Musikfest 2018: Berliner Philharmoniker lichten, Rundfunkchor nachtklart

Ist ja auch mal ein schönes Faktum, dass von allen hiesigen Orchestern ausgerechnet die Berliner Philharmoniker als gute Gastgeber die Musikfest-Themen am intensivsten beleuchten: gleich zweieinhalb von dessen Schwerpunkten kommen im Konzert mit François-Xavier Roth vor. Bernd Alois Zimmermann und Debussy sind die zwei, Ligeti der halbe. Der Konzertgänger geht mal wieder zu einer dritten Aufführung, dritte Abende sind spielkulturell immer erhellt. (Gingen mehr Kritiker am dritten statt am ersten Abend, gäbs weniger Verrisse.) Außerdem kann man am Samstag noch zum anschließenden Late Night-Konzert des Rundfunkchors in die dunkle St. Matthäus-Kirche rübermachen.

Vermatscht sich das nicht in deinem Kopf, fragt seine Frau den Konzertgänger, noch ein Konzert gleich hintendran?

Aber erstmal ist da ja Carolin Widmann. Kaum zu glauben, dass diese fabelhafte Geigerin zum ersten Mal Gästin der Berliner Philharmoniker ist.

Und dass das Violinkonzert von Bernd Alois Zimmermann (1918-1970) keinen regelmäßigen Platz in den Konzertprogrammen hat. Zimmermann ist für den Konzertgänger von den heurigen Musikfest-Schwerpunkten der schwerpunktigste. Das Violinkonzert, 1950 entstanden und damit eins der frühesten Werke des undank des Kriegs spätgestarteten Komponisten, fesselt vom ersten Ton an. Die gehetzte Kurzstrichigkeit des Beginns erinnert an Schostakowitsch, die folgende klagende Langstrichigkeit mischt ein paar Herzblutstropfen Blues hinein. Die zentrale, aus Klavier und Beckenzittern entstehende Fantasia scheint vielschichtiger als der erste Satz, komplexer, durchstreift in kürzester Zeit Ausdrucksbereiche von Bachstrenge über angedeutete Tänze bis zu Nachtmusik mit Harfe und Celesta. Dagegen baut sich eine mächtige Orchesterwand auf, aber die Geige lässt sich hier nicht hetzen, sondern bringt das Orchester zum Tanzen. Wenn auch auf brodelndem Vulkan. Und zum Schweben. Undsoweiter, bis zum Rumba-Rondo-Finale.

Die Geigenstimme dieses Stücks ist eine berührend menschliche Gestalt des fürchterlichen 20. Jahrhunderts. Carolin Widmann ruft sie mit Leidenschaft, Lust und Finesse in lichten Klang, ein exzellenter Auftritt. Und ein absolut repertoirewertes Stück – wie ja so manche nichtavantgardistische Moderne des 20. Jahrhunderts. Das Publikum muss es nur wollen! Statt immer nur das Gleiche!

Zu Beginn des Programms legte Igor Strawinskys Symphonie d’instruments à vent (1920, rev. 1947) für 23 Bläser den Grund für ein besonders strahlendes Hervortreten des Geigentons im folgenden Stück. Wirkt diese archaisierende Musik hier nicht arg spröde, unterkühlt?

Davon kann im folgenden Programmteil keine Rede sein. Claude Debussy (à sa memoire Strawinsky die Bläsersinfonie schrieb) wird mit György Ligeti gemischt, dafür gibts Exquisitäts-Cluster-Punkte. Debussy ist selbstredend auch ein Schwerpunkt des Musikfests, er starb nämlich in Paris, als Bernd Alois Zimmermann in Bliesheim genau fünf Tage alt war. Will sagen, 2018 ist hundertster Todestag vulgo Geburtstag. Wobei all diese Jubiläen eitel sind, denn auch das Geburtstagskind ist ja schon ewig tot.

Und wenn man innerhalb einer Woche in gleich zwei Philharmoniker-Konzerten Ligeti hören kann, geht der mindestens als halber Musikfest-Schwerpunkt durch. George Benjamin dirigierte Clocks and Clouds, nun gibts Lontano (1967) und Atmosphères (1961), zwei mikropolyphone Zauberkisten. Kein größeres irdisches Glück ist vorstellbar als Ligeti in diesem Raum, mit diesem Orchester. Lontano, die Welt in vollkommener Zitterschwebe. In der letzten Phase der Atmosphères befindet der Konzertgänger sich schließlich in einem Moment seines Lebens vor gut 25 Jahren. Aus dem ihm dann der Beginn von Debussys Ibéria zurückholt, um ihn in eine ganz andere Weltzeit zu katapultieren.

Roth dirigiert Ibéria, die dritte der Images pour Orchestre, mit jederzeit genau bemessenem Schwung, ohne sich in Extreme gehen zu lassen, weder Extreme des Fortwirbelns noch des Innehaltens. Auch die zuvor gespielten beiden Images, vor und zwischen Ligeti, klangen erlesen; edle Klangbalance mit sublimen Bläsern. François-Xavier Roth gehört eher zu den kompetenten als zu den charismatischen Dirigenten, aber das spricht überhaupt nicht gegen ihn. Denn seine raffinierte Programmkomposition, die ist charismatisch und funktioniert großartig, ohne Effekthascherei.

In noch andere Weltzeit, oder vielleicht auch aus aller Weltzeit hinaus, trägt einen dann das Late Night-Konzert der Schola des Rundfunkchors Berlin in der St. Matthäus-Kirche, von der Philharmonie zwei Minuten zu Fuß entfernt, oder mit dem Fahrrad 120 Sekunden (wenn man das Auf- und Zuschließen mitzählt). Die Schola ist ein verdienstvolles Projekt des Rundfunkchors, eine Projektwoche für Gesangsstudierende, diesmal geleitet vom Vize-Chef Benjamin Goodson.

Im Mittelpunkt des Programms steht Morton Feldmans Rothko Chapel (1971). Alles daran ist behutsam: Die behutsame Glut der langen Striche der Bratsche von Tabea Zimmermann (die zuvor auf der Orgelempore Strawinskys berührende Élégie für Viola solo von 1944 spielte). Der behutsame Einsatz ausgesuchter Klangfarben der Celesta (Irmela Roelcke) und des überschaubaren Schlagwerks (Michael Weilacher), das in moderner Musik sonst oft so wahllos verschleudert wird. Und die behutsame Intensität des ausschließlich auf summenden Chors (der danach noch aus den Ecken des Raums John Cages aleatorisches FOUR2 von 1990 singt).

Und gerade aufgrund ihrer Behutsamkeit scheint die emotionale Aufwühlung umso stärker, die man in Feldmans Musik spürt. Schließlich schrieb er diese Musik zur Eröffnung der überkonfessionellen Kapelle, die sein Freund Mark Rothko in Houston entwarf und gestaltete. Ein Jahr vor der Fertigstellung nahm Rothko sich das Leben. Ein stilles Requiem nennt Dirk Wieschollek im Programmheft Feldmans berückende Musik. Die Matthäuskirche, mit brennenden Kerzen in den Fensternischen, ist der perfekte Ort dafür.

Da vermatscht nichts, antwortet der Konzertgänger seiner Frau, es lichtet und klart.

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