Saunabrummjodelnd: Premiere „Die Zaubermelodika“ an der Komischen Oper

An einer Fortsetzung der Zauberflöte haben sich schon einige versucht: Schikaneder persönlich schrieb Das Labyrinth, was der damals sehr erfolgreiche Peter von Winter vertonte. Das Fragment eines gewissen talentierten Goethe kann man bei Gutenberg nachlesen. Ein gewisser Rintel, ein gewisser Schultze und ein gewisser Goepfart (Liszt-Schüler und wohl der gewichtigste der drei) komponierten ebenfalls Sequels; und auch der Mozartmaniac Grillparzer schrieb mal was Satirisches, allerdings nicht zur Vertonung gedacht, unter anderem muss darin Sarastro sich das Rauchen abgewöhnen. Nun also an der Komischen Oper: Die Zaubermelodika von Iiro Rantala und Minna Lindgren. Kinderoper empfohlen ab sechs, ich war mit einem Fünfjährigen da, für den’s ein Sprung ins eiskalte Wasser war, zumal er von irgendeinem Mozart noch nie gehört hatte. Aber er war’s vollauf zufrieden. Trotz …

… doch halt, no front, bloß weil Die Zaubermelodika arg konfus ist! Was hätte alles Recht der Welt, total konfus zu sein, wenn nicht eine Zauberflöten-Fortsetzung? Auch dass das titelgebende Instrument, welches die alt und bärtig und bassstimmig gewordene Königin der Nacht irgendwo im Krempelsurium findet, im Handlungsverlauf ziemlich nutzlos erscheint, ist dem Original durchaus angemessen.

Aber zweierlei ließe sich denn doch einwenden:

Erstens, dass aus den musikalischen Möglichkeiten des klassischen Nerv-Instruments Melodika hier recht wenig gemacht wird – sei es als penetranter Klangwitz, sei es als überraschende Virtuosität, wie sie z.B. die Internet-Stars Melodica Men zelebrieren:

Und zweitens, dass die vorsorgliche Zusicherung der Komischen Oper „Kenntnis von Teil 1 nicht erforderlich“ zwar nicht unwahr ist, aber eben auch nicht völlig wahr (wie mein ehrliches Söhnchen argumentieren würde). Denn dass die Gestalten auf der Bühne oder gar ihre Familien- und Liebesverhältnisse Kontur gewinnen, setzt schon etwas Zauberflöte voraus. Aber in der Tat, das revuehafte Spektakel (Inszenierung Nicole C. Weber) ist von einem Tempo und einer Turbulenz, dass es auch dann kurzweilig ist, wenn einem das Figurengeflecht einigermaßen Dickicht und Enigma bleibt, wie meinem Söhnchen. Hinter dem Vorhang mit Glitzertasten wartet eine Showtreppe auf der Drehbühne, es wird viel gehibbelt, und am Ende warten drei Prüfungen auf denjenigen, der den tattrig gewordenen König Sarastro beerben will – oder diejenige, die will: Neben dem oben angedeuteten Eisbaden müssen Tamino, Monostatos und Pamina schwitzend in der Sauna und mit dem Po auf dem Ameisenhaufen bestehen. Was auf die finnische Herkunft von Komponist und Librettist hindeutet.

Iiro Rantala sitzt selbst im Orchester am Klavier (und spielt in ein paar unscheinbaren Momenten wohl auch die Melodika), und dass er von Haus aus Herzensjazzer usw ist, hört man seiner flotten Musik an. Der Dirigent Koen Schoots, ausgewiesener Musical-Experte, trägt dazu bei, dass das Orchester der Komischen Oper phasenweise wie eine gutgelaunte Big Band tönt. Die Partitur ist swingend und beschwingt, mit Schnalzen und Snappen, und Monostatos (der Tenor Christoph Späth sehr charakteristisch) bekommt zwischendrin den Blues. Etwelche kleineren Opernverweise für den interessierten erwachsenen Begleiter hat’s dennoch, Zu Hilfe! zu Hilfe! singt hier zu Beginn der im Rollstuhl sitzende Philipp Meierhöfer als Sarastro, dem der Geist wegdämmert – das Demenzthema wird dann aber im Libretto überhaupt nicht weiterverfolgt, obwohl das auch kindgemäß ginge, wenn man wollte. Bei Papageno und Papagena geht’s ein wenig Richtung Verdi. Und Stefan Sevenich pendelt als Königin der Nacht (verlorener Schönheit von Gestalt und Stimme nachtrauernd) lustig zwischen Bass und Falsett und probiert es, statt Koloraturen, auch mal mit Brummjodeln. Also, Schwung hat das alles. Alles singt gut (Alma Sadé als Pamina, Johannes Dunz als Tamino, Sylvia Rena Ziegler als Papagena, Nikita Voronchenko besonders wohlklingend als Papageno). Besondere Freude macht wieder mal der köstliche Kinderchor, und es gibt feine Abschnitte wie Pizzicato mit Summchor. Dennoch, es gab im Haus schon musikalisch und erst recht episch-dramatisch stringentere und auch schlüssiger inszenierte Produktionen fürs junge Publikum, etwa vor einigen Jahren Pierangelo Valtinonis wunderbare Schneekönigin.

Opernpublikum, so geht’s auch

Ein Grund zur Freude ist die alljährliche Kinderoper im Komischen Haus an der Glinkastraße dennoch! Allein all die Dreikäsehochs auf den reichlich bereitgestellten Sitzpolstern für die Saalbestuhlung zu sehen, mit in der Luft baumelnden Beinchen! Dass bei der Premiere auch der Noch-Intendant Barrie Kosky da ist, spricht für sein Arbeitsethos, wie überhaupt der Aufwand der Produktion für das Ethos des ganzen Hauses, in dem Kinderopern nicht irgendeine Nebentätigkeit oder Pflichtübung sind, sondern unbedingte Hauptsache. Nach anderthalb Jahren, wo in der Pandemie-Krise an die kleinen Leute noch weniger als an die Kunst gedacht, sondern im Gegenteil alle Mühsal auf Kinder und Jugendliche abgewälzt wurde (und man sich noch immer mehr um die Gefühle starrköpfiger Impfverweigerer sorgt als um die Kleinen, die noch nicht geimpft werden können) – nach anderthalb solchen Jahren also freut man sich umso mehr, wenn die Verhältnisse hier mal wieder zurechtgerückt werden. Den jüngste*n Zuschauer*in im Saal schätzen wir auf maximal null Jahre; der oder die schläft aber fest in Mamas Arm im zweiten Rang, nachdem er/sie sich vollgetrunken hat. Alle anderen Kleinen sind wachgeblieben und jubtobeln und jauchzfreudeln steilbegeistert. Und so steht auch Papa Konzertgänger, dem persönlich hier doch musikdramatische Konzentration und ruhige Momente gefehlt haben, nicht an, souverän zu resümieren: Thumbs up!

Elf weitere Vorstellungen der „Zaubermelodika“ bis März

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