Liebesverwunderlich: Detlev Glanerts OCEANE an der Deutschen Oper

Juhu, endlich mal wieder eine Berliner Opern-Uraufführung mit Pause sowie unverquaster Sprache! Letzteres dank Theodor Fontane, der eine zwölfseitige Skizze über eine Wasserfee hinterließ, die unter die Menschen gerät, und dank Hans-Ulrich Treichel, der daraus ein Libretto gezimmert hat, das er Sommerstück nennt. Und die Musik des Komponisten Detlev Glanert in der am Sonntag an der Deutschen Oper uraufgeführten OCEANE kann man auch prima anhören.

Glanerts Musik ist nämlich Meeresrauschen statt Exposé-Papierrascheln, Bühnentier statt Konferenzgegenstand: Es geht um direkte Wirkung, ohne Furcht vor „ist schon da gewesen“ oder „könnte naturalistisch klingen“. Wellige Triolen, Sausen und Brausen inklusive Windmaschine, nixiges Harfenrauschen, dazwischen Geschwindpolkas auf der Hotelterrasse am Meer. Da galoppierts wie bei Schostakowitsch, der Chor gerät außer Rand und Band (aber gewusst wie); am Strand hingegen umkreisen die Hauptfiguren einander mit Worten und Leibern wie in Pelléas et Mélisande. Und wie dort schwingt immer die Neigung zum plötzlichen Umschlagen in Gewalt mit. Nur nicht ganz so subtil.

Bühnenwirksam und publikumsdienlich ist auch Treichels Text: Personen und Konfliktlagen werden unverzüglich vorgestellt. In einem verschuldeten Strandhotel versucht ein reicher Jüngling eine geheimnisvolle junge Frau zu lieben, die aber nicht lieben kann, obwohl sie sich danach sehnt. Die bornierte Gesellschaft und vor allem ein fieser Pastor stoßen die Fremde, Kaltherzige aus. Der reiche Jüngling bleibt allein und das Hotel weiterhin verschuldet, die Frau geht zurück ins kalte Wasser, sei es metaphorisch oder als echte Nixe.

Das geht handlungsmäßig und sprachlich gut durch – ganz anders als zuletzt in zwei neuen deutschen Opern an der Staatsoper Unter den Linden. In Jörg Widmanns Babylon quälten einen die sloterdijkschen Wortblasen, in Beat Furrers musikalisch aufregendem Violetter Schnee die selbstgefälligen Verbalspielchen von Händl Klaus.

Nur: Dass Theodor Fontane seine Variation des Melusine-Stoffs mit dem Titel Oceane von Parceval grob skizziert liegen ließ, hat einerseits wohl Gründe, andererseits Folgen. Zu konstruiert wirkt die ganze Situation und die Gestalten so unfertig, so dass sie trotz Treichels Arbeit kaum ins Leben kommen und uns nicht recht ans Herz fassen wollen. Außerdem hat diese Oceane sowohl stofflich als auch musikalisch was derart Nostalgisches, dass man sich schon fragt: Was gehts uns an? Diese aus dem 19. Jahrhundert herbeigeflösselte Melusine, die nicht lieben kann, aber sich nach der Liebe sehnt? Die Elementargeister sind als solche uns unsympathisch, lesen wir in Fontanes Skizze, die Nixe bleibt uns gleichgültig, von dem Augenblick an aber wo die Durchschnitts-Nixe zur exceptionellen Melusine wird, wo sie sich einreihen möchte ins Schön-Menschliche und doch nicht kann, von diesem Augenblick an rührt sie uns. Hmm. In Dvořáks Rusalka funktionierts, zugegeben.

Und in welcher wassernixigen Welt lebt ein Komponist, der im 21. Jahrhundert versichert, wir Deutschen sollten uns auch von der französischen Musik oder von der Linearität der Italiener (…) ein bisschen bereichern lassen? Als Glanert elf war, erschien nicht die Dichterliebe, sondern Led Zeppelins Stairway to Heaven, aber gut. Subway to Ludwig bei Glanert, der im Interview sagt: Die Liste meiner Lehrer lässt sich über sechs Stationen von Hans Werner Henze bis zu Beethoven zurückverfolgen. Auch der späte Beethoven wollte, neben 250 anderen Opernprojekten, übrigens mal eine Melusine komponieren, Grillparzer hatte den Text geschrieben, aber das Nixenprojekt kam nie ins Trockene, zu Grillparzers Ärger und vielleicht auch heimlicher Erleichterung, weil ihm der alte Beethoven schon ein bisschen feucht im Kopf vorkam.

Last but not least, bemerkenswerter Satz für einen Fontane-Verehrer: Fontane hat sehr viele Gespräche und Konversation, das muss alles weg.

Diese Einschränkungen sind aber vielleicht allzu harsche Einwände gegen einen zweistündigen Abend, den man sehr gern erlebt und der sich gut runterhören lässt, in der ersten Hälfte sogar oft packend und mitreißend. Es gibt (ohne dass man sie gleich mit Peter Grimes vergleichen müsste) feine, farbenreiche Zwischenspiele. Und in den Szenen umwogt das sehr präsente Orchester herrlich die Stimmen. Donald Runnicles ist ein hervorragender dirigentischer Ordnungshüter, nur mit der gelegentlichen Neigung, die Singstimmen ordentlich zu überpflügen. Aber der, zumindest wenns nicht in die allerletzte Tiefe geht, imposante Bass von Albert Pesendorfer kommt da sicher durch. Er singt den Pastor. Die Direktheit von Glanerts Musik im Vergleich zu Fontanes Charakterisierungskunst fällt hier besonders auf. Was uns bei Fontane oft nach ein paar Seiten Dialog allmählich dämmert, hören wir hier sofort: dämonischer Erzbösewicht! – tiefe Register, Tubagebrumme, Gertenschläge und so. Plakativ das Zusammentreffen mit der oberflächlichen Koloraturzofe Kristina, Oceanes Gesellschaftsmädchen, treffend hibbelig dargestellt von Nicole Haslett. Aber hey, es ist Oper, also warm und schummrig, und Deutlichkeit hilft beim Kapieren und Wachbleiben.

Diese Kristina bildet eine Art leichtlebiges Buffopaar mit dem oberflächlichen Freund des reichen Jünglings, dem Nordisten Felgentreu, gesungen vom zuverlässigen Christoph Pohl. Der Liebe verwundern soll sich kein Weiser, zitiert Felgentreu aus der Edda, bevor Oceane erstmals auf der Hotelterrasse erscheint und die laute Fröhlichkeit sich schlagartig in mystische Feuchte verwandelt.

Am stärksten sind zwei weitere Frauen: Die Sängerinnenpersönlichkeit der Ex-Kundry und heutigen Erda, Klytämnestra, Herodias Doris Soffel sprengt fast die Rolle der verschuldeten Hotelchefin (als deren Sidekick der immer Freude machende DO-Ensemblist Stephen Bronk den Kellner und Vertrauten gibt). Und während Nikolai Schukoff den verliebten reichen Martin von Dircksen sehr ordentlich singt (in der Mittellage schöner als in der etwas unfreien Höhe), ist Maria Bengtsson als Oceane von Parceval vielleicht wirklich zu groß für diese Welt. Aber gewiss nicht zu kalt, und schon gar nicht zu schwach. Als ein toter Fischer am Strand liegt, gibt der Pastor einen auf dunklen Stütztönen staksenden Choral zum Besten, oder eben zum Bösesten; Bengtssons Oceane aber sinniert in provozierendem Kontrapunkt darüber, dass der Tod doch nur ein Bild sei. Ganz auf große Szene angelegt, aber eben sehr gekonnt ist Bengtsson-Oceanes letzter dramatischer Auftritt, ehe sie wieder in den Meeres- und Orchesterfluten versinkt. Und im Summ- und Raun-Chor, mit dem gemeinsam ihre Stimme schon am Anfang der Oper den Raum betrat, ehe wir einen Menschen sahen.

Auch die Inszenierung wird ganz vom Meer beherrscht. Regisseur Robert Carsen vereint Handwerk und Poesie. Nichts ist so farbig wie gut schattiertes Schwarzweiß. Fifty-thousand shades of grey in den Kostümen und im Bühnenbild, egal ob das Meer hinter der Terrasse oder am Strand wogt oder sich mit dem von Wolken überfluteten Himmel vereint. Wirklich wunderschön anzusehen! Ein bisschen protofaschistisch ist die Badegesellschaft wohl auch, der Pfarrer hebt mal den rechten Arm, nun gut. Und das Gesicht der Hauptfigur auf der Vorhangleinwand hat man schon öfter gesehen – hier aber rauschen wir direktemang hinein ins Auge, das das Meer ist. Wenn jede Operninszenierung in Berlin dieses Niveau hätte, könnte man glücklich sein.

Und wie gesagt, eine Pause gibts auch. Vier weitere Aufführungen am 3., 15., 17. und 25. Mai.

Zu OCEANE / Mehr über den Autor  /  Zum Anfang des Blogs

7 Gedanken zu „Liebesverwunderlich: Detlev Glanerts OCEANE an der Deutschen Oper

  1. Auch irgendwie traurig und ernüchternd, wenn die ZEIT zur Uraufführung keinen Musikkritiker, sondern den gewiss ehrenwerten und eifrigen, aber doch fachfremden Thomas Assheuer schickt.

  2. War heute auch und teile die von Ihnen geäußerten Bedenken zum gediegenen Libretto und zur Musik, der der Biss fehlt. Tja, eine nebelhafte Hauptfigur ohne Leidenschaft, wie soll der Hörer für sie Leidenschaft entwickeln? Auch die Konstellation der von einer unfeinen Gesellschaft ausgegrenzten Titelfigur ist nun nicht mehr so ganz neu. Auch sängerisch hätte ich von den beiden Hauptpersonen mehr Kraft gewünscht. Aber dennoch ist es gut, wenn eine zeitgenössische Oper Erfolg hat und das Publikum sie gerne hört. Muss mal schauen, vielleicht geh ich in die letzte Vorstellung noch mal. Am besten haben mir die Ensembles gefallen, abzüglich des Summchores.

  3. Das ist ja schon fast unheimlich an der DO, von 5 Premieren, 4 einfach großartig und den Wozzeck fand ich auch eigentlich gut.
    Hier war ich noch nicht, werde mir nachher gleich ne Karte besorgen, mal schauen wann es passt

    • Den Wozzeck fand ich musikalisch auch sehr gelungen, sowas kann Runnicles m.E. einfach prima. Als Regisseur hätte ich mir da allerdings einen Carsen gewünscht statt diesem Norwegen-Murks, der sich mir auch im nachhinein gar nicht erschlossen hat.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.