Entbretternd: RSB und Pietari Inkinen spielen Janáček und Sibelius

Marc-blue-black_foxEs gibt Programme, die einen retten, wenn man gerade ganz vernagelt ist im eigenen Kopf und die innere Welt vor lauter Brettern nicht sieht. Ein solches Programm spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter dem jungen Finnen Pietari Inkinen im Konzerthaus.

Die Welt dieses Programms ist bevölkert von galoppierenden Helden an nordischen Meeren und von sentimentalen Förstern in böhmischen Wäldern. Und natürlich von einer mystisch-erotischen Füchsin: Die posthum zusammengestellte Suite aus Leoš Janáčeks Oper Das schlaue Füchslein steht in der Mitte des Programms, zwischen Sibelius und Sibelius.  Weiterlesen

Schutzengelhaft: Vladimir Jurowski beim RSB mit Arvo Pärt und Mozarts Requiem

Zukunftsdurstiges Maestro-Halali: Zwei Tage nach dem Chefdirigenten in spe der Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko gibt sich im Konzerthaus Vladimir Jurowski die Ehre, der das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) in die Nach-Marek-Janowski-Ära führen wird. Beide unter anderem mit Mozart, was nach Peter Uehling im Zeitalter des historischen Musizierens für ein klassisches Symphonieorchester von erheblicher Risikobereitschaft zeuge. Während Petrenko die Haffner-Sinfonie zerlegte und dramatisch durchglühte, drückt Jurowski seinen Bläsern tollkühn alte Instrumente in die Hände:

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14./15.1.2017 – Vielsingend: Vladimir Jurowski beim RSB und beim ensemble unitedberlin

egon_schiele_068Was für ein interessanter, vielseitiger Dirigent ist Vladimir Jurowski.

Am Samstag dirigiert er das Rundfunk-Sinfonieorchester, dessen Chef er im Sommer wird, mit einem Programm von (auf den ersten Blick) gediegener tschechisch-deutsch-russisch-schweizerischer Moderne. Am Sonntag das ensemble unitedberlin, dessen Artistic Advisor er seit 2015 ist, mit einem Programm von (auf den ersten Blick) schwieriger, ja mörderischer italienischer Avantgarde.

Beides im Konzerthaus.

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30.12.2016 – Traralos: Janowskis vorletzte Letzte beim RSB

Abschied ohne großes Trara: Marek Janowski dirigiert seine letzten beiden Konzerte beim Rundfunk-Sinfonieorchester. Zwar hat er als Chefdirigent von 2002 bis 2015 das Orchester nicht nur als Institution gerettet, sondern aus einem beklagenswerten Zustand unter Überspringung des Mittelmaßes auf höchstes Niveau gehoben (nachzuhören seit vielen Jahren, nachzulesen in Janowskis interessanter und lustiger Biografie Atmen mit dem Orchester). Dennoch werden ihm keine Denkmale oder Denkmäler (wie es heißen muss, fragte sich schon Musil) gebaut, aber hübsche Skizzen gewidmet:

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23.12.2016 – Weihnachtsbrätlich: Humperdincks „Hänsel und Gretel“ mit RSB und Janowski

Richard Wagner,  Richard Strauss … was kann danach noch kommen?

Humperdinck.

Nach dem schon legendären Wagnerzyklus und zweimal Strauss wagt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Marek Janowski sich wieder an eine konzertante Opernaufführung. Auf den Tag genau 123 Jahre nach der Uraufführung durch die Staatskapelle Weimar unter Richard Strauss gibt es in der Philharmonie Engelbert Humperdincks Kinderstuben-Weihfestspiel Hänsel und Gretel.

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11.12.2016 – Farbensatt: RSB, Steffens, Brantelid spielen Elgar und Vaughan Williams

Berufsorientierender Sonntagnachmittag in der Philharmonie! Eine Menge Kinder ist im Großen Saal beim englischen Konzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin zu Besuch. Nachdem sie den dänisch-schwedischen Cellisten Andreas Brantelid gehört und gesehen haben, dürfte ihr Wunsch klar sein: logisch, Cello lernen. (Wenn sie das nicht ohnehin schon tun.)

elgar-by-rothensteinZwar kann man diesem hochbegabten jungen Musiker (man darf einen 29jährigen wohl noch jung nennen, Kunst ist ja kein Leistungssport) keinerlei Imponiergehabe vorwerfen. Mit Jacqueline du Pré verglichen klingt ohnehin jede Interpretation dieses Stückes rank, schlank, nüchtern, und das ist auch gut so. Dennoch lässt sich Edward Elgars Cellokonzert e-Moll (1919) doch nur nach dem Motto spielen: wenn schon, denn schon.

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24.4.2016 – Forte ma dolce: Yefim Bronfman spielt Prokofjew, Anna Vinnitskaya Bartók

Zwei klavieristische Großereignisse am Sonntag: Am Vormittag vollendet Yefim Bronfman seinen Prokofjew-Zyklus , am Nachmittag spielt Anna Vinnitskaya gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester die drei Klavierkonzerte von Béla Bartók.

Yefim Bronfman in der Staatsoper im Schillertheater

Wie schon bei den beiden vorhergehenden Rezitals mit Sergej Prokofjews Sonaten 1-4 und 5-7 ist der Saal nicht überfüllt, aber besser besucht als ein evangelischer Gottesdienst. Dass man in der trockenen Akustik des Schillertheaters wie um die Ecke hört, passt ganz gut zu Prokofjews Klaviersonate Nr. 9 C-Dur, die zwischen irritierender Schlichtheit und sinistrer Spätwerkhaftigkeit schwankt (und Swjatoslaw Richter enttäuschte, bevor er sie 1951 doch uraufführte). In dieser letzten Sonate sind statt starker Pranke flinke Finger gefragt. Yefim Bronfman ist ein sachlicher Virtuose und feinsinniger Kraftprotz, zugleich ein Pianist, dessen Agilität, Akkuratesse und Filigranität den Hörer angesichts gewisser körperbaulicher Merkmale (ohne von Wurstfingern sprechen zu wollen) immer wieder verblüffen. Mit ihrer Simplizität und den vielen Tonleitern erinnert Prokofjews C-Dur-Sonate fast an Mozarts Sonata facile. Aber Bronfman betont mit angespanntem Bassgrollen im Kopfsatz und zwielichtigen Tonrepetitionen im Diskant des folgenden Allegro strepitoso die möglichen Abgründe dieser relaxten, am Ende ganz friedlich auspendelnden Musik.

Gleichwohl ein etwas verlegen machendes Werk, die vorletzte 8. Sonate B-Dur ist eine ganz andere Hausnummer und Bronfmans Entscheidung einleuchtend, mit ihr den Zyklus zu beschließen. Sonst meist im Zusammenhang der „Kriegssonaten“ 6 bis 8 gespielt, bezieht sie ihre Kraft hier einmal nicht aus dem Kontrast mit der explosiven Siebten, sondern in Kombination mit der tiefenentspannten Neunten. Forte ma dolce lautet eine kuriose Spielanweisung im zweiten Satz, und so könnte man Bronfmans Klavierspiel generell beschreiben: Zwar kommt es im Finale zu äußersten Entladungen, bei denen man fürchtet, der Pianist könnte sich insonderheit den rechten Zeigefinger brechen. Aber Bronfman nutzt seine Kraft vor allem, um klare Linien zu zeichnen. Jedes Tempo, jedes dynamische Extrem erscheint in höchster Deutlichkeit: alle Anschlags- und Ausdrucksnuancen vom Wispern bis zum Donnern, vom silbernen Celestabimmeln bis zum Orchesterorkan – eine Sonate als unendliche Reise. Wie Prokofjews Klavierschaffen überhaupt, das Bronfman in diesem staunenswerten Zyklus präsentiert hat. – Zum Konzert

Anna Vinnitskaya in der Philharmonie

Bronfman spielt in dieser Saison auch die drei Klavierkonzerte von Béla Bartók (mit dem London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev). Aber er tut das an drei Abenden, nicht an einem einzigen Nachmittag, wie es Anna Vinnitskaya mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski wagt. Der Konzertgänger begibt sich etwas skeptisch in die Philharmonie, da im Vorfeld selbst fundierteste Musikkritiker (Jan Brachmann in der FAZ) den leistungssportlichen Aspekt dieses Unternehmens hervorhoben, nicht die musikalische Verheißung.

Ein beruhigend menschliches Zeichen: Vinnitskaya braucht nach jedem Konzert eine Pause. Beunruhigend un- bis übermenschlich: Danach schreibt sie im Foyer Autogramme.

In Bartóks flagellantischem 1. Klavierkonzert steht das Schlagzeug im Zentrum des Orchesters. Anna Vinnitskaya trägt ein weinrotes Kleid mit cremefarbenen Streifen. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. Anfangs rätselt der Konzertgänger, wo Orchester und Solistin versehentlich auseinandergedriftet sind und wo es sich um korrekte Synkopen handelt. Später greift dann alles perfekt ineinander, nach Anna Vinnitskaya kann man die Metronome stellen, selbst ihr Rubato ist minutiös. – Zwei ältere Besucher links und rechts vom Konzertgänger in Block D halten unbeirrt von Rumor und Barbaro ihr Mittagsschläfchen.

Im 2. Klavierkonzert steht das Schlagzeug hinter dem Orchester. Anna Vinnitskaya trägt ein glitzerndes Pailettenkleid. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. Nach dem ersten Hammerklavier-Konzert (Steffen Georgi) funkeln die Klangfarben des Zweiten umso schöner, obwohl hier der athletische Aspekt (etwa die Kadenz im Kopfsatz) noch enormer ist. Atemberaubend der zweite Satz, in dem der so sachte wie herbe Streicherklang, gedämpft und vibratolos, im Wechsel mit Klavier und Pauke raunt. In der Mitte des Mittelsatzes, auf der Spiegelachse des symmetrischen Werkes, rattert alles, was das Zeug hält. – Ein Mädchen in Block A liest unbeirrt ihr Lustiges Taschenbuch.

Im 3. Klavierkonzert hat sich ein Xylophon zum Schlagzeug gesellt. Anna Vinnitskaya trägt ein rosa Faltenkleid mit schwarzem Umhang. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. An Vinnitskayas Händen ist noch kein Blut zu sehen, auch keinerlei Ermüdungserscheinungen werden hörbar. Den Choral im Adagio religioso geht sie langsam an, mit festem, glasklarem Anschlag; wie klares Wasser ihre Läufe und Arpeggien. Die samtweichen Streicher und zarten Holzbläser des RSB verschmelzen mit dem Klavier, ohne dass nur ein Ton verschwömme. So kompakt und frisch klingen Orchester und Solistin im Finale, dass man sehr bedauert, dass es von Bartók kein 4. Klavierkonzert gibt. – Zumal das unbeirrte Mädchen in Block A ihr Lustiges Taschenbuch noch nicht ganz durch hat.


Skepsis grundlos, sehr lohnender Nachmittag. Mal sehen, was Vinnitskaya als nächstes treibt, vielleicht alle neun Prokofjewsonaten an einem Abend? Oder mal vierhändig und tausendfingrig mit Bronfman? – Zum Konzert

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17.4.2016 – Klar monumental: Stanisław Skrowaczewski beim RSB mit Bruckners Achter

Der älteste praktizierende Dirigent weltweitStanisław Skrowaczewski hat die persönliche Bekanntschaft mit Anton Bruckner nur knapp verpasst und könnte der Vater von Daniel Barenboim oder Marek Janowski sein. Alles praeter propter. Um exakt zu sein: Er erblickte das Licht der Welt im damals polnischen Lwiw/Lemberg genau 23 Tage vor der ersten funklautlichen Regung des Klangkörpers, der später zum Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) werden sollte.

Wie es sich gehört, gilt Skrowaczewski als Bruckner-Experte, ab 80 scheint Dirigenten eine über den Notentext hinausgehende Kenntnis dieser Musik zugänglich, die Jüngeren, sich noch unsterblich Wähnenden verschlossen ist. Und ab 90? Dass Skrowaczewski, der dieses Jahr 93 wird, gut zwei Jahre nach seiner imposanten Aufführung der Vierten mit Anton Bruckners Sinfonie Nr. 8 c-Moll noch einmal nach Berlin in die Philharmonie zurückkehrt, ist ein Geschenk.

Die für ihn bereitliegende Partitur der Achten (Haas-Fassung) berührt Skrowaczewski ein einziges Mal – vor Konzertbeginn, um sie zu schließen. Kein Stuhl, kein Hocker auf dem Dirigentenpodest für die kommenden 80 Minuten. Allein davon wäre man beeindruckt, selbst wenn das Konzert so lala wäre. Aber davon kann keine Rede sein, Skrowaczewskis Bruckner ist enorm: alles andere als ausgewogen, oft durchaus laut mit schwerem Blech (man sitzt gut in Block D, zwanzig Meter vom Orchester entfernt) – Skrowaczewski wird sich nicht mehr von 70jährigen Grünschnäbeln erklären lassen, dass eine Brucknersinfonie im Grunde eine spezielle Form von Kammermusik sei. Er betont die Härten der Partitur, etwa den Kontrast von brutaler Wucht und zartestem Piano im Scherzo oder das infernalische Vorschlaggewitter im Finale.

Aber bei aller Massivität keine Spur von Undurchsichtigkeit: Das polyphone Stimmengeflecht ist deutlich und plastisch, Musik von klarer Monumentalität und monumentaler Klarheit. Die sich aber auch immer wieder verflüssigt, denn die Solisten genießen bei Skrowaczewski große Freiheit und sind durch die Reihe wunderbar: Horn (Martin Kühner), Oboe (Gabriele Bastian), Flöte (Silke Uhlig), Klarinette (Michael Kern) et al., nicht zuletzt die Pauke (Jakob Eschenburg), die nach den gleißenden Trompetenschreien am zerfallenden, verlöschenden Schluss des ersten Satzes Allegro moderato so beklemmend sanft wispert. Der Konzertgänger ist wieder überrascht, wie kurz dieser erste Satz ist.

Im Scherzo leuchtet dem Konzertgänger wieder ein, warum er anno dunnemal beim ersten Hören dieser Symphonie das Trio bereits für den langsamen Satz hielt. Da kannte er ja das wahre Adagio noch nicht, den Satz der Sätze, für den die Frau des Konzertgängers erst auf die Welt gekommen zu sein meint. Unter feierlich langsam versteht Skrowaczewski wirklich langsam, es ist ein Musikstrom, in dem der Konzertgänger seinerseits der Sonatensatzwelt abhanden kommt; doch nicht schleppend, die Übergänge grandios, dito die Solovioline von Rainer Wolters. So wie die einzelnen glänzen, so glanzvoll eins ist das Ganze, ein in seiner Zerrissenheit außerordentlich organischer Orchesterklang.

Nach der großen Themenvereinigung und dem a tempo gespielten Schlussknall beobachtet man zitternd Skrowaczewskis heiklen Weg vom Podest zur Treppe. Stehende Ovationen des Publikums, ein Gefühl überwältigender Dankbarkeit. In der Saison 2017/18 ist ein weiteres Konzert geplant. Gott befohlen!

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17.3.2016 – Glitzernd: RSB, Janowski und Arabella Steinbacher spielen Prokofjew, Schubert, Haydn

Bild: THOR

Auch wenn Sergej Prokofjew nicht jedermanns Lieblingskomponist ist, lohnt es, seine beiden Violinkonzerte im Vergleich zu erleben – vor allem wenn Arabella Steinbacher sie spielt. Nicht etwa, weil Steinbacher so gut aussieht, dass gerüchteweise sogar Taube ihretwegen in die Philharmonie kommen. Diese großartige Geigerin zu hören würde auch lohnen, wenn sie wie ein behaarter Klops aussähe! Nicht nur ihr violettes Kleid glitzert und funkelt, sondern auch Prokofjews 1. Violinkonzert D-Dur (1915/17, UA 1923), dem Steinbachers „transparenter silberner Ton“ (Deutschlandfunk) besonders gut steht. Dieses Werk ist so maximal entspannt, dass ein Baby in Block C völlig zurecht jauchzt. Störend hingegen der Reinklatscher aus Block G am Schluss: Gern ließe man diese Musik, in der ein Reiz auf den anderen folgt, noch in der Stille nachklingen, die flötenbegleiteten Pizzicati, das kristallin trillernde und glissierende Eisprinzessinnenfinish des ersten Satzes, das federleicht fliegende, sausende, schwirrende, auch trommelnde Vivacissimo. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski begleitet so akkurat und begeistert, wie man es von diesem Orchester mittlerweile selbstverständlich erwartet.

Prokofjews 2. Violinkonzert g-Moll klingt im Vergleich weniger originell, dafür ist es von einer direkteren Schönheit, die auch dem Tschaikowsky- und Sibeliusfreund gefällt, geradezu irritierend klangsatt und rhapsodisch, wenn man bedenkt, dass es 1935 entstand, kurz bevor Prokofjew in die Sowjetunion zurückkehrte, mittenmang in Stalins Großen Terror. Der Abgrund, den man in diese Musik hineinzuhören neigt, liegt am ehesten in seiner Abwesenheit. Steinbacher spielt und singt den schönen Ton aus, ein großer Genuss, mit Best-of-Classics-tauglichem Andante und funkensprühendem, präzise besoffenem Finale mit iberischem Einschlag.

Franz Schubert hingegen ist jedermanns Lieblingskomponist, aber sein „Frühwerk“ hat einen schweren Stand, Brahms erwog gar (wie man im wie stets lesenswerten Einführungstext von Steffen Georgi erfährt), Schuberts Symphonien 1 bis 3 aus der Gesamtausgabe auszusperren. Aber das RSB schießt jeden Verdacht beiseite, Schuberts 3. Symphonie D-Dur D 200 (1815) sei langweilig. Mit zackiger, fast aggressiver Lustigkeit legt das Stück eine überdrehte Motorik an den Tag, die an Prokofjew denken lässt. Immer wieder schön, wie die Zusammenhänge von Janowskis altmodisch wirkenden Programmen beim Hören unmittelbar einleuchten.

Keine Prinzessinnenmusik, sondern wahrhaft königlich ist Joseph Haydns Symphonie Nr. 85 B-Dur Hob I:85 „La Reine“ (1787), die zweite der Pariser Symphonien, angeblich ein Lieblingsstück von Marie Antoinette. Janowskis Haydn ist eine sichere Bank, doch ohne falsche Routine. Wie Schubert ohne eigentlich langsamen Satz (fürs Lyrische ist heute ausgerechnet Prokofjew zuständig), dafür mit herrlichem Flötensolo von Ulf-Dieter Schaaff in der Allegretto-Romanze und prima synkopenfreudigem Menuett. Haydn wie Schubert von Janowski auswendig dirigiert.

Als einziger Wermutstropfen sei wieder einmal die elende Husterei erwähnt, die den verschnupften Wunsch weckt, Einlass in die Philharmonie nur noch mit ärztlichem Attest über die Abwesenheit von Erkältungskrankheiten und zwangsneurotisch bedingten Bronchialkontraktionen zu gewähren. Siehe zu diesem leidigen Thema auch die Ausführungen des Konzertgängers über Hörstörungen.

Am 10. April ist Arabella Steinbacher wieder beim RSB, dann mit dem Mendelssohn-Violinkonzert.

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6.3.2016 – Bildhaft: Mit Juri, Mussorgsky und dem RSB im Museum

Die Tochter des Konzertgängers steht zwar klassischen Konzerten prinzipiell skeptisch gegenüber, weil es da zu wenig schicke Kostüme gibt. Museen allerdings schätzt sie so sehr, dass man sie locken kann: „Wenn du jetzt Geige übst, geh ich nachher mit dir ins Museum!“ Ein für den Vater unbegreifliches und vermutlich weltweit singuläres Phänomen. Auf ein Konzert, in dem es um ein Museum geht, lässt sie sich also huldvoll ein. Zumal wenn es von dem aus dem Baumhaus wohlbeleumundeten Kika-Moderator Juri Tetzlaff moderiert wird; die Erkenntnis, dass es Menschen aus dem Fernsehen in echt gibt, wirkt ja auch auf Erwachsene oft magisch.

Hat es Modest Mussorgsky wirklich gegeben? Da ist der Konzertgänger, wie bei anderen Komponisten, nicht sicher. (Den künstlichen Menschen Ravel muss es allerdings gegeben haben, sonst könnte es nicht so eine fantastische Fantasie über ihn geben wie den Ravel-Roman von Jean Echenoz.)

In einem Kinderkonzert ist die Frage müßig, ob der großartige Ravel mit seiner großartigen Instrumentierung Mussorgskys ungehobelte Bilder einer Ausstellung vielleicht großartig verhunzt hat: Orchesterfarben können für Kinder nicht hell genug leuchten; die Freude an Mathis dem Maler kommt dann später, wie Haarausfall und Hüftspeck. Das Rundfunk-Sinfonieorchester (RSB) pinselt im Großen Sendesaal im Haus des Rundfunks prächtig: die auf dem Ochsenkarren singende Tuba  in Bydlo, die aus Eierschalen schlüpfenden Flöten im Ballett der Küken, die schnarrend bettelnde Trompete in Samuel Goldenberg und Schmuyle – bis das ganze Orchester mit vereinter Wucht das Große Tor von Kiew durchschreitet. Der Dirigent Steffen Tast (an sich RSB-Musiker bei den ersten Geigen) leitet mit sicherer Hand. Schon in die erste Promenade mit ihrem Wechsel von 5/4 und 6/4-Takt lässt er das Orchester flott hineinmarschieren, ganz richtig, mit Kindern schlurft man nicht durchs Museum.

Außerdem ist Tast ein angenehm eloquenter Sidekick für den Moderator Juri  Tetzlaff, der leibhaftig genauso nett wirkt wie in der Glotze. Vor allem überzeugt sein Konzept: In den ersten Stücken wird die Vorstellungskraft der Kinder noch mit Hilfe von projizierten Bildern entzündet (und zwar nicht der Originale von Wiktor Hartmann, die zum größten Teil ohnehin verloren sind, sondern von acht Berliner Schulklassen, die auch die Promenaden pantomimisch darstellen). Aber sobald das jeweilige Stück beginnt, verdunkelt sich die Leinwand. Und nach dem 5. Stück hat die böse Baba Jaga die Bilder geraubt, so dass die Kinder komplett auf ihre eigene Imaginationskraft angewiesen sind!

Schließlich wird die olle Hexe aber mit einem gemeinsamen Zauberspruch Mores gelehrt, und die Bilder purzeln zurück auf die Bühne. In den Köpfen der Kinder tanzen und klingen sie ohnehin.

Der Tochter des Konzertgängers gefällt selbstredend die hühnerfüßige Hütte der Baba Jaga am besten. Sie kündigt an, ab jetzt öfter ins Konzert zu gehen.

Nachtrag: Auf dem Education-Blog des RSB erfährt man mehr über die Arbeit mit Schulklassen unter dem Motto „Mussorgsky neu verföhnt“.

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