Instinktreflexiv: Dmitry Masleev im Pianosalon Christophori

Schöne Gelegenheit, einen aufgehenden Klavierstern noch in intimer Beleuchtung zu erleben: Der russische Pianist Dmitry Masleev spielt im Weddinger Pianosalon Christophori. Man hört nicht alle Tage einen aktuellen Tschaikowsky-Wettbewerbs-Sieger in so einer gleichermaßen sachlichen wie fancy Location. Noch dazu an einem Bösendorfer! Masleev spielt auf eigenen Wunsch hier. Spricht für seinen Instinkt und seine Reflexion. Denn es ist immer schmerzlich, einen hochbegabten Musiker im stimmungstötenden halbleeren Kammermusiksaal zu sehen. Der Pianosalon aber ist rappelvoll, und man darf während des pausenlosen Rezitals Bier trinken; leise, versteht sich. Weiterlesen

Hochdruckzugvoll: Anna Vinnitskaya spielt Prokofjew, Debussy, Chopin

Anna Vinnitskayas Hände ziehen die Töne aus dem Klavier. Sehr reizvoll, im Kammermusiksaal von links einen guten Blick auf die Tastatur zu haben (auch wenn wahre Pianomaniacs sich bekanntlich immer nach rechts setzen). Sie drücken die Töne. Sie müssen sie aber ziehen, sagte Alfred Brendel einmal zu einem Dilettanten, den er bei einem Besuch ans Klavier gebeten hatte. Was man darunter verstehen kann, lernt man bei Vinnitskaya. Dabei zieht sie paradoxerweise mit einer speziellen Form von Hochdruck, der durch den ganzen Körper zu fließen scheint.

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14./15.1.2017 – Vielsingend: Vladimir Jurowski beim RSB und beim ensemble unitedberlin

egon_schiele_068Was für ein interessanter, vielseitiger Dirigent ist Vladimir Jurowski.

Am Samstag dirigiert er das Rundfunk-Sinfonieorchester, dessen Chef er im Sommer wird, mit einem Programm von (auf den ersten Blick) gediegener tschechisch-deutsch-russisch-schweizerischer Moderne. Am Sonntag das ensemble unitedberlin, dessen Artistic Advisor er seit 2015 ist, mit einem Programm von (auf den ersten Blick) schwieriger, ja mörderischer italienischer Avantgarde.

Beides im Konzerthaus.

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17.5.2016 – Klavierfestival (1): Nikolai Lugansky spielt Schubert, Medtner, Rachmaninow

Boldini,_Pianist_ColacoUnspektakulärer kann ein Eröffnungskonzert nicht beginnen: Nikolai Lugansky spielt zum Beginn des Berliner Klavierfestivals 2016 im Konzerthaus Zwei Scherzi D 593  von Franz Schubert. Zumal das erste in B-Dur hat bei Lugansky Spieldöschen-Charme, Lugansky führt es gewitzt mechanisch vor, fast klingt es wie ein Stück aus Schostakowitschs Tanz der Puppen. Man ist erstaunt, dass dieses eingängige Stück noch nicht von Klavierschülern zugrunde geübt wurde.

Das gleichermaßen enthusiastische wie professionelle Berliner Klavierfestival, vom Pianomaniac Barnaby Weiler im fünften Jahr privat auf die Beine gestellt, findet im Kleinen Saal des Konzerthauses am besten denkbaren Ort statt.

Während Grigory Sokolovs extraterrestrische Genialität in der riesigen Philharmonie vor einigen Tagen wie stets von ferne zu ahnen war, hört man hier direkt und nah. Der Yamaha-Flügel ist eher eine Geschmacks- als Qualitätsfrage, für den Geschmack des Konzertgängers klingt der Diskant allerdings schon arg reizlos. Was bei Schubert natürlich schon ein Handicap ist. Seelenvoll ist anders; ein Schwachstarktastenkasten zweifellos, ein Klangfarbenmalkasten eher nicht.

Aber Lugansky ist ein nobler Pianist mit klarem Anschlag, und die Ausgewogenheit des Flügels kommt seinem virtuosen, dabei im besten Sinn aufgeräumten Spiel entgegen. Dabei geht er Schuberts Impromptus D 935 mit sympathisch altmodischen Temporückungen an, das erste in f-Moll drängend, das zweite in As-Dur eher Andante als Allegretto. Im dritten (mit dem Rosamunde-Thema) zögert er den Beginn der Variation IV in der schönsten aller Tonarten, Schuberts ureigenem Ges-Dur, unendlich hinaus: himmlisch ist das. Wie auf ganz andere Weise auch Variation V, bei Lugansky rasend schnell, federleicht virtuos.

medtner 1921Auf eigenstem Terrain ist Lugansky, immerhin offizieller Volkskünstler Russlands, im zweiten Teil des Programms. Musik von Nikolai Medtner (1880-1951) kann man in Berlin sonst eigentlich nur im Pianosalon Christophori hören. Luganskys Auswahl aus den Vergessenen Weisen op. 38, einer Art Nachlass zu Lebzeiten, weckt den Wunsch, mehr von dieser alles andere als avantgardistischen, aber überaus stimmungsvollen Musik kennenzulernen: insistierend und irrlichternd die Danza rustica, ohrwürmlich die Canzona serenata, exaltiert die Danza silvestra, ungeheuerlich sich steigernd das Schlussstück Alla Reminiscenza.

Reiner Klaviergenuss schließlich die Moment Musicaux – nicht von Schubert, sondern von Sergej Rachmaninow. Lugansky spielt die Nummern 3 bis 6, darunter einen Trauermarsch (Andante cantabile in h-Moll), ein mächtig gewaltiges Presto in e-Moll für Linke-Hand-Protze und schließlich den majestätischen C-Dur-Schlussrausch, von Lugansky brillant aus dem Handgelenk geschüttelt. Das nennt man wohl russische Schule. Spektakulärer kann ein Eröffnungskonzert nicht enden.

Hiermit sei Lugansky zum Volkskünstler der Menschheit ernannt. Zumal er einem sehr ungezogenen Teil der Menschheit, dem unruhigen Berliner Publikum, noch vier Zugaben schenkte:

  • das Wiegenlied op. 16 von Tschaikowsky in der Bearbeitung von Rachmaninow
  • das Intermezzo aus Schumanns Faschingsschwank aus Wien (das neulich auch Yefim Bronfman nach seinem Prokofjew-Rezital zugab)
  • Nikolai Kapustins irre Etüde op. 40, Nr. 6 Pastorale
  • die erste Arabesque von Claude Debussy

Hier noch eine kleine Zugabe von Lugansky aus dem Jahr 2008 (als Inspiration, mal wieder die linke Hand zu trainieren):

Nächstes Konzert des Klavierfestivals mit Benjamin Grosvenor am 21. Mai; weitere Konzerte mit Paul Lewis (23. Mai), Sophie Pacini (27. Mai) und Nikolai Demidenko (2. Juni). Anscheinend für alle Konzerte noch ein paar Karten erhältlich. Zum Klavierfestival

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