Mondsam: RSB, Francis, Sobotka mit Ravel, Szymanowski, Elgar

Sachliche Märchenonkel entfalten den nachdrücklichsten Erzählzauber. Der Brite Michael Francis ist so ein beinah unauffälliger, aber sehr genauer Dirigent, der nicht wildfuchtelnd zaubert, sondern zweckdienlich arbeitend Zauber entstehen lässt. Es ist aber auch ein feines, durchdachtes Programm, das das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin im Konzerthaus am Gendarmenmarkt spielt: mit Maurice Ravel, Karol Szymanowski und Edward Elgar.

Jeder der drei Komponisten hat seinen ganz eigenen Ton, und doch durchdringen sie sich – aber unaufdringlich. Und so begegnet einem im Nachklingen des Konzerts dann Elgars reizend stotternde Dorabella aus den Enigma-Variationen vielleicht in den chinesischen Pagoden aus Ravels La Mère l’oye, und darüber scheint der einsame Mond aus den Sechs Liedern einer Märchenprinzessin von Szymanowski.

Bei Charles Perraults Märchensammlungen wie Mutter Gans haben sich 150 Jahre später auch die Gebrüder Grimm bedient. Und so wie Ravel, in seiner üblichen Arbeitsweise, seine um 1910 entstandenen pianistischen Märchenbilder nach Perrault selbst orchestrierte (ein viel zu zauberlos nüchternes Wort dafür), so instrumentierte Szymanowski seine Klavierlieder, die er 1915 nach Gedichten seiner viel jüngeren Schwester Zofia komponiert hatte. Allerdings nur drei. Für die restlichen drei hat der italienische Komponist Bruno Dozza Orchesterfassungen geschaffen, sehr gekonnt im schwirrenden, farbenreichen Szymanowski-Stil, so dass das Ganze jetzt als „Deutsche Erstaufführung“ durchgeht. Die Welturaufführung fand vor einigen Wochen in Aserbaidschan statt, wie auch immer das zuging. Skrupellose CDU-Maskendealer haben damit nichts zu tun, eher die polnische Sopranistin Iwona Sobotka, die sich seit Jahren verdienstvoll für Szymanowski einsetzt und auch Dozzas Arbeit anregte. Vorzüglich singt sie nun die sechs Lieder, ein wenig vielleicht wie für einen größeren Raum als das Konzerthaus; aber vielleicht sind wir ja zu Gast im Haus von Ravels petit poucet (Däumling), und da muss eine słowik (Nachtigall) so. Das sind ja auch keine Glasvögelchen. Wirklich ausnehmend schön klingt das, bei aller kunstvollen Koloraturgeschmeidigkeit erdig und „echt“. Und das Polnisch klingt auf einmal wie eine selten wundersame Feensprache!

Von der idealen Klangbalance des RSB und auch von dessen sehr guten Solisten leben zuvor sowohl Ravel als auch danach Elgar. In Ma Mère l’oye entfalten betörende Akkorde im Jardin féerique schwerelose Pracht. Und die ganze Zeit ist es so, als wären da unsichtbar und unhörbar und dennoch tickend im Raum jene Uhren, wie Ravel sie liebte. Auch die Enigma-Variationen kann man sich schöner kaum vorstellen, nicht herrlich romantisch breitgewalzt à la Bernstein, sondern transparent und vital; dennoch ist der langsame Nimrod-Satz tränenrührend eben wie bei Bernsteins Mahler-like-Elgar. Nur mit mehr Noblesse, und eben dem Hörer Lebenszuversicht lassend.
Interessant, dass die Enigma-Variationen, die auch eine große künstlerische Selbstreflexion Elgars sind, im selben Jahr 1898 entstanden wie Ein Heldenleben von Strauss – eine geheime Verwandtschaft, nur ist Elgars Musik viel sympathischer. Und hat Interesse nicht nur an sich selbst, sondern auch an all diesen feenhaften Stotterinnen oder klaviertrampelnden la Bêtes, etc pp, an denen die Welt so reich ist und die Elgar so lustvoll enigmatisch porträtierte.

Tolles Konzert, unreißerisch, dennoch entzückend und beglückend. Und der beinah unauffällige Dirigent Michael Francis ist wirklich prima. Nur dass er Chefdirigentenposten in Florida und Rheinland-Pfalz ausübt, ist so eine Klassik-Usance (man denke an Andris Nelsons in Leipzig und Boston), die den Zeiten des CO2-Fußabdrucks irgendwie nicht mehr ganz gemäß erscheint.

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