Von Abgründen und Begegnungen: Teheran-Berlin-Travellers

Am kommenden Wochenende findet in Berlin das Festival TEHERAN-BERLIN-TRAVELLERS statt: Der Iran und die Musik heute – ein neuer Frühling? In aktuellen Werken iranischer Komponisten treffen die Teheraner Improvisations-Avantgardisten der Yarava Music Group auf das ensemble unitedberlin. Aufregend und lehrreich dürfte das werden. Ich habe zu dem Festival (hier das Programm) einen Einführungstext geschrieben, den ich vorab hier veröffentliche:

Jede Musik ist ein Abgrund – von ihrer Erfindung zur Aufführung, von ihrer Aufführung zum Hörer. Aber wenn ausgebuffte europäische Profis der „neuen Musik“ und zentrale Akteure der iranischen Gegenwartsmusik aufeinandertreffen, dann tun sich weitere Abgründe auf, bei denen manchem Musiker das Ausgebufftsein schon vergehen kann. Musikhochschulgestählte, meisterkursierte Europäer vermögen zwar die akribisch-skurrilste Notation einer Partitur in lebendigen Klang zu übersetzen. Die Kunst des Improvisierens aber, die in der avancierten iranischen Musik so zentral und ungeheuer vielschichtig ist, könnte ihn das Schlottern lehren. Oder zumindest das Staunen. Kann das zusammengehen?

Freilich: So wenig es die westliche Musik gibt, so wenig gibt es natürlich die iranische Musik. Ein besonders tiefer Abgrund ist das Jahrzehnt nach der „Iranischen Revolution“ 1978/79. Eine Zeitlang war die Musik (ausgenommen religiöse Musik und Revolutionslieder) sogar verboten, ehe zumindest die „traditionelle Musik“ wieder hörbar wurde. Doch experimentelle, avantgardistische Musik blieb ein Ding der Unmöglichkeit – bis in die 90er Jahre. Damals kehrte der 1940 geborene Komponist Alireza Mashayekhi nach Teheran zurück, den man wohl als den Übervater der neuen iranischen Musik bezeichnen kann.

Oder den Über-Großvater. Denn weil im iranischen Musikleben ein etwa 15jähriger Abgrund besteht, ein Riss in den Traditionen der Avantgarde, fehlt die Generation der Söhne und Töchter. Die Enkelinnen und Enkel aber haben oft prägende frühe Migrationserfahrungen und daher ein globales Ohr. Und natürlich einen globalen Blick auf die iranischen Traditionen, an die sie anzuknüpfen suchen: Travellers zwischen den Welten in jeder Hinsicht. Viele der jüngeren Komponisten haben bei Mashayekhi in Teheran studiert, meist in privatem Unterricht, der noch immer eine entscheidende Rolle spielt, auch wenn man mittlerweile etwa in Teheran und Shiraz Komposition und (sowohl iranische als auch westliche klassische) Musik studieren kann.

Zeitgenössische „moderne“ Musik wird, anders als Popmusik, kaum staatlich gefördert, aber auch nicht behindert oder unterbunden. So gehen die wichtigsten Ensembles auf private Initiativen zurück. Nach der von Mashayekhi und Mitstreitern gegründeten Teheraner Gruppe für Neue Musik und dem Orchester für neue Musik (letzteres in gemischter Besetzung von iranischen und europäischen Instrumenten) ist die 2001 entstandene Yarava Music Group (Goruhe Musiqi-ye Yârâvâ) ein entscheidender Protagonist. Die Yarava-Musiker spielen auf traditionellen Instrumenten, aber nicht traditionell oder gar folkloristisch. Zentral für Yarava ist indes die Improvisation, und man darf gespannt sein, wie sich dieses mitreißende Musizieren mit dem auf zeitgenössische „westliche“ Musik spezialisierten ensemble unitedberlinbegegnen wird. Ein Yarava-Instrument ist die iranische Langhalslaute Tar, die im Tar concerto des 1980 geborenen Mehdi Khayami die Hauptrolle spielen wird. Die Kurzhalslaute Oud und die Tombak, eine kelchförmige, mit Händen zu spielende Trommel, gehören ebenfalls zur Yarava Music Group. Deren Mitgründer Mehdi Jalali ist auch als Komponist hervorgetreten und wird mit der Uraufführung seines Pishdara’mad & Cha’ha’r Mezra’b zu hören sein.

Yarava Mjusic Group plays Abouzar Kabiri: Empty Bottles (2008)

Die jüngeren Komponistinnen und Komponisten des Festivals Berlin-Teheran Travellers sind zwischen 1973 und 1995 geboren – eine vibrierende Enkelgeneration. Die Großeltern sind hingegen, eine besondere Attraktion des Festivals, als prägendes Dreigestirn vertreten: Neben Mashayekhis für diesen Anlass komponiertem Stück Teheran-Berlin 2019 werden auch die 1938 geborene Fozieh Majd und der 1952 geborene Shahrokh Khajehnouri zu erleben sein, sowohl mit Uraufführungen als auch im Gespräch. Faszinierende Künstlerpersönlichhkeiten, die das iranische Musikleben geprägt haben und prägen, in deren Biografien aber Namen begegnen, die der europäischen Musiktradition so vertraut wie fern klingen. Fozieh Majd etwa studierte in den 1950er Jahren in Paris bei der legendären Nadia Boulanger.

Und so kann uns auf Umwegen, über wirkliche und scheinbare Abgründe hinweg im Fremden plötzlich das Eigene begegnen. Dass dieses Festival zustande gekommen ist, ist ein kleines Wunder, auch aus praktischen Gründen. Hermetische kulturelle Identitäten sind auf beängstigende Weise en vogue, auch politisch: als Lust an borders, an sich verschließenden Grenzen, mit denen man Wahlen gewinnt. Das bedeutet für musikalische Begegnungen ganz konkrete Abgründe wie Visa-Turbulenzen und überhaupt einen organisatorischen Hindernislauf sondergleichen. Doch wenn alles gelingt, möge sich in den Abgründen ein musikalisches Feuer entzünden, das den Hörern Wärme und Erleuchtung schenkt.

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