Freudetafelnd: Freiburger Barockorchester jubiliert Telemann, CPE Bach und Beethovens Neunte

Ludwig van Telemann

Was hat La Neunte nicht schon alles erlebt, was kann man denn da noch draufsatteln? Schönbergs Survivor from Warsaw gabs als legendären Kontrapunkt: Der Dirigent Michael Gielen koppelte ihn sogar zwischen die Sätze 3 und 4. Vladimir Jurowski wiederholte das jüngst und drehte die Schraube noch weiter, indem er den von Mahler gepimpten Beethoven hervorkramte. Sir Simon verstörte sein Abo-Publikum vielleicht noch tiefer, indem er vor der Neunten Helmut Lachenmanns Tableau spielte. Dabei hatte der Teufelsbündner Leverkühn die Neunte doch längst zurückgenommen! Was also kann da noch kommen?

Telemann.

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Gedämpft profiliert: Piotr Anderszewski im Boulezsaal

Interessante chemische Versuchsanordnung: der Stimmungskünstler Piotr Anderszewski im Pierre-Boulez-Saal, dem üble Lästerzungen ja Plenarsaal-Atmosphäre nachreden. Wird das gutgehen, fragt man sich vor dem Haus stehend, während Profilierungsfahrer die Französische Straße runterbrettern, ein Blitzermarathon schert ja keinen Totfahrer nicht. In der verblüffenden Aprilsommerabendsonne steht auch Nike Wagner, konzentriert in die Lektüre des Programmhefts vertieft, das Gegenteil eines Profilierungsfahrers.

Und Anderszewski ist wahrlich das Gegenteil eines Profilierungspianisten. Weiterlesen

Scheu: Schuberts „Winterreise“ mit Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout

Diese Winterreise ist ein scheues Tier, das in eine Treibjagd gerät.

Denn der Tenor Mark Padmore, Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, lässt sich bei Franz Schuberts schauerlichen Liedern von einem Hammerklavier begleiten, das der Pianist Kristian Bezuidenhout in ein so zartes wie animalisches Wesen verwandelt. Die Jagdhunde indes haben sich nicht nur in der Seele, sondern auch im Kammermusiksaal verteilt.  Weiterlesen

Nichtsnah, himmelwärts: Isabelle Faust und Kristian Bezuidenhout beim Musikfest

Zur Geigerin Isabelle Faust geht der Konzertgänger stets mit den höchsten Erwartungen. Aber dann werden sie doch jedesmal übertroffen.

Was für eine kunstvolle Programm-Architektur bei Faust und dem Cembalisten Kristian Bezuidenhout. Und das einen Tag, nachdem Barenboim und die Staatskapelle ihre Saison und nebenbei das Musikfest Berlin mit einem Programm eröffneten, wie man es sich schwerer (was das Werk selbst angeht) und zugleich unambitionierter (als Saison- und Festivaleröffnung) nicht vorstellen kann: nämlich Bruckner ohne alles (Tagesspiegel-Kritik).

Nun im Kammermusiksaal Bach plus Frühbarock, fast drei Stunden lang. Welche Zusammenhänge und Kontraste sich da hörend erschließen! Weiterlesen

23.9.2016 – Kühn, wortlos: „Sturm und Drang“ mit Freiburger Barockorchester und Kristian Bezuidenhout

haydnportraitIn diesem Konzert weiß man nie, wann man sich schnäuzen kann: Im Finale von Joseph Haydns 47. Sinfonie wagt man es ebensowenig wie in C.P.E. Bachs Concerto d-Moll, zu abrupt folgen auf heftigste Bewegung plötzliche Pausen und überraschende Pianissimi. So hält der Nachbar des Konzertgängers minutenlang sein Taschentuch vor die Nase und traut sich doch nie, es zu benutzen, aus allzu berechtigter Sorge, in eine unerwartete Stille zu tröten. (Bei Mahler weiß man immer, wann man sich die Nase putzen kann, ohne zu stören.)

So lässt sich das Etikett Sturm und Drang unmittelbar physisch erfahren. Weiterlesen

28.9.2015 – Schneeglöckleinläutend: Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout mit Liedern von Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert

Lieder von Haydn? Was es nicht alles gibt. Höchste Zeit, sie kennenzulernen… Ein Konzert mit Haydn, Mozart, Beethoven fällt in die Kategorie Special interest, wenn es ein Liederabend ist; nur Schubert ist Mainstream. Sofern man bei einem Liederabend davon zu reden wagt.

Trotzdem ist der Kleine Saal des Konzerthauses ziemlich voll, dafür sorgt der Ruf des britischen Tenors Mark Padmore und des südafrikanischen Pianisten Kristian Bezuidenhout am Hammerklavier. Von wegen verstaubt und deutsch: Ein auffällig junges und ziemlich internationales Publikum ist da, links neben dem Konzertgänger sitzen Franzosen, rechts Spanier, hinter ihm ein kunstliedliebendes englisches Ehepaar. Als Padmore am Ende des Konzerts Schuberts letztes Lied als Zugabe ankündigt, flüstert der Engländer in antizipierender Verzückung seiner Frau zu: Aah… the Taubenpost… Von seinen Besuchern kann Berlin lernen, was gut ist!

Englisch geht es auch los, denn wie man lernt, hat Joseph Haydn erst in London 1794/95 seine besten Lieder komponiert. Den äußerst sparsamen Klaviersatz bringt das Hammmerklavier perfekt zur Geltung. Das verlöschende smiling at grieffff in der Shakespeare-Vertonung She Never Told Her Love und das dämonische hark! hark! in The Spirit’s Song nach Haydns Muse Anne Hunter sind erste Höhepunkte. Spätestens als Mark Padmore dann in der Antwort auf die Frage eines Mädchens das schöne deutsche Wort Vergissmeinnicht meistert, weiß man, dass man es mit einem großen Liedsänger zu tun hat. Ungeheure Ausstrahlung, einzigartige Ausdruckskraft in jeder Silbe bei vollkommen austarierter Dynamik und nicht zuletzt der Vorzug, dass er seine Hand niemals liederabendbetulich auf den Flügel legt; er braucht seine Hände, um sie zu ringen.

Kristian Bezuidenhout ist ein sympathisch grimassierender Begleiter, der in feinster Abstufung begleitet. Bei Mozart und Beethoven hat er zunehmend zu tun und kann auch die vier Pedale seines Hammerklaviers einsetzen, differenzierte Klangsphären, die ein moderner Konzertflügel niemals bietet. Das tut Wunderwirkung, wenn es in beiden Teilen dieses durchdachten Programms Abend werden will: vor der Pause mit Mozarts Abendempfindung, nach der Pause mit Beethovens Resignation (mit einem sucht, das wie das Verlöschen einer Flamme klingt) und Abendlied unter gestirntem Himmel, einem ergreifend einfachen Weltabschied mit berückendem Pedalschluss.

Featured imageIn der Liederdämmerung erscheint, wer sonst, nur noch Franz Schubert: am Ende des ersten Teils mit Viola, einem Lied so schön, das man es kaum ertragen kann. Grandios, wie kunstvoll Padmore seine Stimme quetscht, wenn er singt: Ach! der Lieb‘ und Sehnsucht Schmerz hat die Zärtliche erdrückt. Immer wieder kehrt der einfache Refrain Schneeglöcklein, o Schneeglöcklein, himmlische Länge, man wünscht sich, dieses Lied möge nie aufhören.

Den zweiten Teil beschließt gleich ein halbes Dutzend Schubertlieder, die sich wie von Zauberhand zu einem Zyklus verbinden, eine Wanderung im Mondschein: An den Mond in einer Herbstnacht (in der in einer letzten Aufwallung von Angst ein schrecklicher Geier an der Seele nagt, bevor die ewige Ruhe den Wanderer erlöst), Der Wanderer an den Mond, Am Fenster, Im Freien, Bei dir allein… am Ende des Liederabends steht Freude. Schubertsche Freude: voll Sehnsucht und Trauer. Und schließlich die Zugabe: aah… the Taubenpost

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Liederabende im Kleinen Saal