Fastenschwankig: Yefim Bronfman im Boulezsaal

Ein Gutes zumindest hat das deutschsprachige Karnevalswesen hervorgebracht: Robert Schumanns Faschingsschwank aus Wien. Das Intermezzo daraus, Satz 4, spielt Yefim Bronfman gern als Zugabe. Jetzt ist es mal als Teil des ganzen Faschingsschwanks zu hören, zwischen Bartók, Ustwolskaja und Schubert. Stellenweise hat man allerdings den Eindruck, Bronfman habe auf diesen Klavierabend so viel Bock wie ein Flensburger auf Helau und Alaaf. So fühlt sich der Rosenmontags-Abend im Pierre-Boulez-Saal schon ein bisschen wie Fastenzeit an.

Dabei ist Bronfman doch eigentlich eine beglückende Erscheinung, menschlich wie pianistisch. Unpassend vielleicht, aber doch verführerisch ist der Vergleich mit dem nicht mal halb so alten Daniil Trifonov, der vor einer Woche in der Philharmonie zu erleben war. Erinnert dieser an einen Springteufel, so gleicht Bronfman einem Bären zu Beginn des Winterschlafs, voller Ruhe und Kraft und (äußerlich) fast unbeteiligt an dem, was er da tut. Während Trifonov manchmal fast überbeteilgt wirkt; man ist nur nicht immer sicher, woran eigentlich, etwa bei Beethoven.

Und normalerweise ist Bronfmans Unbeteiligtheit nur eine scheinbare: Ohren und Herz des Hörers beweisen es. Denn beglückend ist ja, normalerweise, auch Bronfmans immer dunkel getöntes Spiel. Die Spitzen und Höhen haben stets etwas Gedämpftes.

Heute Abend aber steigt da ein manchmal topfiger Sound aus dem offenen Steinway auf, und man wünscht sich, Bronfmans linke Pranke würde nicht gar so niedersausen. Der erste Satz aus Schumanns Faschingsschwänken ist von bassiger Motorik, aber wirkt doch auch schwerfällig. Dabei ist er auf Akzente hin gespielt, nicht auf harmonische Wirkungen. Übertransparent klingt das nicht gerade. Auch im von Bronfman sonst so gern gehörten Intermezzo dominiert das Motorische über das Melodische, Sehnende.

Das Gehetzte und Spukhafte, Wucht und Fatalismus sind in Franz Schuberts Klaviersonate c-Moll D 958 imposant, die Umschläge ins Gesangliche weniger. Vor allem entbehren die, wenn man es so nennen will, schubertschen Registerwechsel des Zaubers. Es klingt undeutlich runtergespielt, auch wenn Runterspielen bei Bronfman noch immer galoppierende Virtuosität sein kann.

Reizvoll ist der Gedanke, Schumanns Faschingsschwänke und Schuberts späte Sonate mit jenen beiden Werken im Ohr zu hören, die am Beginn des Programms stehen: Béla Bartóks zunehmend brachiale Klaviersuite von 1916 findet ihren Höhepunkt in einem clusterartigen Monsterakkord am Ende des dritten Satzes, um danach in ein Sostenuto überzugehen, das im Beginn von Galina Ustwolskajas 4. Klaviersonate von 1957 direkt weiterzuklingen scheint – nur um vier mal vier Grade sinistrer und enigmatischer. Für Ustwolskaja holt Bronfman die Noten herein und setzt sich die Brille auf. Er blättert selbst um, mitunter nicht unumständlich. Ja, man sieht ihn Töne auf der Tastatur suchen, man spürt ihn zählen. Der Anschlag ist mitunter sehr leise und scheint adäquat. Dieses fast mühsam Erlesende hat hier etwas, das wahr wirkt. Es ist erlesene Mühsal: dienen durch Anstrengung, Fastenzeit im richtigen Sinn. Man hat das Gefühl, der Pianist stehe hier selbst vor einem Rätsel, und das ist vielleicht gar keine schlechte Voraussetzung bei Ustwolskaja: ein Rätsel vorführen.

Etwas rätselhaft bleibt aber auch dieser Klavierabend. Vielleicht war der hochgeschätzte Yefim Bronfman einfach müde. Sowas kommt vor.

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