Tentakelstreckend: Saisonvorschau des DSO

Education (Symbolbild)

Sinnigerweise stellt das Deutsche Symphonie-Orchester, welches abseits des großsymphonischen Hauptbetriebs ja regelmäßig nächtliche Kammerkonzerte in Berliner Museen gibt, seine neue Saison im Panorama-Pavillon am Kupfergraben vor. Dort hat man eine, nicht nur für Kinder, irre Antikenwelt aus Vogelperspektive innen drin und nach draußen den Blick aufs Pergamonmuseum – will heißen, eine dieser Berliner Baustellen, die Allegorien der Unendlichkeit sind.

Das Deutsch des Chefdirigenten Robin Ticciati, der in sein drittes Jahr geht, könnte auch noch BER-Potenzial bergen: Noch ein Jahr auf Englisch, vielleicht nächstes Jahr auf Deutsch werde er das Programm präsentieren, kündigt er an, und fügt am Ende hinzu: hopefully next year the half of it in German. Aber never mind, wahrer musikalischer Enthusiasmus kennt weder Vaterland noch Muttersprache.

Und so legt Ticciati mit elements of community los, mit education und dem Ausstrecken der tentacles of music: Denn we are out there to touch more people. Ticciati scheint ein ähnlich penibler (und dennoch anpackender) Selbstbefrager wie Kollege Vladimir Jurowski beim RSB, aber nicht so gewissensgrüblerisch, dafür mit einem größeren Spritzer Marketing-Eloquenz. Dennoch, wenn er als erstes Konzert überhaupt die Aufführung von Benjamin Brittens Rape of Lucretia mit Gesangsstudenten der HfM Hanns Eisler und Orchester-Akademisten erwähnt (28.1.2020 im Kühlhaus Berlin), dann kommt das spürbar von Herzen.

Ein kleiner Saisonkern im BTHVN-Jahr aber wird ausgerechnet – DVRK! Denn während Big B. im B.-Jahr eher auf Umwegen beäugt und belauscht wird (z.B. mit einer Schulhoff-Orchesterfassung der Wut über den verlorenen Groschen), wird eine konzertante Aufführung von Dvořáks Rusalka die Spielzeit eröffnen, und über die Neunte „Aus der Neuen Welt“ gehts weiter zum Horizont Amerika mit Komponisten wie Aaron Copland, Elliott Carter, Duke Ellington und auch Exilanten wie Bartók und Weill.

Und Bohuslav Martinů! Denn Roger Norrington, Gott schenke ihm Gesundheit, wird seinen Zyklus von dessen Sinfonien auch 2019/20 fortsetzen (der nächste Termin steht aber erstmal in gut zwei Wochen an!). Norringtons früherer Vaughan-Williams-Zyklus erfährt noch eine Vervollständigung mit der Filmmusik Sinfonia Antarctica, die Andrew Manze dirigiert. Von den Altchefs kehren Ashkenazy, Nagano, Sokhiev wieder, Metzmacher nicht. Die Riege der jungen Dirigenten (Guerrero, Gardner, Rouvali, Marcon) wirkt fast spannender als die der gestandenen (Honeck, Oramo, auch Cornelius Meister kann man wohl mittlerweile dazuzählen). Und John Wilson wird eine Korngold-Sinfonie dirigieren!

Das Trikestra-Projekt wird fortgesetzt. Natürlich gibts auch die regelmäßigen Kulturradio-Kinderkonzerte weiterhin, eine Berliner Institution. Und nicht nur die Kammermusik-im-Museum-Reihe Notturno feiert Jubiläum (zehn Jahre), sondern auch die Debüt-Reihe, und zwar sechs mal zehn. In einem Debüt-Konzert wird die Dirigentin Ruth Reinhardt zu erleben sein, zwei weitere Dirigentinnen leiten Kinderkonzerte. Im großsymphonischen Hauptbetrieb aber bleibt das Dirigierstäbli 19/20 ganz in Männerhand. Das wird auch irgendwann…

Bevor die Zukunft anbricht (oder eigentlich die Gegenwart), kann man beim DSO ausgiebig in der Vergangenheit stöbern: Das Konzertarchiv seit 1947 steht jetzt online. Und da erfährt man etwa, dass am 5.10.1947 die deutsche Erstaufführung von Bartóks Konzert für Orchester (jüngst wunderbar zu hören vom DSO unter der Dirigentin Karina Canellakis) von einem gewissen Gotthold Ephraim Lessing dirigiert wurde. Da kiekste!

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2 Gedanken zu „Tentakelstreckend: Saisonvorschau des DSO

  1. Ein ausgewogenes, flottes Programm, das Lust macht, wie meist beim DSO.
    Ich bin mir nur nicht sicher, ob 1 konzertante Berlioz-Oper und 1 Dvorak konzertant das ist, wonach Berlin lechzt, zumal beim Musikfest Berlioz konzertant satt kommt und die Berliner Opern in den letzten Spielzeiten auf diesem Feld nicht untätig waren, in meist attraktiveren Besetzungen. RSB macht ja auch 2 konzertante Opern. Scheint Mode zu sein.
    Interessant, dass ich sowohl DSO wie RSB im Beethovenjahr 2020 zurückhalten. Aber es kann ja noch 20/21 kommen.

    • Na, es gab ja in den letzten Jahren einige Neuinszenierungen an den Berliner Opernhäuser, die den heißen Wunsch nach konzertanten Opern auslösten… aber ich teile Ihre Skepsis.
      An BTHVN-Programmen wird gewiss sonst kein Mangel sein.

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