Wollend: Patricia Kopatchinskaja & Iván Fischer mit Sibelius & Bartók im Konzerthaus

50dddab938844c06e7b894ab0874dfb9Forderung: Jede Geigenschülerin im Laufe ihres Geigenschülerindaseins mindestens einmal zu Patricia Kopatchinskaja schicken. Nicht weil sie da die sauberste Bogenführung sähe oder hören würde, wie makellose Intonation geht oder süffiges Vibrato oder historisch korrektes Stilbewusstsein. Sondern weil sie da die Frage vor den Latz geknallt kriegte: Was ist dein Stil? Was willst du von der Musik?

Mit Jean Sibelius‘ Violinkonzert d-Moll op. 47 verabschiedet sich PatKop von der hochoffiziösen Würde als Staatsviolinistin-in-residencia des Konzerthauses. Da weht einen teils ein eisiger Wind an, so ungewohnt klingt das alles. Weiterlesen

Erstlich: Michelangelo String Quartet im Boulez-Saal

Pompeii_-_Casa_dei_Vettii_-_PentheusZerreißen müsste der Konzertgänger sich können! An der Komischen Oper feierte eine Mussorgsky-Rarität Premiere, an der Deutschen Oper Götz Friedrichs legendärer Ring Derniere, zehn andere Köstlichkeiten nicht zu vergessen … ach, und im Pierre-Boulez-Saal gibt’s nichts Geringeres als ein Quartettfestival. Nach dem Staatskapellen-Streichquartett (da war der Konzertgänger im Rheingold) und einem Haydn-Marathon des famosen Hagen Quartetts (da war Walküre, seufz) spielt das Michelangelo String Quartet drei grundverschiedene Erstlinge. Beethoven, Bartók, Smetana. Am Abend zwischen Walküre und Siegfried. Weiterlesen

4.3.2017 – Sitaresk: Berliner Philharmoniker mit Zubin Mehta, Ravi und Anoushka Shankar, Béla Bartók

Während zwei Kilometer weiter östlich der neue Boulez-Saal eingeweiht wird (Bericht vom 2. Eröffnungskonzert folgt morgen), begehen die Berliner Philharmoniker ihre eigene west-östliche Divanfeier: ज़ूबिन मेहता aka Zubin Mehta dirigiert zwei mächtige Cross-Œuvres. Nach der Pause Béla Bartóks ungarisch-europäisch-amerikanisches Konzert für Orchester, zuvor das Konzert für Sitar und Orchester Nr. 2 Raga-Mālā von রবি শংকর aka Ravi Shankar – jenem 2012 verstorbenen Meister der Sitar, der weiland George Harrison inspirierte und mit Yehudi Menuhin jammte:

Ravi Shankars auf 30 Ragas basierendes, im westlichen Sinn klassisch viersätziges Konzert wird in der Philharmonie interpretiert von der Tochter अनुष्का शंकर aka Anoushka Shankar, geboren im Jahr der New Yorker Uraufführung 1981. Weiterlesen

21.2.2017 – Theseisch: Artemis Quartett & Anna Vinnitskaya spielen Beethoven, Bartók, Schumann

In einer niveauvolleren Welt gäbe es einen alljährlichen Feiertag für die Erfindung des Klavierquintetts durch Robert Schumann. Aber in unregelmäßigen Abständen wird dieser Feiertag begangen: etwa im Konzert des Artemis Quartetts mit seinem Gast Anna Vinnitskaya im Kammermusiksaal.

Die Pianistin Vinnitskaya ist für die ursprünglich angekündigte Maria João Pires eingesprungen: Obwohl auf den ersten Hörblick ein ganz anderes Anschlagstemperament, gibt es Kammermusik vom Feinsten bei Robert Schumanns Klavierquintett Es-Dur op. 44 (1842). Es heißt ja, die Streicher würden bei Klavierquar- und -quintetten oft von zu guten Pianisten untergebuttert. Aber Vinnitskaya ist von so tiefenentspannter Virtuosität, dass sich, wo nötig (etwa bei den Anfangsakkorden), orchestraler Vollsound ergibt, ohne dass sie dezibelmäßig forcieren müsste.
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6.1.2017 – Etwas angeheitert: András Schiff spielt Bach, Bartók, Janáček, Schumann

alice-barber-stephensGipfel des kultivierten Klavierspiels im ausverkauften Kammermusiksaal: lehrreich, aber nicht belehrend. Mit erhobenem Zeigefinger ist ja schlecht Klavierspielen; aber mit waagerecht ausgestrecktem Zeigefinger hat man diesen Pianisten schon spielen sehen, vor zwei Jahren war’s, bei Haydn.

Eine pädagogische Note kommt zudem ins Spiel, weil András Schiff Werke auf dem Programm hat, von denen einige aus dem Klavierunterricht nicht ungeläufig sind.

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27.10.2016 – Zartbesaitet: Berliner Philharmoniker, Iván Fischer, Christiane Karg mit Enescu, Bartók, Mozart

Nach einem, wie man liest, exzellenten Beethoven mit seinem Konzerthausorchester dirigiert Iván Fischer (der soeben seinen Abschied aus Berlin angekündigt hat) bei den Berliner Philharmonikern ein originelles Programm, dessen Zusammenhang sich beim Hören enescu-la-parisaufs Wunderbarste erschließt: Enescu, Bartók, Mozart.

Das Prélude à l’unisson aus der 1. Orchestersuite von George Enescu (1903) ist ein rhythmisch freies und harmonisch kaum greifbares Streicher-Unisono. Bedeutungsträchtig cresciert schließlich die Pauke unter dem Streichergesang und diminuiert ebenso mächtig, bis die zwischen Folklore, Archaik und Avantgarde schillernde Musik im zartesten Flageolett entschwindet. Keine Spur von Sprödheit, der ungeheuer präzise Streicherklang der Philharmoniker strahlt herbe Wärme aus.

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24.9.2016 – Steinerweichend: Konzerthausorchester, de Billy, Isabelle Faust spielen Dutilleux, Bartók, Ravel

Dutilleux-Parallelaktion in Berlin: dreimal Métaboles in der Philharmonie, dreimal Le Double im Konzerthaus, jeweils von Donnerstag bis Samstag.

transverse-line-by-wassily-kandinskyDie Le Double genannte 2. Sinfonie (1959) von Henri Dutilleux, mit der das Konzerthausorchester unter Bertrand de Billy den Abend eröffnet, ist nicht nur hörenswert, sondern auch sehenswert: Ein Mini-Orchester von 12 Solisten inklusive Pauken, Celesta, Cembalo bildet einen inneren Ring ums Dirigentenpodest, das „normale“ Orchester den äußeren Ring. Weiterlesen

14.9.2016 – Sorgfältig ekstatisch: Bayerisches Staatsorchester, Kirill Petrenko, Frank Peter Zimmermann spielen Ligeti, Bartók, Strauss

anthony_van_dyck_-_family_portraitSelbst eingefleischte Richard-Strauss-Muffel wie der Konzertgänger können dieser Sinfonia Domestica nicht widerstehen, die das Konzert des Bayerischen Staatsorchesters beim Musikfest Berlin in der Philharmonie beschließt. Die Kluft zwischen dem privaten Sujet und den musikalischen Mitteln des Werkes (womit nicht die Größe des Orchesters gemeint ist, sondern die pompöse Klangsprache) ist und bleibt zwar bizarr, ja lächerlich. Sinfonische Dichtung Ein Eheleben. Der Konzertgänger kann nie umhin, sich bei den instrumentalen Potenzierungen des dritten Themas ein 60 Meter großes Frankensteinbaby „Bubi“ vorzustellen.

Aber das Bayerische Staatsorchester zeichnet sich unter Kirill Petrenko durch eine so hinreißende Klangkultur aus, dass alles egal wird. Weiterlesen

24.4.2016 – Forte ma dolce: Yefim Bronfman spielt Prokofjew, Anna Vinnitskaya Bartók

Zwei klavieristische Großereignisse am Sonntag: Am Vormittag vollendet Yefim Bronfman seinen Prokofjew-Zyklus , am Nachmittag spielt Anna Vinnitskaya gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester die drei Klavierkonzerte von Béla Bartók.

Yefim Bronfman in der Staatsoper im Schillertheater

Wie schon bei den beiden vorhergehenden Rezitals mit Sergej Prokofjews Sonaten 1-4 und 5-7 ist der Saal nicht überfüllt, aber besser besucht als ein evangelischer Gottesdienst. Dass man in der trockenen Akustik des Schillertheaters wie um die Ecke hört, passt ganz gut zu Prokofjews Klaviersonate Nr. 9 C-Dur, die zwischen irritierender Schlichtheit und sinistrer Spätwerkhaftigkeit schwankt (und Swjatoslaw Richter enttäuschte, bevor er sie 1951 doch uraufführte). In dieser letzten Sonate sind statt starker Pranke flinke Finger gefragt. Yefim Bronfman ist ein sachlicher Virtuose und feinsinniger Kraftprotz, zugleich ein Pianist, dessen Agilität, Akkuratesse und Filigranität den Hörer angesichts gewisser körperbaulicher Merkmale (ohne von Wurstfingern sprechen zu wollen) immer wieder verblüffen. Mit ihrer Simplizität und den vielen Tonleitern erinnert Prokofjews C-Dur-Sonate fast an Mozarts Sonata facile. Aber Bronfman betont mit angespanntem Bassgrollen im Kopfsatz und zwielichtigen Tonrepetitionen im Diskant des folgenden Allegro strepitoso die möglichen Abgründe dieser relaxten, am Ende ganz friedlich auspendelnden Musik.

Gleichwohl ein etwas verlegen machendes Werk, die vorletzte 8. Sonate B-Dur ist eine ganz andere Hausnummer und Bronfmans Entscheidung einleuchtend, mit ihr den Zyklus zu beschließen. Sonst meist im Zusammenhang der „Kriegssonaten“ 6 bis 8 gespielt, bezieht sie ihre Kraft hier einmal nicht aus dem Kontrast mit der explosiven Siebten, sondern in Kombination mit der tiefenentspannten Neunten. Forte ma dolce lautet eine kuriose Spielanweisung im zweiten Satz, und so könnte man Bronfmans Klavierspiel generell beschreiben: Zwar kommt es im Finale zu äußersten Entladungen, bei denen man fürchtet, der Pianist könnte sich insonderheit den rechten Zeigefinger brechen. Aber Bronfman nutzt seine Kraft vor allem, um klare Linien zu zeichnen. Jedes Tempo, jedes dynamische Extrem erscheint in höchster Deutlichkeit: alle Anschlags- und Ausdrucksnuancen vom Wispern bis zum Donnern, vom silbernen Celestabimmeln bis zum Orchesterorkan – eine Sonate als unendliche Reise. Wie Prokofjews Klavierschaffen überhaupt, das Bronfman in diesem staunenswerten Zyklus präsentiert hat. – Zum Konzert

Anna Vinnitskaya in der Philharmonie

Bronfman spielt in dieser Saison auch die drei Klavierkonzerte von Béla Bartók (mit dem London Symphony Orchestra unter Valery Gergiev). Aber er tut das an drei Abenden, nicht an einem einzigen Nachmittag, wie es Anna Vinnitskaya mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski wagt. Der Konzertgänger begibt sich etwas skeptisch in die Philharmonie, da im Vorfeld selbst fundierteste Musikkritiker (Jan Brachmann in der FAZ) den leistungssportlichen Aspekt dieses Unternehmens hervorhoben, nicht die musikalische Verheißung.

Ein beruhigend menschliches Zeichen: Vinnitskaya braucht nach jedem Konzert eine Pause. Beunruhigend un- bis übermenschlich: Danach schreibt sie im Foyer Autogramme.

In Bartóks flagellantischem 1. Klavierkonzert steht das Schlagzeug im Zentrum des Orchesters. Anna Vinnitskaya trägt ein weinrotes Kleid mit cremefarbenen Streifen. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. Anfangs rätselt der Konzertgänger, wo Orchester und Solistin versehentlich auseinandergedriftet sind und wo es sich um korrekte Synkopen handelt. Später greift dann alles perfekt ineinander, nach Anna Vinnitskaya kann man die Metronome stellen, selbst ihr Rubato ist minutiös. – Zwei ältere Besucher links und rechts vom Konzertgänger in Block D halten unbeirrt von Rumor und Barbaro ihr Mittagsschläfchen.

Im 2. Klavierkonzert steht das Schlagzeug hinter dem Orchester. Anna Vinnitskaya trägt ein glitzerndes Pailettenkleid. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. Nach dem ersten Hammerklavier-Konzert (Steffen Georgi) funkeln die Klangfarben des Zweiten umso schöner, obwohl hier der athletische Aspekt (etwa die Kadenz im Kopfsatz) noch enormer ist. Atemberaubend der zweite Satz, in dem der so sachte wie herbe Streicherklang, gedämpft und vibratolos, im Wechsel mit Klavier und Pauke raunt. In der Mitte des Mittelsatzes, auf der Spiegelachse des symmetrischen Werkes, rattert alles, was das Zeug hält. – Ein Mädchen in Block A liest unbeirrt ihr Lustiges Taschenbuch.

Im 3. Klavierkonzert hat sich ein Xylophon zum Schlagzeug gesellt. Anna Vinnitskaya trägt ein rosa Faltenkleid mit schwarzem Umhang. Marek Janowski trägt einen schwarzen Anzug. An Vinnitskayas Händen ist noch kein Blut zu sehen, auch keinerlei Ermüdungserscheinungen werden hörbar. Den Choral im Adagio religioso geht sie langsam an, mit festem, glasklarem Anschlag; wie klares Wasser ihre Läufe und Arpeggien. Die samtweichen Streicher und zarten Holzbläser des RSB verschmelzen mit dem Klavier, ohne dass nur ein Ton verschwömme. So kompakt und frisch klingen Orchester und Solistin im Finale, dass man sehr bedauert, dass es von Bartók kein 4. Klavierkonzert gibt. – Zumal das unbeirrte Mädchen in Block A ihr Lustiges Taschenbuch noch nicht ganz durch hat.


Skepsis grundlos, sehr lohnender Nachmittag. Mal sehen, was Vinnitskaya als nächstes treibt, vielleicht alle neun Prokofjewsonaten an einem Abend? Oder mal vierhändig und tausendfingrig mit Bronfman? – Zum Konzert

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21.4.2016 – Intonations: Martha Argerich, Barenboims & Co im Jüdischen Museum

Abschlusskonzert des sechstägigen intonations-Festivals im Jüdischen Museum. Wie bei einer guten Party sind die spätesten Gäste die besten, zumindest die berühmtesten: Martha Argerich und Daniel Barenboim spielen Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps in der Fassung für Klavier zu vier Händen, einer Transkription, die die Welt nicht braucht. Aber von diesen beiden Pianisten, Barenboim nonchalant, Argerich suggestiv, ließe man sich auch das Telefonbuch vorspielen. Erst kurz vor Ultimo, in der Action rituelle des ancêtres, als Argerich ihren lockenden, lodernden Ton rollen lässt, entsteht der erhoffte Sog. Weiterlesen