Krakesk: Beckett/Feldmans „Words And Music“ an der Staatsoper

Morton Feldman und Samuel Beckett 1976 (zeitgenössische Darstellung)

Eine der seltsamsten Künstlerbegegnungen des 20. Jahrhunderts fand 1976 in West-Berlin statt, und zwar zwischen Samuel Beckett und Morton Feldman. Der halbblinde Feldman kam zu einer Beleuchtungsprobe (!) ins dunkle Schillertheater, schüttelte Beckett die Hand, genauer gesagt: versehentlich nur den Daumen und stolperte über einen Vorhang. Danach gingen sie essen, der dicke Feldman haute rein, der dürre Beckett trank nur ein Bier. Und dabei scheinen sie die ganze Zeit komplett aneinander vorbeigeredet und sich trotzdem, oder gerade deshalb, bestens verstanden zu haben. Das erfährt man aus Sebastian Clarens Feldman-Buch, aus dem ein Auszug im Programmheft zu der Produktion Words And Music der Staatsoper Unter den Linden abgedruckt ist.

Dieser neuen Feldman/Beckett-Chose fehlt natürlich der genius loci, der vor einigen Jahren Feldman-Becketts Footfalls/Neither in der damaligen Staatsopern-Ausweich-Spielstätte Schillertheater durchwehte. Dafür ist sie akustisch fein in den knobelsdörfflich-kronlüsternen Apollosaal eingefügt. Und ohnehin am besten mit geschlossenen Augen zu hören, denn es handelt sich bei Words And Music um ein Hörspiel für zwei Sprecher und Kammerensemble. Es hängt hier am roten Faden von „Linden 21“, der neuen staatsöperlichen Zeitgenössikreihe, die sich als Marke freilich noch nicht recht durchgesetzt hat. Ein Hauptunterschied zum abgesetzten Festival Infektion!, das sich auch nie richtig etablieren konnte, liegt jedenfalls darin, dass sich jetzt die neue Musik durch die ganze Saison zieht. Widmanns Babylon gab es 2018/19 schon (naja), Furrers Violetten Schnee (musikalisch reich, textlich sch:wer:fällig) und Viviers Kopernikus (na ka wa loi mi).

Worte (l.) und Musik (r.)

Eine Nacherzählung der „Handlung“ von Words And Music wirkt entstellend. Barockdiskurs und Strauss‘ Cappriccio scheinen grüßen zu lassen, wenn man behauptet, dass hier Worte und Musik um den Vorrang wetteiferten. Aber die Sprache dreht sich natürlich beckettsch im Kreis hier. 1962 entwarf Beckett dieses Stück neben einigen anderen Hörspielen, zog es zurück, bis Feldman 1987 kurz vor seinem Tod eine adäquate Musik komponierte. Sie untermalt nicht, sondern ist Protagonist, der den Worten des Sprechers ganz eigenständig entgegentritt.

Und tatsächlich meint man mit geschlossenen Augen eine klingende Personifikation zu erleben, obwohl diese Musik unverkennbarer Feldman ist, so frugale wie achtsame Klänge von umlullender Schönheit, noch wo sie unruhig werden. Ein siebenköpfiges Kammerensemble aus Orchesterakademisten der Staatskapelle spielt unter der Leitung von Maxime Pascal: drei Streicher, Klavier, Vibraphon, zwei Flöten. Die dieser Musik gegenübertretenden Worte aber werden von Christian Brückner verkörpert, der unverkennbaren Stimme von Robert de Niro und, tja, Guido Knopp. Worte plagt sich mit Problemwörtern wie Liebe und Seele herum, droht ins leere Geplapper zu kippen, ringt sich aber auch sehr, sehr berührend in einen fast greisenhaft schmerzlichen Versuch zu singen, Ton für Ton.

Die Stimme eines gewissen alten KRAK aber scheint (per Lautsprecher nämlich) aus der Mitte des Publikums zu kommen. Keine Ahnung, wo der Sprecher Klaus Christian Schreiber tatsächlich sitzt, irgendwo hinten wohl. Wieder und wieder wirft KRAK mit knarzender Stimme den Worten und der Musik Stichworte hin, an denen sie sich probieren sollen. Und spricht Worte als JOE an und Musik ausgerechnet als BOB, was dem Feldman-Sound zusätzlich eine gruselige Twin-Peaks-Dimension gibt. Am Schluss aber scheint KRAK von dannen zu gehen, und siehe da, Worte und Musik existieren nun ohne den Menschen.

Klangprojektionen und Computer Sound Design von Florent Derex und Augustin Muller schaffen dabei mit Schlurfen, Stoßen, Pochen, Knallen eine Aura, in der sich der verdunkelte Apollosaal wie ein ächzender alter Turm anfühlt. Und weil das Hörspiel nur 40 Minuten dauert, gibt es vorweg noch die hörenswerte Komposition Cras lucebit von Pedro Garcia-Velasquez. Die anfangs meist langen Töne eines einzelnen Fagotts werden wie von schillernden Luftschlangen elektronisch umspielt. Erst nach und nach werden die Linien der vortrefflichen Fagottistin Jamie Louise White immer vertrackter, während sich auf der elektronischen Ebene Glockenklänge andeuten.

Weitere Aufführungen am 24. und 27. April. Um 21 bzw 22.30 Uhr, was ja auch mal schön ist.

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