30.12.2016 – Traralos: Janowskis vorletzte Letzte beim RSB

Abschied ohne großes Trara: Marek Janowski dirigiert seine letzten beiden Konzerte beim Rundfunk-Sinfonieorchester. Zwar hat er als Chefdirigent von 2002 bis 2015 das Orchester nicht nur als Institution gerettet, sondern aus einem beklagenswerten Zustand unter Überspringung des Mittelmaßes auf höchstes Niveau gehoben (nachzuhören seit vielen Jahren, nachzulesen in Janowskis interessanter und lustiger Biografie Atmen mit dem Orchester). Dennoch werden ihm keine Denkmale oder Denkmäler (wie es heißen muss, fragte sich schon Musil) gebaut, aber hübsche Skizzen gewidmet:

Pauken und Trompeten in Janowskis Abschiedskonzerten jedoch gelten nicht ihm, nicht einmal dem bevorstehenden Jahreswechsel, sondern allein der Musik, alle Jahre wieder: Beethovens Letzte. Nächstes Jahr wird Marek Janowski die 9. Sinfonie d-Moll op. 125 ziemlich weit weg von Berlin dirigieren (Japan? Neuseeland? Rarotonga?), dieses Jahr letztmals im Konzerthaus. Publikumsseits herrscht eine eher festliche als leidens- und mitleidensbereite Atmosphäre, ein à la Gielen zwischen langsamem Satz und Finale eincollagierter Überlebender aus Warschau wäre hier wohl deplatziert.

peanuts-beethoven-is-it-bAber in punkto musikalischer Finesse und Passion gibt es nichts zu mäkeln. Dass sie den dritten Satz, das Adagio-Andante, als Herzstück der Neunten empfinden, daran lassen Orchester und Dirigent keinen Zweifel. Zwischen den Tempo-Extremen Leibowitz und Bernstein liegt das RSB deutlich näher an Leibowitz, aber ohne hektisch zu werden. Warm und zugleich schlank der Streicherklang, innig und intensiv die emotionale Temperatur.

Arg nur, dass in diesem herrlichen Satz ein minutenlang Hustender alle Störrekorde des zu Ende gehenden Jahres bricht. Selbst der Paukist Arndt Wahlich, der kein leicht zu erschütternder Mann zu sein scheint, schaut mehrmals verstört zum Rang hoch. Anregung für 2017: nachdenken, ob man solche Leute nicht rechtlich, auch finanziell, belangen sollte. Wer auf der Museumsinsel die Nofretete zertöpperte, würde doch auch haftbar gemacht.

Da weder Mystik noch Kohäsion ohne Pingeligkeit entsteht, leitet Marek Janowski so pingelig wie eh und je. Mit energischen, manchmal fast ärgerlichen Fingerzeigen dimmt er im Kopfsatz nach wenigen Quinten die Streicher, zu Beginn des Scherzo das Holz, kitzelt mehr Bass hervor. Während man im ersten Satz noch einzelne, wenn auch nicht gravierend, holprige Momente wahrnimmt, übertrifft das Orchester sich im Finale an Präzision und Leidenschaft selbst. Wie artikuliert die Fagotte in den zarten Freudengesang einstimmen, setzt der Leistung der Holzbläser (von fein geschliffen bis schneidend scharf) das goldene i-Tüpfelchen auf.

Sicher wird diese Orchesterleistung befeuert durch die trennscharfen Klangarchitekturen des brillanten Rundfunkchors (Einstudierung Benjamin Goodson). Die vier Solisten stehen sinnvollerweise direkt vor dem Chor, das hätte man sich in manchem Konzert schon gewünscht. Der Bariton Ludovic Tézier bittet so belkantabel um freudenvollere Töne, dass er sich die Bitte eigentlich gleich selbst erfüllt – wunderbar! Die drei weiteren, mehr vom Wagnerischen kommenden Solisten Rachel Willis-Sørensen, Christa Mayer und Michael Weinius singen genau und sehr (die Sopranistin vielleicht etwas zu) durchsetzungsstark.

Das Wesentliche ist die Musik. Es gibt ja im Klassikbetrieb einen unendlichen Vorrat an fragwürdigen Marketingsprüchen, am schlimmsten die Phrase Musik verbindet, besonders gern auf Beethovens Ode an die Freude bezogen. Aber der RSB-Slogan ist eine Ausnahme: weil er das Wesentliche trifft. Manchmal auf extravaganten Wegen: Beim Zyklus aller Beethoven-Sinfonien im Jahr 2010 gab es jeweils nach zwei Sinfonien noch einen dritten Konzertteil mit einem Streichquartett – auf dem geleerten Podium des Großen Saals. Das war wesentlich! Während solche intimen Klänge sonst im Großen Saal heillos verdunsten (Czesław Miłosz schrieb bezüglich Soloviolinen gar von Urin im Schwimmbecken), wurde es hier zum Ereignis, diese Musik auf dem Klanggrund der beiden Sinfonien zu hören.

Nur die Neunte ließ Janowski damals aus, weil man die ja ohnehin schon zum letzten Jahreswechsel gespielt habe und zum nächsten wieder spielen werde. Aber da war der Konzertgänger immer verreist. Jetzt also schließt er diese Lücke auf den letzten Drücker, nur das anschließende Streichquartett fehlt.

peanutsschroederNicht aber der Schlussapplaus, beginnend mit dem vertrauten Jaaaa!-Schrei eines weiblichen Janowski-Beethoven-Fans. Die folgenden Standing Ovations nimmt Janowski in Seelenruhe und mit der typischen Raute entgegen, die die Kanzlerin bekanntlich bei ihm abgekupfert hat.

Am 31. Dezember, 16 Uhr, gibt es Beethovens Letzte zum allerletzten Mal mit Janowski (ausverkauft, aber an der Tür bekommt man ja oft noch Karten). Ob der Meister einen Anflug von Rührung zeigen wird? Sein Publikum jedenfalls mehr als das.

Der Neue dirigiert dann am 14. Januar.

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3 Gedanken zu „30.12.2016 – Traralos: Janowskis vorletzte Letzte beim RSB

  1. Janowski und Französisch, La Mer von ihm fand ich während des Konzerts sehr, sehr solide, aber ein zwei Tage später gefiel es mir immer besser. Ich weiß gar nicht richtig, was mich am meisten von ihm beeindruckte, vielleicht doch einige Sachen aus Bruckner oder Dutilleux. Für Wagner fehlte mir auf Dauer der Schwung, bei allem Großartigen. Sie waren zwei Mal bei Janowski La Valse? Den Tagesspiegel muss man nicht ernster nehmen als nötig, vor allem seit Lemke-Matwey weg ist (kann man ja hier an verborgener Stelle schreiben, generell habe ich große Achtung vor allen Leuten, die ernsthaft über Musik schreiben:-)).

  2. Schöne Würdigung von MJ.
    Bitterschade, dass er vorerst nicht zurückkommt. Abbado hat sich indes auch 3 (?) Jahre Zeit gelassen, bis er nach seinem Rücktritt wieder bei den Philharmonikern antrat.
    Beim Symphonischen, bei allem was nur entfernt Sonatensatz war, war Janowski mMn hervorragend. Bei Konzerten war er wahrscheinlich nicht der Typ, der Solisten zum Mitatmen inspirierte (oder es ihnen auch nur gestattete, jedenfalls meiner Erfahrung nach). In punkto Tempo fand ich Janowski meist sehr gut, aber gelegentlich auch rücksichtslos. Beim Rachmaninowkonzert im Herbst war das Orchester für die technisch so formidable A. Vinnitskaya oft einfach zu hudelig unterwegs.
    Hätte mir das Ganze gern im Radio angehört. Naja, wir werden ihn vermissen.

    • Stimmt, zu den herausragenden Erinnerungen an Janowski-Konzerte gehören eher weniger Solistenkonzerte. Wobei ich Vinnitskaya letztes Jahr mit 3x Bartók prima fand (zu Rach2 war ich leider verhindert) oder auch Thibaudet, das hat gepasst und die scheinen auch alle gern mit Janowski zu musizieren, das spricht nicht für Atemnot.
      „Alles was nur entfernt Sonatensatz ist“ würde ich ergänzen mit: alles was irgendwie vom romantischen Mischklang her kommt, auch noch die abstrusesten Exaltationen, von Liszt bis Skrjabin. Außerdem hat Janowski eine schöne Vorliebe für vergessene abartige Schinken; großartig fand ich den Psalm soundsoviel von Florent Schmitt.
      Und die französische Musik! Da heißt es oft gleich reflex- und klischeehaft, da fehle Esprit (Tagesspiegel), aber „La Valse“ ist mir noch nie so unter die Haut gegangen wie in den beiden RSB-Konzerten mit Ravel pur.
      Gar nicht gefallen hat mir dagegen Janowskis Bach.

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