Hörstörung (20): Können und Mögen

Bei den Lunchkonzerten der Berliner Philharmoniker (wo am kommenden Dienstag Franz Schuberts vierhändige f-Moll-Fantasie D 940 erklingen wird, ein Stück, das den Konzertgänger garantiert bis weit übers Dinner hinaus fällen würde) gibt es immer diesen höflichen Hinweis des Veranstalters an die Eltern kleiner Kinder:

Mit Rücksicht auf die ausführenden Künstler und die anderen Konzertgäste bitten wir interessierte Eltern, vor dem Besuch eines Lunchkonzertes abzuwägen, ob ihr Kind ca. 45 Minuten still sitzen kann und möchte. 

Der Konzertgänger möchte indes nach den verheerenden Erlebnissen der letzten Woche diese Bitte an alle richten, die ein klassisches Konzert zu besuchen im Begriffe sind, vom zullenden Kind über das blühende Manns- wie Weibsbild bis zum Greis dicht vor der Lebensscheide: Wäge ab, ob du eine gewisse Zeit still sitzen kannst und möchtest.

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Scheu: Schuberts „Winterreise“ mit Mark Padmore und Kristian Bezuidenhout

Diese Winterreise ist ein scheues Tier, das in eine Treibjagd gerät.

Denn der Tenor Mark Padmore, Artist in Residence der Berliner Philharmoniker, lässt sich bei Franz Schuberts schauerlichen Liedern von einem Hammerklavier begleiten, das der Pianist Kristian Bezuidenhout in ein so zartes wie animalisches Wesen verwandelt. Die Jagdhunde indes haben sich nicht nur in der Seele, sondern auch im Kammermusiksaal verteilt.  Weiterlesen

Hörstörung (19): Ohrenzuhalten bei Mahlers Neunter mit Haitink und den Berliner Philharmonikern

Quelle: Anne Wellmer

Um diesem hemmungslosen Aus- und Raushusten in den Pausen zwischen den Sätzen zu entgehen, dem vorsorglichen Geröchel, dem Schnäuzen und Ausschmeißen, dem raschelnden Bonbonauswickeln, dem Poltern hastigen Nacheinlasses, dem unvermeidlichen Nachstimmen zwischen zweitem und drittem Satz und vor allem dem nichtigen Geplapper — um all dem zu entgehen, muss man sich bloß zwischen den Sätzen mit spitzen Zeigefingern die Ohren zuhalten: Weiterlesen

Hörstörung (18): Das Theaterpublikum hält den Rand

Warum zum Kuckuck, fragt sich der hörstörgeplagte Konzertgänger, als er zur Abwechslung einmal zum Theatergänger wird, um im Berliner Ensemble Michael Thalheimers zurecht hymnisch gelobte Frankfurter Medea-Inszenierung zu sehen und zu hören, die in beklemmend enger Weite die Sprache des Schreckens und der Finsternis, von Peter Krumme atemabschnürend dicht aus dem Griechisch des Euripides ins Deutsche übertragen, zum Klingen bringt, nur und einzig und allein die Sprache: warum zum Kuckuck ist dieses Theaterpublikum im Gegensatz zum Konzertpublikum in der Lage, zwei pausenlose Stunden lang ohne Mucks und Scharren und Husten zuzuhören?

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Hörstörung (17): Eine Dame fächert den Takt auf

Eine Frage, die nicht beantwortet wird, und einen Wunsch, der sich nicht erfüllt, ruft die ausdauernd fächerwedelnde Dame in der eigenartigen Aufführung der h-Moll-Messe durch die Berliner Philharmoniker unter Ton Koopman (Bericht) beim Konzertgänger hervor.

Wäre es besser, so die Frage, die Dame würde mit ihrem Fächer im Takt wedeln statt in jener freien Polyrhythmik, die im Zusammenspiel mit Bach den Eindruck einer Bild-Ton-Schere evoziert, oder wäre Wedelei im Taktmaß noch ärger?

Der Wunsch indes, die hinter der luftbedürftigen Polyrhythmikerin sitzende elegante Seniorin möge ihrem deutlich erkennbaren Impuls willfahren, nach vorne zu greifen und den Fächer an sich und zu zer-reißen, scheitert offenbar am unabkratzbaren Firnis der Zivilisation; was diese elegante Seniorin zu einem bewundernswerten Menschen macht, aber doch auch schade ist.

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Hörstörung (16): Ein Herr diniert beim Mondparsifal

Unkompliziert, pflegte meine Tante Edelgard (Allah habe sie selig) süffisant zu sagen, wenn jemand sich flegelhaft benahm, etwa bei Tisch telefonierte. Was hätte sie wohl zu jenem korpulenten Herrn mit rotem Hemd und breiten Hosenträgern gesagt, der, im letzten Moment vor Beginn von Meese-Lang-Wagners Mondparsifal in den Saal hetzend und sich in seinen Sitz plumpsen lassend, in Windeseile eine dampfende Börekstange (mit Spinat und Käse) auspackte und seiner charmanten Begleiterin kredenzte, sodann sich selbst eine zweite dampfende Börekstange (mit Spinat und Käse) kredenzte und bei Beginn der Ouvertüre herzenslustig weiter daran herumschnabulierte? Eben. Was soll man da anderes sagen als: Unkompliziert.

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Hörstörung (15): Eine Dame pustet auf Modernes

Wenn man, wie nun beim ersten Sinfoniekonzert an der grundsanierten Staatsoper Unter den Linden, erleben muss, dass die zwei Sitze neben einem platzierte herrschaftliche Dame bei den ersten Klängen einer zeitgenössischen Komposition im Brusttone des Schreckens ihrem Gatten zupustet: Fffffuh, was Modernes — dann …

… ja dann malt man sich, als werweißwievielte Schurigelungsfantasie gegen notorische Störer, aus, dass Zutritt in einen Konzertsaal nur noch gewährt werde gegen Beantwortung der Frage: Sie! Haben Sie sich angeschaut, was gespielt wird?

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Hörstörung (14): Beelzebub maßregelt Teufel

Es reicht jetzt mal!, zischt ein Herr weithin vernehmbar in der Philharmonie, während das Deutsche Symphonie-Orchester Jean-Féry Rebels Les éléments spielt. Viele Köpfe, auch der des Konzertgängers, wenden sich aufgeschreckt um: um zu sehen, dass der störende Zischruf des Herrn dessen Sitznachbarn galt, offenbar weil dieser Nachbar unentwegt an seinem Handy herumfummelt.

Da ist also der Teufel vom Beelzebub gemaßregelt worden.

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Hörstörung (13): Siri versteht Diabelli nicht

Manchmal vernimmt man von fernen Bekannten Dinge, die man niemals, niemals im Konzert erleben möchte. So von einem offenbar sonst sehr gelungenen Klavierabend Martin Helmchens in Schwetzingen:

Andererseits: Eine gar nicht so unberechtigte Nachfrage. Sie galt nämlich den Diabelli-Variationen.

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Sehstörung (2): Ein Jüngling knipst sich selbst

Der exponierteste Platz im Berliner Musikleben ist die weiße Holzbank auf der Orgelempore im Großen Saal des Konzerthauses: direkt über dem Orchester, im Sichtfeld von ausverkauftenfalls eintausendsechshundert Augenpaaren (die leeren Blicke der 742px-Narcissus-Caravaggio_(1594-96)_editedachtunddreißig Komponistenbüsten nicht mitgerechnet). Bei der gestrigen Eröffnung der Alfred-Brendel-Hommage, in Anwesenheit nicht nur des Geehrten (Loge links), sondern auch des Bundestagspräsidenten Lammert (1. Rang Mitte), begab es sich nun, dass ein auf besagter Empore alleinsitzender vulgo -thronender junger Mann während der vom Konzerthausorchester unter Jan Willem de Vriend engagiert dargebotenen Ouvertüre zu Schillers Trauerspiel „Die Braut von Messina“ ausgiebig mit dem Smartphone sich selbst ablichtete – sozusagen eine an sich selbst vollzogene öffentliche Hinlichtung. 

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