Entstrickend: Brahms zum Ersten

Brahms-Versteher (1)

Ein besonderer, und nicht der geringste, Reiz an der Reihe Brahms-Perspektiven des Deutschen Symphonie-Orchesters sind die raffinierten Programmkonstruktionen rund um die vier Sinfonien. Nur der Vorlauf zur 1. Sinfonie wäre mit Robert Schumann (und Igor Levit) fast standardiger als die Wiener Originalithäts-Policey erlaubt – gäbe es nicht zuvor eine exquisite Heinrich Schütz-Psalmodie mit dem RIAS Kammerchor. Erfreulicherweise wird sich aber zeigen, dass der Abend selbst ohne diese originelle (und sehr willkommene) Prä-Exquise, allein mit SchuBra, imposant wäre. Für den Konzertgänger wirds das beste Konzert, das er bisher mit dem DSO-Chef Robin Ticciati erlebt hat.

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Rotstachlig: Igor Levit variiert Bach, Beethoven, Rzewski

Georgia_O'Keeffe,_The_Flag,_watercolor,_1918 (2)Respekt nicht bloß dafür, dass der Pianist Igor Levit „etwas Modernes“ spielt, noch dazu einen 60-Minuten-Klopper: Respekt erst recht für die Beharrlichkeit, mit der er seit Jahren für Frederic Rzewskis 36 Variations on „The People United Will Never Be Defeated!“ wirbt. Oder kämpft, müsste man wohl sujetgemäßer schreiben im Falle dieser Revolutionsmusik von 1975. Er kämpft/spielt das Stück auch in seinem zweiten Konzert im Kammermusiksaal. Im überreichen Doppelpack mit den Diabelli-Variationen, zwei Tage nach den Goldberg-Variationen (über die Bekannte des Konzertgängers des Lobes voll sind). Weiterlesen

10.6.2016 – Vieleins: Julia Fischer und Igor Levit spielen Beethovens letzte Violinsonaten

Gebeugt wie der alte Horowitz (doch nicht von Wissen beschwert, sondern von Gram und Scham) begibt sich der Konzertgänger abends in den Kammermusiksaal, denn seine Frau hat ihn beim mittäglichen Musizierversuch ermahnt, er solle mehr wie Igor Levit spielen. Marcel_Duchamp,_1911,_La_sonate_(Sonata),_oil_on_canvas,_145.1_x_113.3_cm,_Philadelphia_Museum_of_ArtNämlicher vollendet gemeinsam mit Julia Fischer einen Zyklus von Beethovens Sonaten für Pianoforte und Violine (sic, in dieser Reihenfolge) mit den Nummern 9 und 10.

In das betörend simple Vier-Ton-Motiv, mit dem Ludwig van Beethovens Sonate Nr. 10 G-Dur op. 96 beginnt, zittert Julia Fischer sich so zart und zögernd, dass Yehudi Menuhin im Vergleich wie ein Bürstenschrubber klingt; Igor Levit antwortet so fragend, dass Wilhelm Kempff dagegen wie ein Haudrauf tönt. Als würde die Musik in eben diesem Augenblick erfunden.

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