Bericht aus Bayreuth: Fremd in der fremden blauen Welt

Die Bayreuther Festspiele laufen weiter, mit dem Fliegenden Holländer und dem mit Verblüffung und Spannung erwarteten Plácido-Domingo-Dirigat der Walküre. Der Konzertgänger ist nicht mehr dabei, sondern erholt sich von vier intensiven Tagen auf dem grünen Hügel. In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ist indes sein Bericht aus Bayreuth erschienen: über den neuen Lohengrin, libanesische Hochzeitsgeschäfte, verschwundene Bräutigame, fränkische Fremdenzimmer und syrische Fremdenführer, kurz über die fremde blaue Welt von Bayreuth. Diesen Artikel kann man im FAZ-Archiv bestellen oder weitaus günstiger im digitalen Blendle-Kiosk (wenn es die erste Blendle-Bestellung ist, kostet sie sogar nullkommanix).

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Konzertgänger auf Reisen: „Lohengrin“ in Bayreuth

Als der Konzertgänger eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem Frankfurter-Allgemeine-Bayreuther-Festspiele-Korrespondenten verwandelt. Als solcher hatte er (in Vorbereitung dieser Bayreuther Gesamterlebnis-Reportage in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung) das Vergnügen, dem neuen Lohengrin beizuwohnen. Denn ein Vergnügen war es, in fast jeder Hinsicht. Weiterlesen

3.5.2016 – Keusch: Klaus Florian Vogt ist „Lohengrin“

Parsifal am Karfreitag ist dem Konzertgänger ein No-Go, aber auf Lohengrin zu Himmelfahrt lässt er sich ein. Er muss jedoch mit Argusaugen auf seine Frau achten, die am liebsten lauthals bejahen würde, wenn der goldenen Kehle des schwanbeflügelten Klaus Florian Vogt die gestrenge Frage entschwebt: Wenn ich im Kampfe für dich siege, willst du, dass ich dein Gatte sei? 

Sie steht nicht allein mit dieser Versuchung, so manche Frau (und mancher Mann) in der Deutschen Oper verspürt sie – von keuscher Glut entbrannt wie Elsa im zweiten Aufzug. Vogts künstlerische Vielfalt in Ehren, aber er ist auf die Welt gekommen, um Lohengrin zu sein. Kein Wunder, dass die kriegswunden Brabanter wieder und wieder auf diesen Verführer hereinfallen; denn als Verführer präsentiert Kaspar Holtens sehenswerte Inszenierung von 2012 diesen Lohengrin.

Rein musikalisch liegt aber gar nichts Anzügliches darin, denn für Vogts heldische Knabenstimme (zu der Jan Brachmann in der FAZ vor einigen Jahren gar Heintje assoziierte) drängt sich ebenfalls obiger aus der Mode gekommene Begriff auf: keusch. Wenn man noch die jüngste Barockopern-Ausgrabung von René Jacobs im Ohr hat, klingt zwar selbst der kantabelste Wagner wie wüstes Gebelle. Zudem hat Lohengrin ja so manche kompositorische Untiefe, etwa die üble Modulation in der Wiederholung des Frageverbots oder das peinlichste Ich liebe dich der Operngeschichte. Aber das und noch viel mehr, auch gefühlte fünf Stunden C-Dur-Fanfaren, nimmt man gern in Kauf für Vogts himmlische Gralserzählung. Nein, für jedes Wort aus seinem Mund.

Die anderen Sänger sind fast egal, trotzdem seien hervorgehoben der kurzfristig eingesprungene, luzide aus dem Mundwinkel singende Günther Groissböck als Heinrich der Vogler und die umwerfend hysterische, gehässige, schleimige, Angst und Lachen machende Ortrud von Anna Smirnova. Bei Manuela Uhl (Elsa) und Simon Neal (Telramund) wechseln Licht und Schatten. Solides, aber magiefreies Dirigat von Axel Kober. Den zuverlässigen Chor hat man schon zauberhafter, subtiler gehört. Bei der zweiten Aufführung am Sonntag wird alles etwas gefestigter klingen.

Meine umfassende, tiefenanalytische Kritik heute bei Bachtrack.

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