Dürrheil: Haydns „Jahreszeiten“ mit RSB, Vocalconsort, Jurowski

Gute Sache, ein paar Tage nach diversen Gewitter- und Pastoralmusiken mal wieder Joseph Haydns Jahreszeiten zu hören. Moment, „mal wieder“? Es ist der Erstkontakt seit dem Musikunterricht in der Schule, damals in der mittlerweile gefühlten nullten Jahreszeit des Lebens. Dass für Bammel und Kontaktsperre gar kein Grund war, zeigt aber die schöne Aufführung durchs Rundfunk-Sinfonieorchester und Vocalconsort Berlin mit dem Dirigenten Vladimir Jurowski.

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Humanorganisch: Gérard Griseys „Les espaces acoustiques“ mit Vladimir Jurowski

Heimlicher Höhepunkt der Saison, und für die Anwesenden im Konzerthaus Berlin gar nicht so heimlich: Vladimir Jurowski führt mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) und dem ensemble unitedberlin das Spektral-Spektakel Les espaces acoustiques von Gérard Grisey auf. Wenn man nun pingibel darlegte, was es mit dieser „Spektralmusik“ auf sich hat, deren Opossum Magnum das Werk des 1998 gestorbenen Grisey darstellt – ja, da könnte einem die Lust aufs Hören gleich wieder vergehen. Im Blog von musica viva lässt sich das alles akkurat und durchaus unverquast nachlesen, aber es fehlt doch ein entscheidender Hinweis: nämlich dass das eine berauschende Klangerfahrung von überwältigender Schönheit ist.

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Entgrenzend: Vladimir Jurowski stellt 2019/20 vor und den Gustav dem Brahms gegenüber

Dirigent zieht, Orchester schiebt – in dieselbe Richtung

Was Berlin am Dirigenten Vladimir Jurowski und dem Rundfunk-Sinfonieorchester hat, zeigt nicht nur das jüngste Konzert mit Brahms und Mahler (mehr dazu unten), sondern auch der Ausblick auf die kommende Saison. Die steht unter dem Motto grenzenlos und wurde am passenden Ort vorgestellt: nicht auf der Bornholmer Brücke, aber immerhin im Max-Liebermann-Haus – „wenn Sie nach Berlin reinkommen, gleich links“. Seinen Vertrag beim RSB wird Jurowski, zur allseitigen Freude, bis 2023 verlängern, einige weitere Jahre sind ausdrücklich nicht ausgeschlossen.

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Weiblichwa(a)gend: Kleine Bilanz des Ultraschall-Festivals

Drei beeindruckende Frauen prägen den Abschluss dieses Festivals: Simone Young dirigiert das Deutsche Symphonie-Orchester, die Solistin Séverine Ballon spielt das betörend schöne, auf ganz eigene Weise kommunikative Cellokonzert Guardian der Komponistin Chaya Czernowin. In doppeltem Sinn traumhafte Musik, über die Czernowin selbst schreibt: Manchmal wächst der Celloklang, bis er das Orchester in sich aufzunehmen scheint, wie ein vergrößerter Resonanzkörper. Dann wieder träumt das Orchester, ein Cello  zu sein oder eine einzelne Saite oder das Ende des Bogens. Aber nicht nur dieses letzte Werk, sondern das ganze Ultraschall-Festival für neue Musik 2019 ist eine erfreulich weibliche Angelegenheit. Weiterlesen

Hej! Weselmy się!

Für Weihnachtskonzerte gelten eigene Gesetze. Wie voll wäre die Philharmonie bei einem normalen Abokonzert mit Zemlinsky, Pärt, Lutosławski, Honegger und (na gut) Bach? Bei dem originellen Weihnachtskonzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters und mehrerer Chöre mit Vladimir Jurowski aber ist sie rappel. Reuelose musikalische Völlerei, mit einigen Prisen Askese, quer durch Europa.

Alexander Zemlinskys 1910 entstandene Vertonung des lebensbegleitenden, allerschönsten Psalms 23 Der Herr ist mein Hirte scheint mit Gebimmel und Harfnerei doch eine ästhetische Verirrung. Aber wie außerordentlich schön bimmelt und harft das RSB! Und die Berliner Singakademie, Laienchor der gehobenen Klasse, macht ihre Sache auch gut. Für den Psalm 121 hat Arvo Pärt einen adäquateren Klang gefunden, Beschränkung auf Streichorchester, der warme Countertenor von Andreas Scholl wiederholt lange immer denselben Ton und wechselt insgesamt viermal von mittel nach hoch und umgekehrt; während Pärts Vaterunser bedenklicher auf dem Kitschgrad balanciert. Weiterlesen

Doppelmessiast: RSB spielt „El Niño“ von John Adams, DSO „Messiah“ von Händel

Ja is denn heut schon Weihnachten – feinabgestimmte Programmplanung, wo gibts denn sowas? In Berlin sonst kaum, hier lief ja schon mal der Don Giovanni in der Staatsoper und gleichzeitig 600 Meter weiter in der Komischen Oper. Nun aber kann man an einem einzigen Wochenende überschneidungslos zwei wildwuchernde Heilands-Oratorien erleben: am Samstagnachmittag und Sonntagabend Händels Messiah in der Philharmonie, dazwischen am Samstagabend John Adams‘ El Niño im Konzerthaus. Ersteres mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem RIAS Kammerchor unter Robin Ticciati (mehr dazu unten); letzteres mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester und dem Rundfunkchor unter Vladimir Jurowski. Weiterlesen

Geisterweinend: RSB, Slobodeniouk, Widmann spielen Schumann, Reimann, Beethoven

Solistin mit Orchester

Auch wenn man eigentlich gern im 19. Jahrhundert gelebt hätte, manchmal ist es gut, dass es nicht so ist. So kann man sich heute Robert Schumanns Violinkonzert anhören, ohne sich an dessen Abweichungen oder auch Unzulänglichkeiten zu stoßen. Wie es die Hörer im 19. Jahrhundert vielleicht getan hätten, wenn das 19. Jahrhundert sie dieses Werk denn hätte hören lassen; genauer gesagt die Schumannfamilie und die Freunde Brahms und Joseph Joachim, die es unter Verschluss hielten. Bis es 1937 zur vernazigifteten Uraufführung kam. Kein Wunder also, dass die Zeit dieses Werks jetzt erst gekommen zu sein scheint. Statistisches Faktum oder nur Berliner Konzertgangszufall, dass es in letzter Zeit immer häufiger zu hören ist? Mit der Geigerin Carolin Widmann bildet es den Mittelpunkt des vergeisterten, tränenreichen Konzerts, das das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in der Philharmonie unter Leitung von Dima Slobodeniouk spielt. Weiterlesen

Vogelerdig: NABU führt durch den Tiergarten, Jurowski durchs „Lied von der Erde“

Das Lied von der Erde singen in der Sonntagabenddämmerung erstmal die Vögel im Tiergarten. Denn vor dem Konzert mit Schubert und Mahler bietet der altehrwürdige Naturschutzbund NABU einen vogelkundlichen Spaziergang in der Nähe der Philharmonie an – als Kooperationspartner des Rundfunk-Sinfonieorchesters, dessen aktuelle Saison Chefdirigent Vladimir Jurowski unter das Motto Der Mensch und sein Lebensraum gestellt hat.

Der Herbst ist im Konzertbetrieb beginnende Hauptsaison, im Vogelbetrieb Gesangsnebensaison. Weiterlesen

33 Veränderungen über Vladimir Jurowski

Berlin und Moskau. Oleg Senzow und Gustav Mahler. Die Frage nach der Halbgöttlichkeit von Carlos Kleiber, Teodor Currentzis und Alfred Schnittke. Radfahren und die Ewigkeit und die Freiheit des Musikers: Vladimir Jurowski in 33 Veränderungen. Mein Porträt des Dirigenten im neuen VAN Magazin.

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Goldgeistig: RSB, Ruzicka, Chen spielen Bruch, Enescu, Ruzicka

Goldenes Feuerwerk ad honorem Erdoğani

Auf circa 777mal Schostakowitsch gibts in unserem Konzertleben einmal George Enescu. Oder auf immerhin noch 77mal Max Bruch, mit wohl abnehmender Tendenz. Wann wird zumindest Enescu-Bruch-Egalität erreicht sein? Einen Schritt in diese Richtung macht das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Peter Ruzicka im Konzerthaus.

Nur nicht ganz leicht, dahin zu gelangen! Denn Mitte ist dicht. Die alte Krawallschachtel Erdoğan scheint stundenlang die Linden rauf und runter zu kutschieren. Aber mit dem Fahrrad kommt man immer irgendwie durch. Ich wünschte, ich hätte auch eins, rührt eine eingeklemmte Taxifahrerin das Herz des Konzertgängers. Weiterlesen

Musikfest 2018: RSB beleuchtet Abel Gance

Zwischen vielen Stunden Stockhausen beim Musikfest was vergleichsweise Tiefenentspannendes: zum Beispiel einen dreistündigen Stummfilm über die Grauen des Ersten Weltkriegs. Live begleitet vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem filmorchestrigsten unter Berlins Spitzenorchestern. Auf 4:3-förmiger Leinwand (die für 16:9-deformierte Fernsehaugen fast quadratisch wirkt) gibts J’accuse von Abel Gance, entstanden zwischen August 1918 und März 1919 – ein filmisches Meisterwerk voller Widersprüche: schonungslose Darstellung des Krieges sowohl als auch patriotische Aufforderung zur nationalen Einheit, Naturalismus und Surrealismus vis-à-vis und eine melodramatische Ménage à trois überdies. Eine Musik des Lichts, wie Abel Gance sie postulierte, und alles in allem ein pazifistischer Film, wie Philippe Schoeller findet, dessen neu komponierte Musik für großes Orchester Frank Strobel im Konzerthaus dirigiert. Weiterlesen

Theatralyrisch: Vladimir Jurowski beim RSB mit Mozart und Zemlinskys „Lyrischer Sinfonie“

Viele Wege führen nach Wien, aber alle sind Umwege. Zu Beethoven nahm Vladimir Jurowski den teils faszinierenden, teils verstörenden Umweg über Gustav Mahler, der die ungeraden Sinfonien von der Eroica bis zur Neunten mit spätromantischen Instrumentierungs-Anabolika aufpumpte. Zu Wolfgang Amadeus Mozart gehts dagegen über den scheinbar vertrauteren Umweg der wissenschaftlich fundierten Originalklang-Spekulationen, zumal Wien hier ja an der Moldau liegt: So bekommt bei der „Prager“ Sinfonie D-Dur KV 504 (wie schon beim Requiem) die Blech-Abteilung des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin historisches Natur-Instrumentarium in die Hände. Der Einsatz von Demeter-Trompeten und Hörnern mit Biosiegel hat aber weniger mit dem Öko-Schwerpunkt der kommenden Saison zu tun als mit musikalischem Sinn. Weiterlesen

Erschlagungsvoll: RSB und Jurowski spielen Brett Dean, Alban Berg, Schostakowitsch

Dieses Konzert im thematischen Bermudadreieck „Shakespeare / Oper / Frau“ wirkt ein bisschen so, wie Vladimir Jurowski redet: kaum zu stoppen, so dass man sich danach ein bissl erschlagen fühlt – aber niemals zugeschwafelt! Denn alles ist interessant, durchdacht und durchglüht. Und mag auch der eine oder andere Hörer durch die Konditionsprüfung rasseln, das Rundfunk-Sinfonieorchester besteht sie mit Bravour. Und die überwiegende Mehrzahl der Hörer in der Philharmonie wohl auch, und zwar mit Begeisterung. Weiterlesen

Saisonvorschauen (1): Rundfunk-Sinfonieorchester

Noch mitten in der Saison erscheinen die Ankündigungen für die neue Saison. Als erstes ist das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin dran. Die laufende Saison hat im Konzertgänger den Eindruck bestärkt, dass das RSB mit Vladimir Jurowski den aufregendsten Chefdirigenten aller Berliner Orchester hat. In der neuen Saison tritt zu Jurowskis Pastoren-, wenn nicht Mönchsschwarz kräftiges Pastoralgrün, denn es gibt jetzt (wie zu Metzmachers Zeiten beim DSO) ein übergreifendes Saisonthema: Der Mensch und sein Lebensraum. Weiterlesen

Zum Heulen gewaltig: RSB unter Weigle spielt Hans Rott

Müsste man mal nachzählen, aber was das Spielen von Werken angeht, die hier sonst keiner* spielt, dürfte unter Berlins großen Orchestern das Rundfunk-Sinfonieorchester vorn liegen – noch vor dem (auch sehr verdienten) DSO. Für Hans Rott gibts jedenfalls 60 von 60 möglichen Punkten: kein fünfminütiger Alibi-Gegenwarts-Appetizer, sondern das einstündige Monumentalwerk eines Verlorenen aus dem 19. Jahrhundert, die Sinfonie eines verfahrenen Gesellen. Hans Rotts 1. Sinfonie E-Dur (1878-1880) ist zugleich seine letzte. Ein unermessliches Unglück, wenn man dieses gewaltige, zum Heulen ergreifende RSB-Konzert in der Philharmonie unter Leitung von Sebastian Weigle gehört hat. Weiterlesen