Ungeduldig: Berliner Philharmoniker und Marek Janowski mit Pfitzner und Bruckner

Berlin, wir müssen reden: Dieser Hammer-Bruckner der Berliner Philharmoniker ist nicht ausverkauft. Was geht schief in dir, Berlin?

Liegts am Bruckner vorangestellten Programm?

Der Zusammenhang von Hans Pfitzners Drei Palestrina-Vorspielen (1912-15) zu den thematischen Schwerpunkten „Monteverdi / Italien“ des Musikfests ist schon ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Aber so schön und kenntnisreich gespielt lässt man sich auch den ollen Pfitzner gefallen, rückwärtsgewandt hin oder her. Auch wenn man Pfitzner nicht ins Herz schließt. Weiterlesen

30.12.2016 – Traralos: Janowskis vorletzte Letzte beim RSB

Abschied ohne großes Trara: Marek Janowski dirigiert seine letzten beiden Konzerte beim Rundfunk-Sinfonieorchester. Zwar hat er als Chefdirigent von 2002 bis 2015 das Orchester nicht nur als Institution gerettet, sondern aus einem beklagenswerten Zustand unter Überspringung des Mittelmaßes auf höchstes Niveau gehoben (nachzuhören seit vielen Jahren, nachzulesen in Janowskis interessanter und lustiger Biografie Atmen mit dem Orchester). Dennoch werden ihm keine Denkmale oder Denkmäler (wie es heißen muss, fragte sich schon Musil) gebaut, aber hübsche Skizzen gewidmet:

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23.12.2016 – Weihnachtsbrätlich: Humperdincks „Hänsel und Gretel“ mit RSB und Janowski

Richard Wagner,  Richard Strauss … was kann danach noch kommen?

Humperdinck.

Nach dem schon legendären Wagnerzyklus und zweimal Strauss wagt das Rundfunk-Sinfonieorchester unter Marek Janowski sich wieder an eine konzertante Opernaufführung. Auf den Tag genau 123 Jahre nach der Uraufführung durch die Staatskapelle Weimar unter Richard Strauss gibt es in der Philharmonie Engelbert Humperdincks Kinderstuben-Weihfestspiel Hänsel und Gretel.

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22.9.2016 – Metabolisch: Berliner Philharmoniker und Daniele Gatti spielen Honegger, Dutilleux, Debussy

Musikparadies Berlin! Drei Tage lang Henri Dutilleux, von Donnerstag bis Samstag, und das gleich doppelt: im Konzerthaus mit der raren 2. Sinfonie (und der einzigartigen Isabelle Faust als Luxus-Dreingabe) und bei den Berliner Philharmonikern mit Métaboles. Die werden häufiger gespielt, 2013 mit Rattle und vor acht Monaten vom RSB mit Janowski; aber das Programm ist in der Kombination mit Arthur Honegger und Debussy ausgefallen genug, dass die Philharmonie nicht ganz ausverkauft ist. Für ein Philharmoniker-Programm immer ein gutes Zeichen!

50Wenn man Dutilleux‘ Métaboles (1964) zum ersten Mal hört, findet man das Stück schön. Beim zweiten Mal weiß man, dass es ein Klassiker ist. Dutilleux wird man noch spielen, wenn Boulez und Messiaen nur noch im Museum besichtigt werden! Weiterlesen

24.4.2016 – Forte ma dolce: Yefim Bronfman spielt Prokofjew, Anna Vinnitskaya Bartók

Zwei klavieristische Großereignisse am Sonntag: Am Vormittag vollendet Yefim Bronfman seinen Prokofjew-Zyklus , am Nachmittag spielt Anna Vinnitskaya gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester die drei Klavierkonzerte von Béla Bartók.

Yefim Bronfman in der Staatsoper im Schillertheater

Wie schon bei den beiden vorhergehenden Rezitals mit Sergej Prokofjews Sonaten 1-4 und 5-7 ist der Saal nicht überfüllt, aber besser besucht als ein evangelischer Gottesdienst. Dass man in der trockenen Akustik des Schillertheaters wie um die Ecke hört, passt ganz gut zu Prokofjews Klaviersonate Nr. 9 C-Dur, die zwischen irritierender Schlichtheit und sinistrer Spätwerkhaftigkeit schwankt (und Swjatoslaw Richter enttäuschte, bevor er sie 1951 doch uraufführte). In dieser letzten Sonate sind statt starker Pranke flinke Finger gefragt. Yefim Bronfman ist ein sachlicher Virtuose und feinsinniger Kraftprotz, zugleich ein Pianist, dessen Agilität, Akkuratesse und Filigranität den Hörer angesichts gewisser körperbaulicher Merkmale (ohne von Wurstfingern sprechen zu wollen) immer wieder verblüffen. Mit ihrer Simplizität und den vielen Tonleitern erinnert Prokofjews C-Dur-Sonate fast an Mozarts Sonata facile. Aber Bronfman betont mit angespanntem Bassgrollen im Kopfsatz und zwielichtigen Tonrepetitionen im Diskant des folgenden Allegro strepitoso die möglichen Abgründe dieser relaxten, am Ende ganz friedlich auspendelnden Musik.

Gleichwohl ein etwas verlegen machendes Werk, die vorletzte 8. Sonate B-Dur ist eine ganz andere Hausnummer und Bronfmans Entscheidung einleuchtend, mit ihr den Zyklus zu beschließen. Sonst meist im Zusammenhang der „Kriegssonaten“ 6 bis 8 gespielt, bezieht sie ihre Kraft hier einmal nicht aus dem Kontrast mit der explosiven Siebten, sondern in Kombination mit der tiefenentspannten Neunten. Forte ma dolce lautet eine kuriose Spielanweisung im zweiten Satz, und so könnte man Bronfmans Klavierspiel generell beschreiben: Zwar kommt es im Finale zu äußersten Entladungen, bei denen man fürchtet, der Pianist könnte sich insonderheit den rechten Zeigefinger brechen. Aber Bronfman nutzt seine Kraft vor allem, um klare Linien zu zeichnen. Jedes Tempo, jedes dynamische Extrem erscheint in höchster Deutlichkeit: alle Anschlags- und Ausdrucksnuancen vom Wispern bis zum Donnern, vom silbernen Celestabimmeln bis zum Orchesterorkan – eine Sonate als unendliche Reise. Wie Prokofjews Klavierschaffen überhaupt, das Bronfman in diesem staunenswerten Zyklus präsentiert hat. – Zum Konzert

Anna Vinnitskaya in der Philharmonie

Bronfman spielt in dieser Saison auch die drei Klavierkonzerte von Béla Bartók (mit dem London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev). Aber er tut das an drei Abenden, nicht an einem einzigen Nachmittag, wie es Anna Vinnitskaya mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski wagt. Der Konzertgänger begibt sich etwas skeptisch in die Philharmonie, da im Vorfeld selbst fundierteste Musikkritiker (Jan Brachmann in der FAZ) den leistungssportlichen Aspekt dieses Unternehmens hervorhoben, nicht die musikalische Verheißung.

Ein beruhigend menschliches Zeichen: Vinnitskaya braucht nach jedem Konzert eine Pause. Beunruhigend un- bis übermenschlich: Danach schreibt sie im Foyer Autogramme.

In Bartóks flagellantischem 1. Klavierkonzert steht das Schlagzeug im Zentrum des Orchesters. Anna Vinnitskaya trägt ein weinrotes Kleid mit cremefarbenen Streifen. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. Anfangs rätselt der Konzertgänger, wo Orchester und Solistin versehentlich auseinandergedriftet sind und wo es sich um korrekte Synkopen handelt. Später greift dann alles perfekt ineinander, nach Anna Vinnitskaya kann man die Metronome stellen, selbst ihr Rubato ist minutiös. – Zwei ältere Besucher links und rechts vom Konzertgänger in Block D halten unbeirrt von Rumor und Barbaro ihr Mittagsschläfchen.

Im 2. Klavierkonzert steht das Schlagzeug hinter dem Orchester. Anna Vinnitskaya trägt ein glitzerndes Pailettenkleid. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. Nach dem ersten Hammerklavier-Konzert (Steffen Georgi) funkeln die Klangfarben des Zweiten umso schöner, obwohl hier der athletische Aspekt (etwa die Kadenz im Kopfsatz) noch enormer ist. Atemberaubend der zweite Satz, in dem der so sachte wie herbe Streicherklang, gedämpft und vibratolos, im Wechsel mit Klavier und Pauke raunt. In der Mitte des Mittelsatzes, auf der Spiegelachse des symmetrischen Werkes, rattert alles, was das Zeug hält. – Ein Mädchen in Block A liest unbeirrt ihr Lustiges Taschenbuch.

Im 3. Klavierkonzert hat sich ein Xylophon zum Schlagzeug gesellt. Anna Vinnitskaya trägt ein rosa Faltenkleid mit schwarzem Umhang. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. An Vinnitskayas Händen ist noch kein Blut zu sehen, auch keinerlei Ermüdungserscheinungen werden hörbar. Den Choral im Adagio religioso geht sie langsam an, mit festem, glasklarem Anschlag; wie klares Wasser ihre Läufe und Arpeggien. Die samtweichen Streicher und zarten Holzbläser des RSB verschmelzen mit dem Klavier, ohne dass nur ein Ton verschwömme. So kompakt und frisch klingen Orchester und Solistin im Finale, dass man sehr bedauert, dass es von Bartók kein 4. Klavierkonzert gibt. – Zumal das unbeirrte Mädchen in Block A ihr Lustiges Taschenbuch noch nicht ganz durch hat.


Skepsis grundlos, sehr lohnender Nachmittag. Mal sehen, was Vinnitskaya als nächstes treibt, vielleicht alle neun Prokofjewsonaten an einem Abend? Oder mal vierhändig und tausendfingrig mit Bronfman? – Zum Konzert

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17.3.2016 – Glitzernd: RSB, Janowski und Arabella Steinbacher spielen Prokofjew, Schubert, Haydn

Bild: THOR

Auch wenn Sergej Prokofjew nicht jedermanns Lieblingskomponist ist, lohnt es, seine beiden Violinkonzerte im Vergleich zu erleben – vor allem wenn Arabella Steinbacher sie spielt. Nicht etwa, weil Steinbacher so gut aussieht, dass gerüchteweise sogar Taube ihretwegen in die Philharmonie kommen. Diese großartige Geigerin zu hören würde auch lohnen, wenn sie wie ein behaarter Klops aussähe! Nicht nur ihr violettes Kleid glitzert und funkelt, sondern auch Prokofjews 1. Violinkonzert D-Dur (1915/17, UA 1923), dem Steinbachers „transparenter silberner Ton“ (Deutschlandfunk) besonders gut steht. Dieses Werk ist so maximal entspannt, dass ein Baby in Block C völlig zurecht jauchzt. Störend hingegen der Reinklatscher aus Block G am Schluss: Gern ließe man diese Musik, in der ein Reiz auf den anderen folgt, noch in der Stille nachklingen, die flötenbegleiteten Pizzicati, das kristallin trillernde und glissierende Eisprinzessinnenfinish des ersten Satzes, das federleicht fliegende, sausende, schwirrende, auch trommelnde Vivacissimo. Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski begleitet so akkurat und begeistert, wie man es von diesem Orchester mittlerweile selbstverständlich erwartet.

Prokofjews 2. Violinkonzert g-Moll klingt im Vergleich weniger originell, dafür ist es von einer direkteren Schönheit, die auch dem Tschaikowsky- und Sibeliusfreund gefällt, geradezu irritierend klangsatt und rhapsodisch, wenn man bedenkt, dass es 1935 entstand, kurz bevor Prokofjew in die Sowjetunion zurückkehrte, mittenmang in Stalins Großen Terror. Der Abgrund, den man in diese Musik hineinzuhören neigt, liegt am ehesten in seiner Abwesenheit. Steinbacher spielt und singt den schönen Ton aus, ein großer Genuss, mit Best-of-Classics-tauglichem Andante und funkensprühendem, präzise besoffenem Finale mit iberischem Einschlag.

Franz Schubert hingegen ist jedermanns Lieblingskomponist, aber sein „Frühwerk“ hat einen schweren Stand, Brahms erwog gar (wie man im wie stets lesenswerten Einführungstext von Steffen Georgi erfährt), Schuberts Symphonien 1 bis 3 aus der Gesamtausgabe auszusperren. Aber das RSB schießt jeden Verdacht beiseite, Schuberts 3. Symphonie D-Dur D 200 (1815) sei langweilig. Mit zackiger, fast aggressiver Lustigkeit legt das Stück eine überdrehte Motorik an den Tag, die an Prokofjew denken lässt. Immer wieder schön, wie die Zusammenhänge von Janowskis altmodisch wirkenden Programmen beim Hören unmittelbar einleuchten.

Keine Prinzessinnenmusik, sondern wahrhaft königlich ist Joseph Haydns Symphonie Nr. 85 B-Dur Hob I:85 „La Reine“ (1787), die zweite der Pariser Symphonien, angeblich ein Lieblingsstück von Marie Antoinette. Janowskis Haydn ist eine sichere Bank, doch ohne falsche Routine. Wie Schubert ohne eigentlich langsamen Satz (fürs Lyrische ist heute ausgerechnet Prokofjew zuständig), dafür mit herrlichem Flötensolo von Ulf-Dieter Schaaff in der Allegretto-Romanze und prima synkopenfreudigem Menuett. Haydn wie Schubert von Janowski auswendig dirigiert.

Als einziger Wermutstropfen sei wieder einmal die elende Husterei erwähnt, die den verschnupften Wunsch weckt, Einlass in die Philharmonie nur noch mit ärztlichem Attest über die Abwesenheit von Erkältungskrankheiten und zwangsneurotisch bedingten Bronchialkontraktionen zu gewähren. Siehe zu diesem leidigen Thema auch die Ausführungen des Konzertgängers über Hörstörungen.

Am 10. April ist Arabella Steinbacher wieder beim RSB, dann mit dem Mendelssohn-Violinkonzert.

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29.1.2016 – Feinsinnig-orgiastisch: RSB spielt Debussy und Dutilleux

Manchmal hat Schrott sein Gutes: Vor einer Woche war beim ULTRASCHALL-Festival für neue Musik im Heimathafen Neukölln eine Synthie-Version des Nachmittags eines Fauns zu hören, die die Fingernägel kräuseln machte – natürlich parodistisch gemeint, trotzdem unentschuldbar. Wenn nun im Konzerthaus echte Holzbläser den einstimmigen Beginn von Claude Debussys Le Martyre de Saint Sébastien anstimmen, genießt man den schillernden Klang selbst einer so spröden Linie. Das kann nur Orchester – und das Rundfunk-Sinfonieorchester besonders.

Debussy hat diese merkwürdige Musik auf einen schwülstigen Text von Gabriele d’Annunzio komponiert, den man besser nicht liest, weil er sonst an der Musik zu kleben droht. Besser schließt man die Augen und denkt hörend an den Heiligen Sebastian von Botticelli (oder Antonello da Messina oder Mantegna). Der Beginn erinnert fast an Erik Satie, spätere Passagen an die Himmelfahrtsmusik von Messiaen; das Finale Le bon Pasteur hat was von fieser religiöser Schmonzette, aber herrliche Klangmischungen.

Marek Janowski wirkt zwar immer wie ein teutonischer Knurrhahn, aber seine Pingeligkeit ist genau das Richtige für diese Musik, die erst durch Präzision ins Fließen gerät. Auch in La Mer nichts Verschwommenes oder Sfumatohaftes, stattdessen ein perfekt aufgefächertes, sehr bewegliches Klangbild. Das Stück handelt ja ohnehin nicht vom Meer, höchstens von der Meeresoberfläche, von Licht und Bewegung, es könnte ebensogut La Neige heißen. (Bei Strauss würde eine Tondichtung Das Meer brausen und nach Fisch stinken, bei Ravel endlose Tiefe evozieren, in der Wale und Fabelwesen unter dem schlafenden Seemann durch die ewige Dunkelheit ziehen.) Allerdings zielt Janowski nicht auf Gleichgewicht, wie sich im hochgradig geschärften Finale zeigt, das die Cellisten druckvoll beginnen: Der Dialogue du vent et de la mer ist eher ein Kampf, Schönheit und Schrecken liegen nah beieinander. Der Schluss knallt, als wär’s La Valse. Mitreißend.

Die Debussy-Stücke rahmen an diesem französischen Abend zwei Werke von Henri Dutilleux (1916-2013), von dem Wissende wissen wollen, dass seine Musik länger überdauern werde als die von Boulez. Auf jeden Fall entfaltet sich in ihr ein Orchesterzauber, dem gegenüber Debussy fast eindimensional klingt: feinsinnige Orgien für Klangfarbenhedonisten. Außerdem hatte er einen besseren Literaturgeschmack als Debussy. Das Cellokonzert „Tout un monde lointain…“ ist von Baudelaire-Versen inspiriert, aber in einem eher assoziativen Verhältnis, ein zusätzliches Angebot für den Bilder und Begriffe suchenden Hörer, ähnlich wie bei Debussy und dem Meer. Die RSB-Cellistin Konstanze von Gutzeit beweist eindrucksvoll, dass dieses Orchester überhaupt keine externen Solisten nötig hätte; es sei denn aus Vermarktungsgründen. (Allerdings, wenn es um Marketing geht: Eine attraktivere Cellistin als Gutzeit gibt es nicht mal in Südamerika; diese musikalisch irrelevante Bemerkung nur am Rande.) Das Cello brilliert von vollen und inbrünstigen Klängen (Dutilleux komponierte für Rostropowitsch…) bis zu ganz gläsernen und zerbrechlichen Passagen, während das Orchester immer neue, immer subtilere Mischklänge hervorbringt.

In den Métaboles, ohne literarische Referenz, treten die Orchestergruppen wechselweise, aber nicht strikt getrennt hervor, bevor sie sich in einem betörenden glanz- und lustvollen Klangrausch vereinigen. Das ist viel mehr als ein glorioser Qualitätsnachweis für ein Orchester – aber es ist auch das.

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23.12.2015 – Verwickelt: RSB, Janowski und Hamelin spielen Franck und Brahms

Mag Brahms auch logischer mäandern als Franck, so gibt es doch eine Art von verwickelter musikalischer Verwandtschaft: weniger der dichte Orchestersatz als eine gewisse bürgerlich-melancholische Zackigkeit. Eine schöne Kombination also, wenn das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski am Tag vor Heiligabend eine französische 3sätzige Sinfonie und ein deutsches 4sätziges Klavierkonzert spielt: kulinarisch, aber nie fetttriefend.

César Franck erklärte, seine Sinfonie d-Moll (1886-88) stehe gleichzeitig in f-Moll, und so klingt sie auch: wundervoll durch die Harmonien mäandernd, eher Ver- als Entwicklung. Nie fürchtet der Konzertgänger bei dieser hörbar geistreichen Musik, er könne vom Komponisten dabei ertappt werden, dass er den Faden verloren hat. Der Ohrwurm, der im ersten Satz wie ganz von selbst, ohne Zwang, aus dem Fluss der Musik aufsteigt, zaubert jedem Hörer ein Lächeln ins Antlitz. Und da bleibt es: vom Dur-Schluss, der im ersten Satz den überraschend wiederkehrenden dramatischen Gestus freundlich, doch entschieden abbricht, über das Lento mit integriertem Scherzo bis zum beschwingten Finale, in  dem sich alle Themen der Sinfonie wiedereinfinden – nicht im Sinne einer harschen Conclusio, sondern als fröhliches Stelldichein. Janowski dirigiert auswendig, am Ende meint man gar, ihm einen franckschen Backenbart wachsen zu sehen; das RSB ist, wie eigentlich stets, glänzend disponiert.

Marc-André Hamelin könnte zwar gleichzeitig Ravels Gaspard de la Nuit mit der Linken und Balakirews Islamey mit der Rechten spielen, er gilt bekanntlich als einer der größten Klaviervirtuosen der Gegenwart. Obwohl Klaviervirtuosen im 21. Jahrhundert nicht mehr dieselbe Popularität genießen bzw erleiden wie im 19. Jahrhundert, wie dieses Foto aus dem Twitter-Account des Maestros beweist:

https://pbs.twimg.com/media/CWBuqCEWwAAVAD6.jpg

Aber ein Virtuose ist Hamelin nur in technischer Hinsicht, nicht im Sinn von Oberflächlichkeit: Johannes Brahms‘ 2. Klavierkonzert B-Dur op.83 (1881) schüttelt er zwar aus dem Ärmel, aber ohne es auf die leichte Schulter zu nehmen. Mit wuchtiger Brahmspranke lässt er den Hörern in Block A die Haare wehen. Das RSB unter Janowski geht voll mit: Nichts für Brahmsgenderer und Originalklangversteher, dafür hat man das Gefühl, Brahms und Bülow persönlich zuzuhören. Und die weibliche Note bringt dann ja überströmend das Cello (gespielt von der brillanten Konstanze von Gutzeit, heute in ungewohnt flachen Schuhen) im dritten Satz, um dessentwillen auch der oberflächliche Konzertgänger dieses Werk immer wieder hören will. Klavier und Cello verwickeln sich in perfekte Symbiose, um nicht zu sagen vollkommenen Seelenverkehr. Das Finale spielt Hamelin dann mit geradezu haydnscher Klarheit.

Als müsse er seine Fähigkeit zum Zartgefühl noch beweisen, gibt er als Zugabe ein wunderbar anmutiges As-Dur-Impromptu von Schubert, den A-Teil spielt er bei der Wiederkehr etwas langsamer als beim ersten Mal, zum Dahinschmelzen.

Sollte irgendein Tauber noch Zweifel an der Virtuosität dieses Pianisten haben, verpuffen sie bei Claude Debussys Feux d’artifice, mit denen Hamelin bereits Silvester vorwegnimmt. Und keine Frage, Debussys Feuerwerk klingt verdammt viel besser als Silvester in Berlin.

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27.+28.11.2015 – Bruckner-Wochenende mit Marek Janowski und dem RSB

Zweimal Bruckner…

Ach, der Beckenschlag! Sogar der Sohn des Konzertgängers hat schon mal davon gehört: Dass ein Musiker in einem über einstündigen Werk nur einen einzigen Einsatz hat, findet er toll. Dass dieser Umstand bereits einen Neunjährigen beeindruckt, der Anton Bruckners 7. Sinfonie E-Dur noch nie gehört hat, beweist: 1. dass Bruckners Einflüsterer ganz richtig kalkulierten, als sie ihm den effektvollen Beckenschlag aufschwatzten; und 2. dass der besonders seriöse Interpret diesen Effekt guten Gewissens weglassen kann. Wie es mancher Tintenbube verlangt.

Marek Janowski muss seine Seriosität aber nicht beweisen, indem er naive Hörer vor den Kopf stößt: So wenig wie die Siebte den Beckenschlag braucht, so wenig braucht sie es, ihn wegzulassen. Dass Marek Janowskis Bruckner eine Bank ist, weiß man; aber wie gut diese Siebte ist, verschlägt einem trotzdem den Atem. Bereits der Anfang ist ein Wunder an Klarheit. Je durchsichtiger Bruckner klingt, desto mysteriöser: Der erste Satz scheint wie eine Phrase, ein einziger langer Atemzug, und alles taghell; umso eindrucksvoller dann der erdige Klang der Wagnertuben zu Beginn des Adagio und später das Herniedersinken der Nacht. Bis ins Finale hält der Sog: Über einen Tremoloteppich gelangen wir in die Ewigkeit, über einen Tremoloteppich müssen wir wieder hinaus. Für so einen Bruckner ist man: dankbar. (Obwohl der Konzertgänger etwas eifersüchtig auf Bruckner ist, diesen Hagestolz, der in den Frauen Ekstasen hervorruft, wie es dem schnöden Gatten nie gelingt.)

Die Siebte am Samstagabend ist der krönende Abschluss eines originellen Konzertpaares, das das Rundfunk-Sinfonieorchester am Freitag mit Bruckners Messe Nr. 2 für achtstimmigen Chor und Bläser e-Moll begann. Der Verzicht auf Streicher hat einen äußerlichen Grund, Bruckner komponierte die Messe für eine Freiluftaufführung auf der Baustelle des neuen Linzer Doms 1869. Sie fördert aber auch einen Eindruck von Strenge, der mit den eklektischen Elementen (Gregorianik-Sound, Kontrapunktik, Wagner-Anklänge im Agnus Dei) eine eigenartige und faszinierende Verbindung ergibt. Überraschende Assoziationen stellen sich ein, die Holzbläserketten zu Beginn des Gloria erinnern an Strawinsky, das gleißende Hosanna in excelsis im Sanctus an Messiaen, die fast poppige Auferstehung im Credo gar an Michael Nyman… Vor allem aber glänzt hier der von Florian Benfer geleitete MDR Rundfunkchor Leipzig, der etwa im miserere nobis des Agnus Dei Momente von überirdischer Schönheit schafft.

… und dazu Bach, Britten, Hindemith

Eigenartig und faszinierend auch, wie Janowski und das RSB Bruckner kombinieren: Im Anschluss an die Messe für Chor und Bläser erklingen zwei Werke, in denen nur die Streicher des Orchesters spielen – und natürlich das Cembalo in J.S. Bachs Brandenburgisches Konzert Nr. 3 G-Dur. Bach hat hier einen satten Sound, der fast altmodisch wirkt. Zugleich geht Janowski es, wenn auch gewiss nicht „historisch“, so doch ziemlich flott und mit scharfen Kontrasten an. Wunderbar die Grummelpassage der Bässe im ersten Satz. Der motorische Schlusssatz erinnert fast an den Kopfsatz einer Schumannsymphonie; trotz Hochdruck wirkt dieser Bach aber geradezu beiläufig.

In Benjamin Brittens Les illuminations nach Texten von Arthur Rimbaud  (1939) gibt es jede Menge Bläser, aber sie werden alle von Streichern gespielt: so bereits die Fanfare im ersten Stück, die die Bratschen schmettern. Auch Gläser und Glocken (Phrase) oder Lauten (Antique) können die Streicher des RSB. Es singt Jacquelyn Wagner , die beim RSB 2014 bereits Florence Schmitts durchgeknallten 47. Psalm darbot, ein unvergesslich irres Konzerterlebnis. Mag ihr nicht gerade fragiler Sopran das Mysteriöse etwa des Being Beauteous vielleicht etwas subilluminieren, so beeindrucken die famosen Wogen des Marine (das dann als Zugabe wiederholt wird) umso stärker.

Eine harte Nuss, die Janowski mit der geradezu bizarren Kombination Brucknermesse – Bach – Britten/Rimbaud dem denkenden Hörer zu knacken gibt!

Etwas ratlos machte den Konzertgänger hingegen Paul Hindemiths Konzert für Orgel und Orchester (1962), das am Samstag vor der Siebten erklang: Mal etwas anderes als Saint-Saëns‘ Orgelsymphonie, freut man sich – und hört dann ein behäbiges Klangspektakel für ausgemachte Hindemith-Fans, eine aussterbende Spezies. Orchester und Orgel treten sich als zwei gleichmächtige Blöcke gegenüber, die Registerwechsel sind auf Dauer wenig faszinierend, trotz eindrucksvoll sirrender Passagen und kräftiger Steigerungen fühlt der Konzertgänger sich wie auf einem rauh bezogenen Altherrenohrensessel mit Fernet branca und Werther’s Echten. Oder wie der gemeine Hindemith-Skeptiker gern sagt: Es klingt spröde. Aber das mag auch an den Ohren des Hörers liegen, nicht an Hindemith.

Ganz sicher liegt es nicht an der großartigen Organistin Iveta Apkalna (im weißen Hosenanzug und mit güldenem Haarkranz & Schuhwerk). Die Zugabe, ein Stück von Thierry Escaich, fegt jeden Hörer vom Sessel.

Und dann folgt ja noch Bruckners Siebte.

Zum Konzert am 27. und am 28. November

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2. Oktober 2015 – Kohärent rauschhaft: Marek Janowski und das RSB spielen Debussy, Szymanowski und Schumann

Ist man ein Depp, wenn man bei den Nuages die Augen schließt und sich Wolken vorstellt? Vielleicht hat der Konzertgänger dieses Bedürfnis nicht wegen Debussy, sondern weil er auf dem Weg in die Philharmonie Schreckliches erlebt und erhört hat: eine heftig bumpernde Anfeierprobe am Vorabend des Tages der Deutschen Einheit, vor dem Brandenburger Tor, das durch ein funkelndes Riesenrad verdeckt ist, Partystimmung at its worst, deutsches Dismaland. Da müssen sich Claude Debussys Trois Nocturnes (1897-99) erst den Weg zum geschändeten Gehör verschaffen.

In Nuages blähen sich keine impressionistisch verschwommenen Gebilde, sondern in allen Grautönen abgestufte Wolken am nächtlichen Himmel. Das Englischhorn spielt eine wichtige Rolle, und der Konzertgänger muss kurz die Augen öffnen, um dem ausgezeichneten Englischhornisten Thomas Herzog zuzusehen, der stets mit eigentümlich ausgestreckten Beinen bläst. Das Rundfunk-Sinfonieorchester skizziert die Linien dieser Musik so klar, dass die Wolken auch bei offenen Augen nicht flöten gehen. Im Anschluss gebietet Marek Janowski, als das Pausengehuste zu eskalieren droht, energisch den Einsatz der Fêtes: entfesselte Festmusik, wie man sie den Menschen vor dem Brandenburger Tor wünschte, mit viel Laut, aber auch geheimnisvollem Marschtanz-Wispern von Pauke, Harfe, gestopften Trompeten oder leisen Späßchen von Flöte und Tuba. Zum Abschluss summen die Sirènes von der Empore G Sonderplätze. Janowski regelt viel mit der Linken nach, es ist faszinierend zu hören, wie sein Orchester und die Damen des MDR-Rundfunkchors auf jeden Fingerzeig reagieren. Auch wenn das über zehnminütige Sirenengesumme nicht Debussys unermüdendste Komposition ist.

Featured imageZiemlich eso klingt auch der Chor in Karol Szymanowskis 3. Symphonie B-Dur ‚Das Lied von der Nacht‘ (1914-16). Sie hat den ganz speziellen Szymanowski-Sound, der im unvergleichlich schönen Stabat Mater von 1926 gipfelt. Das Lied von der Nacht ist ein überwältigender Klangrausch, in dem man Gott und die Sterne und noch viel mehr sieht, tanzende Derwische und schöne Huris; eine musikalische Ekstase, deren Voraussetzung das ist, was Janowski in lustiger Sachlichkeit Herstellung der Orchesterkohäsion nennt. Die kammermusikalischen Inseln sind ebenso präzise wie der entgrenzte Taumel; mystisch, aber deutlich singt auch der russische Tenor Dmitry Korchak den vom Persischen ins Deutsche und dann ins Polnische übersetzten (!) mittelalterlichen Sufi-Text.

Im November wird der Konzertgänger 40 Jahre alt und wünscht sich: einen Szymanowski-Zyklus in Berlin, inklusive der Oper Król Roger.

Robert Schumanns Symphonien hingegen würde der Konzertgänger, wäre er Dirigent, gewiss meiden. Janowski aber dirigiert sie mit diesem Orchester seit 2001 zum dreizehnten Mal. Irgendwas muss also dran sein. Vielleicht hat es mit Orchestererziehung zu tun. Dem Konzertgänger jedenfalls, bei aller Sympathie für Schumann und Liebe zu seiner Klaviermusik, erschließen sich diese Symphonien nicht.

Nicht mal durch eine zweifellos erstklassige Aufführung wie diese: Die 4. Symphonie d-Moll (revidierte Fassung, 1851) geht Janowski lebhaft an, ziemlich schnell und scharf akzentuiert. So treten die gesanglichen Abschnitte im Kopfsatz schön hervor. Der kreisende Leerlauf und Aktionismus der Symphonie bleibt trotzdem mühsam; ohne die herrlichen Violingirlanden in den Mittelteilen des zweiten (Solo von Rainer Wolter) und dritten Satzes würde der Konzertgänger sie kaum aushalten. Dann die Einleitung zum Finale: einer dieser verheißungsvollen Satzanfänge in Schumannsymphonien, ein großes Versprechen, doch dann… wieder das leere Kreisen.

So schlimm wie das Bumpern am Brandenburger Tor ist es aber nicht.

Zum Konzert