Instinktreflexiv: Dmitry Masleev im Pianosalon Christophori

Schöne Gelegenheit, einen aufgehenden Klavierstern noch in intimer Beleuchtung zu erleben: Der russische Pianist Dmitry Masleev spielt im Weddinger Pianosalon Christophori. Man hört nicht alle Tage einen aktuellen Tschaikowsky-Wettbewerbs-Sieger in so einer gleichermaßen sachlichen wie fancy Location. Noch dazu an einem Bösendorfer! Masleev spielt auf eigenen Wunsch hier. Spricht für seinen Instinkt und seine Reflexion. Denn es ist immer schmerzlich, einen hochbegabten Musiker im stimmungstötenden halbleeren Kammermusiksaal zu sehen. Der Pianosalon aber ist rappelvoll, und man darf während des pausenlosen Rezitals Bier trinken; leise, versteht sich.

Instinkt und Reflexion verbinden sich auch wohltuend in Masleevs Spiel. Bei Tschaikowsky (einer Auswahl aus den Morceaux) und Rachmaninow (unter anderem der Elegie op. 3, 1) wirkt das am organischsten: mit Sentiment ohne Gefühligkeit; konzentriert, aber keinesfalls langweilig; virtuos, aber niemals großspurig oder oberflächlich. Tolle Mischung.

Masleev ist knapp 30, wirkt aber halb so alt vulgo doppelt so jung. Wenn das so bleibt, wird er mit 80 wie 40 wirken. Das wird ein interessanter Vergleich mit dem alten Horowitz.

Der bietet sich auch deshalb an, weil Masleev wie Horowitz Scarlatti-Sonaten auf dem Konzertflügel spielt, ohne sich um einen Hauch von Cembalo-Imitation zu bemühen. So auch zu Beginn des Konzerts (und auf der Debüt-CD, die dieser Tage erscheint). Da zeigt sich ein Wille zur dynamischen Gestaltung und Durchdringung jeder Phrase, die manchmal die Grenze zum Manierierten streift, aber die Sonaten mit großer innerer Spannung auflädt. Am beeindruckendsten hier die schnellen, virtuosen Sonaten, etwa K 141 mit den tackernden Tonrepetitionen.

Hier eine Scarlatti-Sonate am Steinway (der ausgleichender wirkt als der Bösendorfer):

Angeohrs von K 141 hätte man sehr gern Masleevs Prokofjew gehört, dessen 2. Sonate für das Konzert geplant war (und ebenfalls auf der CD zu hören ist). Stattdessen spielt Masleevs Schuberts 4 Impromptus op. 90, ein ziemliches Kontrastprogramm. (Schade für Hörer, die ihren Besuch nach dem angekündigten Programm richten und sich vielleicht eigens vorbereitet haben, sowas solls geben.)

Natürlich hört man die Impromptus immer gern. Bei Masleev klingen sie erfreulich unbehaglich, unruhig, angespannt, ja nervös. Im dritten Impromptu sind die Geister über dem Wasser in Aufruhr, die Kaskaden des vierten erinnern fast an Liszt. Da fragt man sich, ob Schubert für einen hochkarätigen jungen Pianisten nicht noch zu einfach ist. Bei Rachmaninow gehören Aufladung und Pose zur Substanz; bei Schubert zerstören sie die Substanz nicht, aber knabbern vielleicht an ihr? Technische Unterforderung kann gefährlich sein.

Zudem erschlägt die imposante zweite Hälfte des Konzerts mit ihrer Kraft und Virtuosität doch etwas den Scarlatti-Schubert-Auftakt.

Aber Altersweisheit zu verlangen von einem 30jährigen, der aussieht wie 15, wäre auch seltsam. Er soll ja, bitte sehr, noch etwas älter werden als Schubert. Wird spannend zu hören, wie sich Instinkt und Reflexion (und die Programmgestaltung) bei diesem Pianisten weiter austarieren.

Und beim nächsten Mal gern diesen Prokofjew!

Zum Anfang des Blogs

2 Gedanken zu „Instinktreflexiv: Dmitry Masleev im Pianosalon Christophori

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.