Vorspielhaft: Saisonvorschau & Konzert mit Juraj Valcuha im Konzerthaus

Vorspielhaft, nennt András Schiff die Arbeit des Berliner Konzerthauses und besonders des Noch-Chefdirigenten Iván Fischer. Und auch wenn er sich gleich zu beispielhaft verbessert, kann man das Wort gut stehenlassen, um die Vielseitigkeit und das lebendige Musizieren am Konzerthaus Berlin zu preisen. Den Eindruck von Schnarchmottigkeit, der das Konzerthaus-Image früher prägte, hat diese Vitalität doch ziemlich vertrieben. Mehr noch als die schnieken und preisgekrönten Social-Media-Kampagnen wie #klangberlins, die natürlich auch Nachfolger haben in der neuen Saison 2018/19 unter dem Motto Eins mit Berlin.

Weiterlesen

25.2.2016 – Arachnophonia: Rattle und die Philharmoniker spielen Roussel, Szymanowski und Rameau

Insektenalarm in der Philharmonie! Mit Geigenglissandi lässt die Spinne ihren Faden herab, zum Marschrhythmus der Kleinen Trommel ziehen die Ameisen ein, die Flöte bläst sanft den Schmetterling durch den Garten. Albert Roussels Le Festin d’araignée (1913) ist ein Wunder an Farbigkeit, ein gefundenes Fressen für die Instrumentenzauberer der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle. Im Fressen und Gefressenwerden endet auch das Stück, diesen Karneval der Insekten könnte nämlich ein Kinderschreck komponiert haben: Da flattert der Schmetterling aufs herrlichste, und… hat ihn schon, um mit Donald Duck in der Übersetzung von Erika Fuchs zu sprechen. Die Spinne wird ihrerseits von der Gottesanbeterin verzehrt, und das kurze Leben der Eintagsfliege (Celesta) endet in Nacht und Trauermarsch. Vergänglichkeit der Schönheit, flüchtig wie Musik.

Acht Arme scheint auch Konzertmeister Daniel Stabrawa zu haben, der in Karol Szymanowskis Violinkonzert Nr. 2 (1933) als uneitler Solist im geigerischen Dauerlauf brilliert. Szymanowski hat sich in diesem späten Werk von bäuerlichen musikalischen Traditionen der Goralen in der Tatra inspirieren lassen. Aber obwohl diese Musik mit ihren eindringlichen, fast penetranten Terzwiederholungen stampft und schrubbt, Lichtjahre entfernt von den sirrenden Visionen des Vorkriegs-Szymanowski, ist sie softer und geschmeidiger als Bartók-Folklore: Allegretto barbaro, volkstümlich aus dem Geist der Décadence. Ihr Intro ist so schwebend wie die Andantino-Brücke zum Schlusstanz, und ziemlich genau in der Mitte klopft die Kadenz an Himmelsgefildetüren.

Reines Glück sind Les Boréades von Jean-Philipppe Rameau, ein Lieblingsstück von Simon Rattle, der die hier aufgeführte Suite aus Rameaus letzter Oper (1763) selbst zusammengestellt hat. Obwohl man jedes Stück wiedererkennt, ist es völlig andere Musik als der spektakuläre, ruppige Rameau von Teodor Currentzis und MusicAeterna, der vor einem Jahr im Radialsystem zu hören war (mit Polonaise-Zwang fürs beklommene Auditorium): Bei Rattle ist alles filigran und ausgewogen, dafür paradoxerweise umso kontrastreicher. Denn es gibt hier nicht nur Stürme, sondern auch jede Menge sanfte und heitere Winde.

Wie es sich für eine Oper über Liebes- und Standeshändel unter Windgöttern gehört, dominieren die Holzbläser, die nicht umsonst auf Englisch winds heißen. Die damals neue Klarinette kommt vor, von der Rameau gleich in der Ouvertüre reichlich Gebrauch macht (Wenzel Fuchs). Später zarte Flötenklänge (Mathieu Dufour), in der Gavotte dann zwei Piccoloflöten, die von den Fagotten immer wieder in die Luft gestoßen werden. Herrlich der brummige Ohrwurm im Contredanse en Rondeau; und in der brausenden Suite des Vents freut sich die ehrwürdige Windmaschine, mal etwas anderes zu erleben als immer nur Alpensymphonie und Holländer. Die bizarr stockende Bourrée: Les Vents perdent leurs forces lässt Rattle gleich zweimal spielen, um das staunende Publikum zu überzeugen, dass man sich nicht versehentlich zu Strawinsky verlaufen hat.

Mit einem hat Currentzis Recht: Rameau zaubert Licht in die Herzen seiner Hörer. Ein beglückendes Konzert der Berliner Philharmoniker.

Nochmal am Freitag und Samstag. Noch einige Karten erhältlich. Samstag auch in der Digital Concert Hall.

Dieses Konzert wurde auch von Kultursenator Schlatz rezensiert.

Zum Konzert / Zum Anfang des Blogs

22.2.2016 – Geist(er)reich: Piotr Anderszewski im Kammermusiksaal

Dieses Konzert hat kein Programm, sondern eine Form: das romantische Muster ABCBA. Zwei Partiten von Bach (A) rahmen drei geisterhafte Stücke, nämlich den Faschingsspuk Papillons und die Geistervariationen von Schumann (B) sowie Karol Szymanowskis mediterranen Homer-Tagtraum Métopes (C).

Ein sehr ähnliches Konzert hat der polnische Pianist Piotr Anderszewski bereits im November 2014 im Konzerthaus gespielt, damals war der Saal unbegreiflicherweise halbleer. Der Kammermusiksaal, der fast genauso viele Plätze hat, ist dagegen ausverkauft, was wohl kaum nur an der besseren Akustik liegen kann; denn richtig gut hört man ein Klavierrezital im Kammermusiksaal nur in den Blöcken A, D und E.

Dort allerdings entfaltet sich die romantische Aura auf vollkommene Weise; wem der wunderbare Francesco Piemontesi zu nüchtern schien, der ist bei Anderszewski bestens aufgehoben. Der Saal ist atmosphärisch verdunkelt, der wie immer schwarzgekleidete Anderszewski sitzt auf einem Stuhl, keinem Klavierschemel – Stimmungszauberei, doch ohne Weihrauch. In den hochstilisierten Tänzen von Johann Sebastians Bach Partita Nr. 6 e-Moll BWV 830 huschen die Schlüsse gespenstisch vorüber. Anderszewski bewirbt sich um keine Settecento-Originalklang-Medaille, stattdessen möchte man fast von Sfumato sprechen, wenn es nicht so nach Pedalmissbrauch klänge. Denn auch wo Anderszewski viel Pedal benutzt, etwa in der Sarabande, herrscht der Eindruck völliger Klarheit, ein durchsichtiger Klangnebel. Vor allem aber erklingen in diesem nichts verschleiernden Sfumato die klarsten Abstufungen, die man sich wünschen kann, jede Linie wird herausziseliert und farbig nuanciert. Umgekehrt bleiben auch durchaus wuchtige Klänge, etwa die Arpeggien in der eröffnenden Toccata, feinsinnig abgetönt. – Eine ebenso stilisierte Tanzsuite, nun aber aus romantischem Geist, sind Robert Schumanns Papillons op. 2, in denen die Walzer, Polonaisen usw einer Faschingsnacht aphoristisch vorbeiflattern. Mögen sich hartherzige Puristen an Anderszewskis Bach noch stoßen, kann es an seinem innigen Schumann keinen Zweifel geben. Der einzige Einwand des Konzertgängers richtet sich gegen den Komponisten selbst: Am Schluss hat Schumann ein paar Töne zu viel komponiert, die kurz vor Ultimo erklingenden sechs Glockenschläge im Diskant wären der vollkommene Schluss.

Spiegelbildlich die zweite Hälfte des Konzerts: erst Schumann, dann Bach. Schumanns zur Zeit seines Zusammenbruchs entstandenen  „Geister-Variationen“ Es-Dur mögen keine große Variationenkunst wie etwa die Sinfonischen Etüden sein, es legen sich ja lediglich einige Tonnebel und -schwaden um das Thema; aber dieses letzte Thema ist nun mal zum Zerschmelzen schön, und wen die todtraurigen Geistervariationen nicht rühren, der hat kein Herz. Ohne Unterbrechung schließt Anderszewski Bachs Partita Nr. 1 B-Dur BWV 825 an, die nun klingt, als wollte Bach dem armen Schumann die Ruhe und den Frieden schenken, die dieser in unserer Welt nicht mehr erlangen konnte. Wenn in der abschließenden Gigue die Hände sich à la Scarlatti oder Rameau kunstvoll kreuzen, klingt das wie spielerische Erlösung.

Dazwischen – und auf diese Weise dezent ins Zentrum des Konzerts gerückt – spielt Anderszewski die Métopes op. 29 von Karol Szymanowski. Wer Skrjabin oder Ravels Gaspard mag, wird auch diesen sonnendurchfluteten Tagtraum nach Homers Odyssee lieben. Tempelreliefs aus Selinunt inspirierten Szymanowski zu dem dreisätzigen Stück, das das Gegenteil von klassischem Bildungsstaub ist: die körperlichste Musik an diesem Abend. Sie erinnert nicht nur an die Antike, sondern auch an Zeiten, als Süditalien und Nordafrika noch das Sehnsuchtsland der verfemten bürgerlichen Homosexuellen Europas waren. Erst die Sirenen, dann Kalypso, schließlich Nausikaa: Diese sirrende, flirrende Musik ist ein einziges Locken; alle Sätze steigern sich und kulminieren in dreifacher Erlösung, die durchaus ejakulativ klingt.

Ein be- und vergeisterndes geist(er)reiches Konzert, das der Stimmungszauberer Piotr Anderszewski mit drei Zugaben von Leoš Janáček beschließt.

Zum Konzert / Zum Anfang des Blogs

 

2. Oktober 2015 – Kohärent rauschhaft: Marek Janowski und das RSB spielen Debussy, Szymanowski und Schumann

Ist man ein Depp, wenn man bei den Nuages die Augen schließt und sich Wolken vorstellt? Vielleicht hat der Konzertgänger dieses Bedürfnis nicht wegen Debussy, sondern weil er auf dem Weg in die Philharmonie Schreckliches erlebt und erhört hat: eine heftig bumpernde Anfeierprobe am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit, vor dem Brandenburger Tor, das durch ein funkelndes Riesenrad verdeckt ist, Partystimmung at its worst, deutsches Dismaland. Da müssen sich Claude Debussys Trois Nocturnes (1897-99) erst den Weg zum geschändeten Gehör verschaffen.

In Nuages blähen sich keine impressionistisch verschwommenen Gebilde, sondern in allen Grautönen abgestufte Wolken am nächtlichen Himmel. Das Englischhorn spielt eine wichtige Rolle, und der Konzertgänger muss kurz die Augen öffnen, um dem ausgezeichneten Englischhornisten Thomas Herzog zuzusehen, der stets mit eigentümlich ausgestreckten Beinen bläst. Das Rundfunk-Sinfonieorchester skizziert die Linien dieser Musik so klar, dass die Wolken auch bei offenen Augen nicht flöten gehen. Im Anschluss gebietet Marek Janowski, als das Pausengehuste zu eskalieren droht, energisch den Einsatz der Fêtes: entfesselte Festmusik, wie man sie den Menschen vor dem Brandenburger Tor wünschte, mit viel Laut, aber auch geheimnisvollem Marschtanz-Wispern von Pauke, Harfe, gestopften Trompeten oder leisen Späßchen von Flöte und Tuba. Zum Abschluss summen die Sirènes von der Empore G Sonderplätze. Janowski regelt viel mit der Linken nach, es ist faszinierend zu hören, wie sein Orchester und die Damen des MDR-Rundfunkchors auf jeden Fingerzeig reagieren. Auch wenn das über zehnminütige Sirenengesumme nicht Debussys unermüdendste Komposition ist.

Featured imageZiemlich eso klingt auch der Chor in Karol Szymanowskis 3. Symphonie B-Dur ‚Das Lied von der Nacht‘ (1914-16). Sie hat den ganz speziellen Szymanowski-Sound, der im unvergleichlich schönen Stabat Mater von 1926 gipfelt. Das Lied von der Nacht ist ein überwältigender Klangrausch, in dem man Gott und die Sterne und noch viel mehr sieht, tanzende Derwische und schöne Huris; eine musikalische Ekstase, deren Voraussetzung das ist, was Janowski in lustiger Sachlichkeit Herstellung der Orchesterkohäsion nennt. Die kammermusikalischen Inseln sind ebenso präzise wie der entgrenzte Taumel; mystisch, aber deutlich singt auch der russische Tenor Dmitry Korchak den vom Persischen ins Deutsche und dann ins Polnische übersetzten (!) mittelalterlichen Sufi-Text.

Im November wird der Konzertgänger 40 Jahre alt und wünscht sich: einen Szymanowski-Zyklus in Berlin, inklusive der Oper Król Roger.

Robert Schumanns Symphonien hingegen würde der Konzertgänger, wäre er Dirigent, gewiss meiden. Janowski aber dirigiert sie mit diesem Orchester seit 2001 zum dreizehnten Mal. Irgendwas muss also dran sein. Vielleicht hat es mit Orchestererziehung zu tun. Dem Konzertgänger jedenfalls, bei aller Sympathie für Schumann und Liebe zu seiner Klaviermusik, erschließen sich diese Symphonien nicht.

Nicht mal durch eine zweifellos erstklassige Aufführung wie diese: Die 4. Symphonie d-Moll (revidierte Fassung, 1851) geht Janowski lebhaft an, ziemlich schnell und scharf akzentuiert. So treten die gesanglichen Abschnitte im Kopfsatz schön hervor. Der kreisende Leerlauf und Aktionismus der Symphonie bleibt trotzdem mühsam; ohne die herrlichen Violingirlanden in den Mittelteilen des zweiten (Solo von Rainer Wolter) und dritten Satzes würde der Konzertgänger sie kaum aushalten. Dann die Einleitung zum Finale: einer dieser verheißungsvollen Satzanfänge in Schumannsymphonien, ein großes Versprechen, doch dann… wieder das leere Kreisen.

So schlimm wie das Bumpern am Brandenburger Tor ist es aber nicht.

Zum Konzert