderbaren Pianistin Polina Leschenko. Weiterlesen

Zartnagelnd: Mozarts Es-Dur-Sinfonie und Requiem mit Iván Fischer im Konzerthaus

Was spielt man so vor Mozarts Requiem? Beim Musikfest grundierte der teils vergötterte, teils verspötterte Teddy Currentzis es mit einem mystischen Overkill von Hildegard von Bingen bis Ligeti. Iván Fischer hingegen spiegelt und kontrastiert das Mozart-Requiem beim Konzerthausorchester Berlin mit — nun ja, mit Mozart. Eine helle, federnde Sinfonie Nr. 39 Es-Dur KV 543 gibts vor der Pause. Höchste Lebensfreude, die durch ihre Momente von plötzlicher Eintrübung nur noch größer wird. Und durchs Bewusstsein, was danach kommen wird: Il Requiem. Weiterlesen

Zwischenapplauswert: Eduardo Strausser und Isabelle Faust beim DSO

Mal ein Lob dem ungebildeten Zwischenapplaus inmitten eines mehrsätzigen Werks: Sowieso die geringste aller denkbaren Hörstörungen, kann er auch eine befreiende und aufmunternde Wirkung haben. Zum Beispiel bei so einem Extrem-Einspringing, wie es der junge brasilianische Dirigent Eduardo Strausser beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin am Freitag hinlegt. Chefdirigent Robin Ticciati ist nämlich unpässlich geworden, offenbar äußerst kurzfristig: erst nach der Generalprobe, wie man hört, wieder der Rücken.

Johann Sebastian Bachs 4. Orchestersuite D-Dur BWV 1069 könnte das Orchester wohl auch dirigentenlos spielen, Konzertmeister Wei Lu würde das schaukeln, so wohlpräpariert ist das. Weiterlesen

Kombinationssicher: Nils Mönkemeyer und William Youn im Pierre-Boulez-Saal

Die Kombinationen machens, und mehr noch die Kombinationen der Kombinationen. Im Pierre Boulez Saal kombinieren der Bratschist Nils Mönkemeyer und der Pianist William Youn Altes und Neues, Mozart mit Sciarrino, Schubert und Brahms mit Boulanger, Chin, Pintscher. Vor allem aber kombinieren sie die Kombination Viola & Konzertflügel mit der Kombination Viola & Hammerklavier. Lauter Traumkombinationen sind das.

Aber am allerobertraumhaftesten ist die letzte. Mönkemeyers Bratsche und der Hammerflügel vom Bamberger Klavierbauer J.C. Neupert sind genau richtig aufeinander eingetönt. Weiterlesen

Brahms hören für Mexiko

Zu Berlins umtriebigsten Laien-Ensembles gehört das Sibelius-Orchester: hart an der Grenze zur Professionalität, was das musikalische Niveau angeht. Auch dieses Orchester gehört zu den kulturellen Aushängeschildern Berlins, wie sich dieses Jahr auf einer längeren Konzerttournee durch Mexiko zeigte.

Kurz danach traf das verheerende Erdbeben Mexiko. Während die mediale Aufmerksamkeit sich längst anderen Katastrophen zugewendet hat, werden die Betroffenen noch lange unter den Folgen dieses Unglücks leiden.

Deshalb gibt das Sibelius-Orchester am Sonntag, dem 12. November, um 18 Uhr ein Benefizkonzert. Zwischen Mozarts Zauberflöten-Ouvertüre und Brahms sonniger zweiter Sinfonie steht das Violinkonzert von Mendelssohn auf dem Programm, mit keinem geringeren Solisten als dem RSB-Konzertmeister Erez Ofer. Das Konzert findet in der Dahlemer Jesus-Christus-Kirche statt, dem legendären „Tonstudio“ der Berliner Philharmoniker.

Der Eintritt von 10 Euro kommt vollständig den Erdbeben-Opfern zugute. Weitere Informationen hier.

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Schwön: Berliner Philharmoniker, Mitsuko Uchida, Amihai Grosz spielen Mozart, Walton, Kodály

William Walton (1902-83) / Quelle: Walton Trust

Das sei aber mal ein Bratschenkonzert, das alle Bratschenklischees vermeide, war neulich bei der Uraufführung eines (übrigens sehr schönen) modernen Bratschenkonzerts zu hören. Was aber sind eigentlich die Legionen von Bratschenkonzerten, die dem Bratschenklischee frönen?

Eine Antwort gibts bei den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle, der sich gutgelaunt durch seine Abschiedssaison dirigiert. Und sehr schön ist William Waltons Violakonzert (1929, rev. 1962) übrigens auch. Um nicht zu sagen schwön. Weiterlesen

Bittschreiend: Teodor Currentzis und MusicAeterna mit Mozarts Requiem und Chormusik aus 1000 Jahren

Ein Konzert so berührend, dass es kaum zu ertragen ist. Ein Konzert, das Glauben sucht und Gott anschreit.

Ob es den Hörer auf die Palme bringt oder zu sich selbst, ihn belästigt oder erleuchtet, hängt sicher von dessen Persönlichkeit ab. Das beginnt schon beim Einzug des Chorus MusicAeterna, der schwarzgewandet und Kerzen tragend die abgedunkelte Philharmonie betritt. Dort bildet er einen Kreis um Teodor Currentzis, der mit ausladenden Wischbewegungen dirigiert: halb Magier, halb Touchpad-Benutzer. Sektenartig findet eine kluge Bekannte des Konzertgängers das alles. Weiterlesen