Transhuman: Viviers „Kopernikus“ an der Staatsoper

„Transhumane der Heiligen Galaxien“?

Eindrucksvolles Faszinosum Kopernikus von Claude Vivier im Alten Orchesterprobensaal der Staatsoper Unter den Linden: Versatzstücke aus allen möglichen östlichen, westlichen, westöstlichen Religionen und Philosophien stecken in dieser Opéra-rituel de mort von 1978/79, lauter Visionen und Verkündigung und Prüfung und Reinigung bis hin zur Entmaterialisierung. Und doch scheint das kein esoterisches Impfgegner-Eiapopeia wie Stockhausen in seinen schlimmsten Momenten (obwohl Vivier ja als Stockhausenschüler gilt). Kern der mystischen Chose scheint eine Art Kindwerdung im Tode.

Und ist Vivier nicht ein ausgesprochen kindlicher Komponist?

Denn ein großer Teil des Librettos (das mit einem Zitat des Alice in Wonderland-Autors Lewis Carroll beginnt und auch einige gewichtige Sentenzen auf Französisch enthält) ist in einer Phantasiesprache verfasst, die Vivier aus einer écriture automatique gewann, wie sie auch Konzertgängers Tochter liebt. Mit deren Einverständnis hier eine knappe Gegenüberstellung:

Kopernikus: Konzertgängers Tochter:
Na ka wa loi mi kou mi kou ya mynado tu bat lovendo dy bolev

Doch auch wenn zwischen Kosmik und Komik nur ein Buchstabe liegt, hat Viviers Kopernikus (fast) nichts Lächerliches. Das liegt nicht nur an der überrumpelnden Ernsthaftigkeit alles Gebarens, die sich sogar in Viviers teils verklärtem Gewalttod wenige Jahre nach dem Kopernikus zu beglaubigen scheint. Auch wenn man diesen Komponisten schwerlich ohne die Mystik bekommen kann, überwältigt einen der pure und, ja doch, visionäre Klang seiner Musik.

„Die Ewigkeit kommt, mit uns zu sprechen“?

Lange Liege- und Fliegetöne bringen die jungen und wunderbaren Sänger und Sängerinnen hervor, deren Namen hier einfach aufgezählt seien: die Soprane Sarah Aristidou und Slávka Zámečníková, die Mezzosopranistin Anna Schors, die Baritone Adam Kutny und Giorgi Mtchedlishvili sowie der Bass Erik Rosenius. Diese Figuren scharwenzeln um eine kindliche Gestalt namens Agni herum, die es über 75 Minuten in eine andere Seinssphäre beamt, vielleicht das Nichtsein. Mit ihrer Alt-Lage liegt sie genau in der Mitte der sieben Stimmen. Obwohl sie als sich Reinigende, Prüfende, Entmaterialisierende von den anderen Figuren wesenhaft unterschieden ist, scheint ihr Gesangsgestus den anderen völlig zu gleichen; und so ist es gar kein Nachteil, dass die Altistin Corinna Scheurle in der besuchten Vorstellung erkrankt ist und zwar spielt, aber für sie die am Rand des Saals stehende Constanze Jader singt: Spielleib-Sangseele-Dualismus.

Die Obertöne der Stimmen verändern sich durch Vokalwechsel auf den langen Tönen (wie o-i und o-u im obenstehenden Textbeispiel). Vibrati entstehen durch Handfläche-auf-den-Mund-Klopfen wie weiland beim Indianerspiel im Stadtpark. Und die Stimmen schichten sich in einem fort zu formal dissonanten, fürs Ohr aber betörend schönen Akkorden.

Zu siebt sind auch die Mitglieder der Staatskapelle unter dem Vivier-erfahrenen Dirigenten Errico Fresis: eine Violine und sechs Bläser (Oboe, 3 Klarinetten bzw Bassklarinette, Trompete und Posaune), die rhythmisch vertracktere Figuren zu meistern haben; zumal die Klarinette hat wohl halsbrecherisch Virtuoses zu leisten – und ist dabei doch stets nur Element des rituellen Gesamtflusses. Einiger Kling und Klang und Gong und Ging ist auch zu hören, balinesische Musik steckt darin und gewiss auch bilanesische und mehr.

Na ka wa loi mi kou mi kou ya

Die Handlung zusammenzufassen wäre ähnlich witzlos, wie einen katholischen Gottesdienst nachzuerzählen: Es handelt sich ja ausdrücklich um ein „Ritual“. Dass einige Figuren als Zauberer Merlin, Königin der Nacht, Tristan und Isolde benamt werden, soll halt so sein. Nicht jede Wirrheit ist Mystik, aber alle Mystik ist wirr. Kopernikus taucht indes im Rahmen eines rasanten physikgeschichtlichen Überblicks auf, als derjenige, der dem Menschen erst das Unendliche beschert hat, indem er ihn aus dem Zentrum des Universums herauskatapultierte. Die scheinbare wissenschaftliche Entzauberung ist für den Glaubenwollenden erst die wahre Verzauberung. Und ein Glaubenwollender, wie ein trotziges Kind, scheint auch der verkrachte Priesterschüler und todessehnsüchtige Schwule Claude Vivier gewesen zu sein. Er sagt nicht „Die Kunst ist ein heiliger Akt“, sondern: Ich will, dass die Kunst ein heiliger Akt ist (aus den Programmnotizen zur Uraufführung). Ein entscheidender Unterschied.

Dass man die stets beliebte Ankündigung, die Trennung von Zuschauern und Inszenierung sei aufgehoben und das Publikum werde zum Teil des Rituals, nicht als Drohung zu begreifen braucht, ist der Inszenierung von Wouter Van Looy hoch anzurechnen. Man sitzt im Kreis rundrum, manchmal kommen die Sänger nah vorbei, das ist noch nicht übergriffig. In der Mitte steht so eine große leicht wabbelnde Plexiglasröhre, in der eine Puppe liegt, die später zum Kind wird; die Figuren kreisen um diese Röhre herum und gehen auch manchmal hinein, und man spiegelt sich auch ein bisschen im Konvex (Bühnenbild & Licht Sascha van Riel). Die Figuren tragen ulkige Klamotten (Kostüme Johanna Trudzinski).

Wenn einem nun 75 Minuten Herumgehen und sinnarm-tiefgründelndes Fabulieren keine Sekunde langweilig wird, ist das für sich schon ein Ereignis von mystischer Kindlichkeit.

Was verursacht dem Konzertgänger dennoch ein gewisses Unbehagen? Vielleicht ist es diese unverbrämte, überkochende Todessehnsucht, die aus Claude Viviers Schaffen spricht – und die einem Hans Castorps Schneetraum in Erinnerung ruft: Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken. Ein Einwand, der freilich auch und gerade den Tristan trifft.

Im Kopernikus aber heißt es, wenn nicht das Nakawaloi-Phantasisch waltet: Wir sind Transhumane der Heiligen Galaxien. Oder: Die Ewigkeit kommt, mit uns zu sprechen. Nun, so kann man das Elend, das Massaker des Sterbens auch nennen. Aber soll man es, darf man es?

Es gibt noch drei Aufführungen dieses beeindruckenden, einen nicht leicht loslassenden Kopernikus am 28. und 30. Januar sowie am 2. Februar. Sie sind ausverkauft, aber an der Abendkasse kommt man meist schon irgendwie rein; und online tauchen am Aufführungstag selbst morgens gegen 9 Uhr oft nochmal Karten auf.

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