Hörstörung (22): Eltern bewundern ihr Kind

In jenem familiären Parallelleben, das er klammheimlich neben Konzertsaal, Kammermusiksalon und Opernhaus führt, gerät der Konzertgänger öfter in musikschulische Aufführungen, in denen er nicht nur die stets stupenden Darbietungen seiner eigenen Sprösslinge und vieler anderer Kinder und Jugendlicher bewundern darf, sondern auch immer wieder einem Phänomen begegnet, das ihm ebenfalls des, allerdings ungläubigen im Sinne von das ist doch unglaublich, Staunens wert scheint: dass es nämlich (während man doch eigentlich Hörstörung durch anwesende eigene und fremde Kleinstkinder, meist Geschwister der Auftretenden, fürchtete) stets Väter und Mütter, mithin zumindest der äußerlichen Erscheinung nach Erwachsene sind, die nur auf kurze Frist verstummen, um die Darbietung des eigenen Kindes – nein, anscheinend nicht einmal anzuhören, sondern in Ton und Bild auf ein digitales Speichermedium zu konservieren; um danach, wenn das eigene Kind abgetreten ist und fremde Kinder musizieren, umgehend in eben jenes fröhliche und durchaus ungedämpfte Dauerparlando zurückzukehren, dem sie schon vor dem Auftritt des eigenen Kindes, während andere fremde Kinder musizierten, nach Herzenslust frönten.

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