KURZ UND KRYPTISCH (1): Roger Norrington beim DSO

KURZ UND KRITISCH hieß einst eine Rubrik im Tagesspiegel, die es leider nicht mehr gibt. Da aber k & k immer fein ist, wird der Konzertgänger, wenn er wenig Zeit hat, in Zukunft immer mal KURZ UND KRYPTISCH rezensieren. Heute: Sir Roger Norrington dirigiert beim Deutschen Symphonie-Orchester Mozart und Martinů

Silberherbstlicher Dirigentenfrühling in Berlin: Bei den Berliner Philharmonikern treten dieser Tage Zubin Mehta (83), Bernard Haitink (90) und Herbert Blomstedt (91) ans Pult, während beim DSO in der Philharmonie wieder mal Sir Roger Arthur Carver Norrington gastiert, Commander of the British Empire, frische 85 und irgendwie der jugendlichste aller Altmeister. In seinem Bohuslav Martinů-Zyklus, dessen sechs Sinfonien Norrington sich nach der Vaughan-Williams-Reihe widmet, ist er nun bei der Nummer 2 von 1943 angelangt, komponiert wie alle Martinů-Sinfonien im amerikanischen Exil. Die ist klassisch viersätzig aufgebaut, aber ohne altklugen Neoklassizismus, sondern in diesem unverkennbaren rauschenden, sprudelnden, glockigen, fließenden Martinů-Ton. Groß besetzt, aber immer klein gruppiert, concertante. Martinů scheint nie auf sinfonischen Streit aus, sondern aufs Mit- und Umeinander aller Dinge und Klänge. Bei allem böhmischen Heimweh viel amerikanischer Optimismus. Heart-lifting!

Kommen die Altmeister, tanzen die Musen.

Davor gibt es Mozart mit Herz und beredter Phrasierung: die 36. Sinfone C-Dur KV 425 („Linzer“). Ach, wie lodert das überwältigend schöne Andante zwischen Tänzeln, anmutiger Zutodebetrübtheit und dämonischen Bassläuften. So rauschhaft-hell das DSO bei Martinů, so glühend-klug bei Mozart. Sir Roger aber wendet sich auf seinem Drehstuhl, bevor es überhaupt losgeht, dem Publikum zu und bringt es wie alle Jahre allein durch ein freundliches Zunicken zum Lachen. Applaus zwischen den Sätzen bei Mozart ausdrücklich erwünscht hier.

Es gibt gelegentlich enttäuschende Konzerte, in denen man sich fragt, was man gerade mit seiner Lebenszeit macht. Roger Norrington aber ist man dankbar, dass er uns seine Lebenszeit schenkt. Und unsere eigene. Er aber würde wahrscheinlich sagen, bedankt euch bei Mozart. Der ist übrigens auch schon 263 – nur ein Jahr jünger als Mehta, Haitink und Blomstedt zusammen. Aber fühlt sich frühlingsfrisch an.

Nächste Norrington-Martinů-Mozart-Termine beim DSO am 3. November (3 und Prager) und am 11. April 2020 (4 und Requiem).

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