Sehstörung (2): Ein Jüngling knipst sich selbst

Der exponierteste Platz im Berliner Musikleben ist die weiße Holzbank auf der Orgelempore im Großen Saal des Konzerthauses: direkt über dem Orchester, im Sichtfeld von ausverkauftenfalls eintausendsechshundert Augenpaaren (die leeren Blicke der 742px-Narcissus-Caravaggio_(1594-96)_editedachtunddreißig Komponistenbüsten nicht mitgerechnet). Bei der gestrigen Eröffnung der Alfred-Brendel-Hommage, in Anwesenheit nicht nur des Geehrten (Loge links), sondern auch des Bundestagspräsidenten Lammert (1. Rang Mitte), begab es sich nun, dass ein auf besagter Empore alleinsitzender vulgo -thronender junger Mann während der vom Konzerthausorchester unter Jan Willem de Vriend engagiert dargebotenen Ouvertüre zu Schillers Trauerspiel „Die Braut von Messina“ ausgiebig mit dem Smartphone sich selbst ablichtete – sozusagen eine an sich selbst vollzogene öffentliche Hinlichtung. 

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Sehstörung

velazquezSichtbehinderungen sind dem Konzertgänger, im Gegensatz zu Hörstörungen, ziemlich egal.

Aber er verstünde doch, wenn ein ungünstig sitzender Besucher von Henry Purcells King Arthur in der Staatsoper im Schillertheater an dem etwa dreißig Zentimeter hohen Haarturm einer Dame in Reihe 2 Anstoß nähme.

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