Selbstverständlich brillant: Berliner Philharmoniker, Rattle, Barenboim spielen Dvořák, Bartók, Janáček

Fortsetzung von Simon Rattles Abschiedstournee im eigenen Haus, zugleich durch Zeit und Raum: diesmal Schlenker nach Ostmitteleuropa (Prag, Budapest, Brünn), 1886 bis 1926. Dritte Aufführung, Samstag 19 Uhr. Der Konzertgänger aber vergisst Zeit und Raum, wenn es Janáčeks Sinfonietta gibt – ganz egal, was davor und danach und rundherum ist.

Im Konzert der Berliner Philharmoniker gibts ein Davor: nämlich Bartók mit keinem geringeren Gast als Daniel Barenboim und noch davor Antonín Dvořáks Slawische Tänze opus 72, das ist die zweite Sammlung der Erfolgsstücke.

In den Slawischen Tänzen Philharmonikersound at its best, Brillanz von großer Selbstverständlichkeit. Subjektive Hürde für den Konzertgänger, dass die (vordergründig) unbeschwerter losbrausenden Tänze die ungeraden Nummern haben und die verhalteneren, schwergründigeren die geraden. In Nummer 4 steckt ja eine Menge Janáček-Flair.

Enervierendes Missverständnis des Publikums, jeden Abschlag des Dirigenten als Einsatz für ein Husten-Interludium zu nehmen.

Große Selbstverständlichkeit ohne Brillanz zeigt hingegen Daniel Barenboim in Béla Bartóks 1. Konzert für Klavier und Orchester. Kristalline Klarheit, rhythmische Prägnanz und perkussive Härte sind eher weniger der Fall. Das Finale klingt recht gepolstert. Was einnimmt, sind aber gewisse innehaltende, klangmalerische Momente. Und das ständige Hinhören auf das seinerseits brillante und, auch was Tempi und Temporückungen angeht, rücksichtsvolle Orchester. Und ganz allgemein Bewunderung für die fast kindlich reine pianistische Mutprobe, der Barenboim sich hier unterzieht. Schließlich hat eine Legion perfekter junger Pianisten dieses Stück im Repertoire. Und es ist in seiner harten Klangsprache nicht gerade prädestiniert dafür, technische Probleme durch überragende Musikalität auszugleichen. Insofern zieht Barenboim sich ganz achtbar aus der Affäre.

Die Wahl des Stückes scheint weniger pianistisch als nostalgisch-geschichtsschreiblicht zu sein: Barenboim debütierte damit 1964 bei den Berliner Philharmonikern. Das war zeitlich näher an der Frankfurter Uraufführung 1927 mit Bartók am Klavier und Furtwängler als am Jahr 2018. Kann einem bissl schwindlig werden bei dem Gedanken. Nicht nur Barenboim.

Enervierendes Handyklingeln Ende des zweiten Satzes ist bei diesem Stück kein bitonaler Mehrwert.

Brillanz ohne Selbstverständlichkeit dann in der großartigen Aufführung von Leoš Janáčeks Sinfonietta. Der verlassene Flügel vor dem Dirigenten zeugt noch vom Gewesenen, so wie bei Bartók die Reihe leerer Stühle hinter dem Orchester das Kommende ankündigte: die einzigartige Trompetenbrigade zur Eröffnung der Sinfonietta. Wer die je im Konzert erlebt hat, pfeift für den Rest seines Lebens auf Tonkonserven.

Rattle dirigiert aber weder auf Effekt noch routiniert. Er lässt die eröffnenden 11 (von insgesamt 14!) Trompeten und 2 Tuben nicht gleißend oder pompös klingen, sondern nur mittellaut und dafür warm und blühend und menschlich. Spooky und scharf danach das spitze Holz und die aufwallenden Streicher. Unerschöpflich sind die betörenden Klangbegegnungen in der Sinfonietta, etwa das Gegenüber von Posaunen und Flöten. Tuba und Piccolo. Mit solchen Musikern ist das ein Traum. Und perfekt die Durchgestaltung und feine Abstufung, in der Rattle und die Philharmoniker diese so berührende wie unsentimentale Musik ins blühende Leben bringen. Jenseits von Zeit und Raum, in den Straßen von Brünn anno 1926, Februar 2018 kurz vor 21 Uhr im eiskalten Tiergarten.

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2 Gedanken zu „Selbstverständlich brillant: Berliner Philharmoniker, Rattle, Barenboim spielen Dvořák, Bartók, Janáček

  1. In der Tat, die Sinfonietta war der Höhepunkt des Konzerts.
    Huch, an die Uraufführung unter dem Erzromantiker Furtwängler habe ich während des Konzerts auch gedacht. Rattles Anpassungsfähigkeit an die unter ihm spielenden Solisten bezüglich Tempo und Haltung kommt mir manchmal schon beängstigend vor.

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