Stillend: Brahms zum Dritten und Vierten

Brahms-Versteherin

Die Brahms-Perspektiven des Deutschen Symphonie-Orchesters mit Robin Ticciati sind auch in den beiden Konzerten am Abschluss-Wochenende eine erfreuliche, teils begeisternde Angelegenheit. Das Konzert mit der Dritten ist ein Freitagabend der leisen, aber umso glühenderen und funkelnderen Töne. Das mit der Vierten wird dann ein Samstagabend der auf zurückhaltende Weise gespannten weiten, fast kosmischen Bögen – und findet schließlich einen unerwarteten, stillen, sehr persönlichen nächtlichen Kontra- und Höhepunkt.

Johannes‘ Brahms 3. Sinfonie F-Dur lässt Ticciati wie die Zweite in größerer Besetzung spielen als die äußerlich reduzierte Erste, die gerade darum atemberaubend drängend wurde. Aber riesig oder gar dick ist auch diese Dritte nicht. Wunderbar weich stattdessen, voller changierender Farben und Harmonien. Voller irritierender, berührender Momente des Stillstands. Voller Sehnen.

Allerprimaste Idee jedoch, die Dritte an den Beginn zu stellen, um das Konzert danach weiterspüren zu lassen, in welche Gründe die immer wiederkehrende Neigung dieser Sinfonie zum Verstummen, zur Stille wohl führen könnte. Stellte man sich Brahms, Wagner und Debussy an einem und demselben Tisch vor, wäre das vielleicht das ungemütlichste Dîner aller Zeiten. Aber in einem und denselbem Programm ergeben sich die textürlichsten Akkorde.

Die Ehepaare Brahms, Debussy und Wagner (zeitgenössische Darstellung)

In Claude Debussys Jeux scheint sogar das huschende Seitenumblättern der Streicher dazu zu gehören. Wie diese 1913 geschriebene „modernste, kühnste, ja avancierteste Partitur“ Debussys (so Dietmar Holland) Konkretes, ja Pantomimisches mit Abstraktem, Zerfallendem verbindet, das knorkt ungemein. Der lange, dünne Dirigent in seinem Frack bringt hier eine adäquate clownesk-stummfilmische Dimension ins Spiel. Die Klangseite aber zeigt, dass dieser Spielleiter kein Kasper ist, sondern die raffinierte Chose komplettemang überblickt.

Kurios, ja lächerlich ist das symbolistische Tennis-Erotikon, das der Balletthandlung zugrundeliegt. Steht der Gaga-Faktor einer größeren Bekanntheit der Jeux entgegen? Wie dem auch sei, weniger L’après-midi und La mer auf den Spielplänen und dafür öfter mal Jeux wäre fein und fair.

In eine ganz andere Kammer tapst es aus dem ruhigen Schluss der Brahms-Dritten danach, von der Stille ins lüsterliche Sehnen nämlich. Wirken Richard Wagners Wesendonck-Lieder von Angeohr zu Angeohr mit den Jeux  nicht geradezu teutsch-plump? Andererseits vergisst man hier den Tristan selbst da, wo er wörtlich zu hören ist: Diese dissoziierten Klarinettentöne kommen doch direkt aus den Jeux herüber (wie ein über den Zaun geflogener Tennisball), meint man im dritten Lied kurz vor Schluss. Und die warme Stimme von Dorothea Röschmann ist natürlich der luxuriöseste Nachhall, den man sich vorstellen kann. Der Bogenschlag zum eingangs gehörten Brahms ist dabei durchaus schwierig. Und doch schwant einem, sich hier in Kammern begeben zu haben, die Brahms sich zeitlebens verbot, persönlich wie musikalisch – obwohl oder gerade weil sie ihm vielleicht gar nicht so fernlagen.

Ticciati flitzt bei seinen Auf- und Abtritten immer wie ein großer Junge rein und raus, aber La Röschmann kann’s genauso. Im Schlussapplaus saust sie auf Pfennigabsätzen hoch und zieht den Dirigenten an der Hand hinter sich her. Und irgendwie halten sich Brahms, Debussy, Wagner hier ähnlich an den Händen: ulkig, aber stringent. / Zum Freitagskonzert

Alles ist da verbunden, aber in Unterströmungen. Zu Brahms‘ Vierter will Ticciati hingegen nicht hintenrum, sondern von vorne, durchs Hauptportal. Und zwar auf allen denkbaren Wegen zugleich: vom Klavier und vom Gesang aus, von Bach und von der Gegenwartsmusik her.

Und wiederum, das ist schön, à la deutsch-français: Denn Aribert Reimann ist ja ein halber Franzose, und Rilke sowieso. Reimanns Fragments de Rilke, ein Auftragswerk fürs DSO, ist also eine Vertonung französischer Lyrik. Das Orchester teilt sich in 8 Grüppchen zu je 4 Instrumenten (im Klarinettenquartett auch eine Kontrabassklarinette) und ist von zuckender Atmosphäre. Der Gesang aber ist wirklich Vertonung, nicht Zerlegung oder Zerhackung, trotz halsbrecherischer Intervallsprünge und dergleichen: ein imposanter Zickzack-Belcanto voller Liebe zum geschriebenen Wort. Beseelt und sinnertastend gelingt das der Sopranistin Sarah Aristidou, die bei dieser Uraufführung kurzfristig für die erkrankte Rachel Harnisch eingesprungen ist. Man weiß nicht, was man da höher loben soll, Aristidous Herz oder ihre Professionalität. Oder Aribert Reimann, den über 80jährigen Stimmenversteher, der im Applaus die Treppen in Block A herunterspringt und auf die Bühne eilt, wo er Aristidou überschwänglich umarmt und am liebsten allen, allen die Hand schütteln möchte. Ein glücklicher, beglückender Mensch.

Plakativer scheint der Weg zu Brahms‘ e-Moll-Sinfonie über das E-Dur zweier Bach-Werke, mit denen das Konzert beginnt. Ticciati und der Pianist Kristian Bezuidenhout mögen gar nicht sooo jung sein, aber optisch sind sie ein Schlaks-Pärchen mit Jugend-musiziert-Flair. Alter musiziert heißt es dagegen (wie bei Reimann und Brahms 4) im Präludium E-Dur BWV 878 aus dem so viel seltener zu hörenden zweiten Band des Wohltemperierten Klaviers von 1740. Sinfoniekonzerte sollten viel öfter so beginnen. Träumerisch, aber taghell und weich klingt Bezuidenhouts Bach-Ton dann im 2. Konzert für Klavier und Streichorchester E-Dur BWV 1053 – galant und im besten Sinn gefällig, auch wenn so ein Steinway und die unintime Atmosphäre des Großen Saals für ein Bachkonzert wie die Faust auf den Fisch passen.

Wofür dieses Instrument wirklich geschaffen wurde, zeigt ein nächtliches Postludium: Da spielt Bezuidenhout Intermezzi, die zu den letzten Klaviermusiken von Brahms gehören. Feinziseliertes Auge aufs Fahrrad! Bezuidenhouts gläserner Ton ist berückend. Das Ganze findet im Rahmen einer musikalischen Lesung statt, die dem Konzert angehängt ist, aber sich keineswegs als das befürchtete Anhängsel beweist. Klug zusammengestellt, hoch informativ und tief berührend sind die Auszüge aus dem Briefwechsel über 40 Jahre, den Corinna Harfouch als Clara Wieck-Schumann und Sylvester Groth als J.B. vortragen. Man ist empört über die dreiste Anmaßung, mit der Brahms die künstlerische Entfaltung dieser Frau zu beschneiden versuchte. Beeindruckt, wie entschlossen sie diese Zumutungen zurückwies. Amüsiert und erschrocken, wie die beiden gegen Ende ihrer Leben im Vernichtungswillen gegenüber den eigenen Briefen (und damit den Geschichten ihrer eigenen Herzen) wetteiferten. Und außerordentlich bewegt, wie sie doch ihr Leben lang aneinander festhielten. Weit entfernt voneinander stehen die beiden Sprecher, besonders Harfouchs nuancenreiche Charakterisierungskunst ist enorm. Zwischen den beiden klafft ein großer Abstand, wie der See zwischen den Königskindern. In der Mitte aber steht der Flügel, an dem Bezuidenhout späten Brahms spielt.

Einziger Nachteil dieses Ausklangs: Für diese Klaviermusik würde man ja jede Sinfonie herschenken.

Denkt man an die zuvor gehörte 4. Sinfonie e-Moll von Johannes Brahms zurück, möchte man sie aber trotzdem behalten. Fast paradox, dass sie die populärste der Brahmssinfonien zu sein scheint, wie eine repräsentative Twitter-Umfrage des Konzertgängers zeigt (bis Montagabend kann noch abgestimmt werden!). Sind das denn – in Erinnerung an Hanslicks angebliche Empfindung, von schrecklich geistreichen Leuten durchgeprügelt worden zu sein – alles Masochisten?

Obwohl Ticciati das DSO in dieser letzten Sinfonie in der Maximalbesetzung des Zyklus spielen lässt (mit 16 ersten Geigen, sechs mehr als bei der 1. Sinfonie), hält sich die Lautstärke begrüßenswert in Grenzen. Im Kopfsatz spannt sich die Schnur manchmal bedenklich ums vollgepackte Klangpaket, aber sie erweist sich als reißfest. In der Coda wird der Hörer nach Strich und Faden aufs Wohligste gezüchtigt. Das Andante moderato ist von hoher Spannung gerade in den verhaltenen Passagen, auch dank der vorzüglichen Holzbläser des DSO. Deren Leistung krönt im vierten Satz die Flötistin Kornelia Brandkamp mit dem berührenden Solo, dessen Erscheinen einem immer wieder den Atem verschlägt, obwohl man ja drauf wartet. In hochflottem Tempo ist Ticciati in diese finale Passacaglia hineingesteuert, mit einem schlanken, harschen Klang, der sich tief in die Erinnerung eingräbt. / Zum Samstagskonzert

Fazitissimo vons Ganze: Der Konzertgänger fand, wie Leser dieses Blogs wissen, einige anfängliche Ticciati-Erfahrungen (Kraftwerk Mitte, Bruckner, Berlioz) eher unbefriedigend. Dieser Brahmszyklus ist nun eine ganz große Freude: fantasiereich programmiert, aufregend musiziert, höchst individuell und gerade darum aus einem Guss. Ein doller Erfolg, diese acht Tage.

Weitere Kritik der beiden Konzerte: Schlatz

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4 Gedanken zu „Stillend: Brahms zum Dritten und Vierten

  1. „Sinfoniekonzerte sollten viel öfter so beginnen.“ So was Ähnliches hab ich auch gedacht! Das wäre was.
    Etwas Trockenes hat mich an Ticciatis Brahms gestört. Zur kleinen Besetzung der 1. hat es gepasst. Aber wenn 16 erste Violinen dasitzen, hätte ich mehr Farbe und Plastik erwartet.
    Ja, Harfouch ist toll, war damals im DT Wer hat Angst vor Virginia Woolf bestimmt 3 Mal, um sie und Matthes zu hören.

    • In der FAZ fand Clemens Haustein es falsch, dass Ticciati nicht auch bei 2 bis 4 bei der kleinen Besetzung der Ersten blieb; und an den Zusammenstellungen ließ er kein gutes Haar, die hätten gar nichts erhellt. Und wenn, dann hätte er Schönberg kombinieren müssen. Aber das wäre m.E. zu naheliegend gewesen.

  2. Danke, Danke, Danke. Liebevoller und kompetenter kann ich mir die Würdigung dieses dollen Ereignisses nicht vorstellen.
    Ich war leider nur zur Vierten am Samstag da und sehe jetzt nach den gleichen Anfangsbauchschmerzen wie Sie mit Ticciati vorfreudiger in die Zukunft. Besonders vielversprechend finde ich, dass er vielleicht wirklich unabhängig von Moden und Marotten agieren kann und individuell etwas mit einzelnen Stücken anfängt.
    Der eigentliche Star ist für mich (stets) dieses unglaublich gute, flexible, begeisternd aufspielende Orchester.

    Das Lese-Nachspiel fand ich auch viel besser als erwartet. Was da allerdings so einige wieder abzuhusten hatten…unbegreiflich unverschämt. Wenn man sich schon im Konzert gelangweilt hat, warum bleibt man dann?

    • Ja, das war wieder leidig. Man könnte ja auch schlafen. Ich hatte vor Jahren über-ehrgeizig meinen Sohn, damals im Grundschulalter, bei Brahms‘ Vierter mit Ticciatis Vorgänger Sokhiev dabei. Da klang sie fast wie Tschaikowsky; das DSO ist eben, wie Sie schreiben, unglaublich gut und flexibel. Mein Sohn schlief allerdings schon gegen Ende des ersten Satzes ein; und die feine Dame neben mir sagte: „Meine Tochter ist 18 und schläft bei Brahms‘ Vierter immer noch ein.“
      Ja, Glückauf auf ein Neues mit Ticciati, meine Ohren sind wieder offen für das, was er macht.

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