Ungeduldig: Berliner Philharmoniker und Marek Janowski mit Pfitzner und Bruckner

Berlin, wir müssen reden: Dieser Hammer-Bruckner der Berliner Philharmoniker ist nicht ausverkauft. Was geht schief in dir, Berlin?

Liegts am Bruckner vorangestellten Programm?

Der Zusammenhang von Hans Pfitzners Drei Palestrina-Vorspielen (1912-15) zu den thematischen Schwerpunkten „Monteverdi / Italien“ des Musikfests ist schon ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Aber so schön und kenntnisreich gespielt lässt man sich auch den ollen Pfitzner gefallen, rückwärtsgewandt hin oder her. Auch wenn man Pfitzner nicht ins Herz schließt. Das Vorspiel zum zweiten Akt Mit Wucht und Wildheit zeigt die Polterkomik eines Humorlosen, aber man staunt, wie durchhörbar ein so dicklich orchestriertes Stück klingen kann. Die ruhigen Rahmensätze wirken auf eine sentimentale, nicht ganz glaubwürdige Weise meditativ.

Liegts gar am Dirigenten? Weil Marek Janowski der glitzernde Großdirigenten-Nimbus fehlt? Der Konzertgänger jedenfalls leidet unter Janowski-Entzug, seit der das Rundfunk-Sinfonieorchester verlassen hat (Antrittskonzert seines Nachfolgers Vladimir Jurowski übrigens am Sonntag). Prima, dass er jetzt öfter bei den Philharmonikern auftaucht. Herrlich, wie er mit energischem Fingerwackeln die Lautstärken rauf und runterregelt. Manchmal winkt er mit der ganzen Hand, das sieht immer etwas verärgert aus, ist aber wohl nicht so gemeint. Das Orchester ist überaus folgsam und hochengagiert.

Am Ende des ersten Vorspiels wirkt es, als finge Janowski den leisen Schlussakkord mit der Faust ein, am Ende des dritten sinkt seine Hand mit dem stillen Verklingen der Musik langsam zu Boden.

Was nach der Pause folgt, ist um Welten überzeugender als die Anton Bruckner-Aufführungen von Andris Nelsons und Simon Rattle himself, die der Konzertgänger zuletzt bei den Philharmonikern hörte; und erst recht aufregender als Daniele Gattis Bruckner vor wenigen Tagen mit dem Concertgebouw. Keine Spur von „weichem Streicherteppich“ oder „Raunen“ zu Beginn der Sinfonie Nr. 4 Es-Dur, sondern ein leiser, feiner und doch druckvoller Grundpuls. Ein explosiver Untergrund, über dem das einsetzende Horn um so ruhiger klingt. Was das Ganze im besten Sinn beunruhigend macht.

Hals über Kopf geht es durch die Sinfonie, aber in ungeheurer Klarheit. Ein Hammer-Bruckner, aber ohne Holzhammer. Der Konzertgänger kann sich nicht erinnern, je so viele einzelne Stimmen in Bruckners Vierter gehört zu haben. Um so eindrucksvoller geraten die Klangballungen, in die die Musik sich steigert: nicht majestätisch, sondern oft geradezu gewalttätig. Bei Janowski ist das Effekt und Form zugleich, die Form ist der Effekt.

Der Kontrast zwischen Hyperaktivität und maßloser Schwermut im Finale ist enorm. Einmal kommt es zu einem auf kohärente Weise irren Streicherschwirren, das den Konzertgänger glatt Xenakis‘ Metastaseis erahnen lässt; abseitige Privatassoziationen mögen das sein, wie auch die Wahrnehmung des wilden Kontrafagottbrummens, obwohl gar kein Kontrafagott dabei ist. Und doch: was da alles drinsteckt.

Janowskis Ungeduld fördert das alles zutage. Steigerung seiner Fingergestik: pieksiges Fuchteln mit dem Dirigentenstab Richtung Bratschen. Kriegen die da keine Angst? Aber es handelt sich um eine Ungeduld, die niemals hektisch wird. Und sie passt wunderbar zu der paradoxen Ungeduld an den Wendungen und Umschlagplätzen dieses Riesenwerks.

Die ersten und zweiten Geigen sitzen nebeneinander, dann die Celli, ganz außen die Bratschen: Wie nennt sich eigentlich diese weder deutsche noch amerikanische Aufstellung? Österreichische? Chinesische?

Sollte Rattle die Lust an seinen Bruckner-Vorhaben verlieren, bitte sofort an Janowski übergeben. Und du, Berlin, hast noch zwei Gelegenheiten, diesen nicht ausverkauften Hammer-Bruckner zu erleben, Samstag und Sonntag.

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2 Gedanken zu „Ungeduldig: Berliner Philharmoniker und Marek Janowski mit Pfitzner und Bruckner

  1. Die Negativkritik zu Pfitzner kann nur verwundern: Zunächst fragt man sich wieso der Verfasser glaubt, dass das Vorspiel zum 2. Akt der Komik zuzuordnen ist? Ich habe hier in Wien viele Palestrina Aufführungen erlebt bin aber nie auf diese Idee gekommen. Das Ganze schildert (wie ja auch der Inhalt des 2. Aktes zeigt) die Verwirrung, Hektik und den Streit der hochrangigen Herrn der Glaubens, ja man kann man da eine gewisse sehr treffende Karikatur erkennen…so agressiv, verbohrt und verbissen! Und die zum 1. und 3. Akt? Verkennt der Autor nicht, dass hier Pfitzner bewusst mit sehr einfachen Intervallzusammenklängen (Quint, Terz) arbeitet, die typisch für die ganz frühe Kirchenmusik waren, arbeitet und aus diesen seltsamerweise doch eine sehr modern (1912-15) klingende resignative Stimmung herauswächst, die die Sinnkrise des im Text als alt und verzweifelt geschilderten Palestrinas geradezu zum Greifen nahe bringen. Es ist modern Pfitzner runterzutragen ( vieles von ihm ist wohl nicht so toll) aber über Palestrina haben sich schon wahre Größen der Musik zu Recht entzückt (so der Uraufführungsdirigent Bruno Walter).
    Ansonsten glaube ich gerne, dass Janowski nunmehr im hohen Alter eine unglaubliche Reife der Darstellung erreicht. Die Orchesteraufstellung sah und sieht man oft hier in Wien (siehe Videos mit Karl Böhm)

    • Danke für die engagierte Pfitzner-Verteidigung. Ja, vielleicht bin ich etwas pauschal, ich gebe meine ungefilterten Höreindrücke wieder.
      Aber ob sich das Pfitzner-Eis mit drei Opernvorspielen zum Schmelzen bringen lässt?
      Und meinen Sie nicht, dass musikalische Karikatur unters weite Dach der Komik gehört?

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