27.10.2016 – Zartbesaitet: Berliner Philharmoniker, Iván Fischer, Christiane Karg mit Enescu, Bartók, Mozart

Nach einem, wie man liest, exzellenten Beethoven mit seinem Konzerthausorchester dirigiert Iván Fischer (der soeben seinen Abschied aus Berlin angekündigt hat) bei den Berliner Philharmonikern ein originelles Programm, dessen Zusammenhang sich beim Hören enescu-la-parisaufs Wunderbarste erschließt: Enescu, Bartók, Mozart.

Das Prélude à l’unisson aus der 1. Orchestersuite von George Enescu (1903) ist ein rhythmisch freies und harmonisch kaum greifbares Streicher-Unisono. Bedeutungsträchtig cresciert schließlich die Pauke unter dem Streichergesang und diminuiert ebenso mächtig, bis die zwischen Folklore, Archaik und Avantgarde schillernde Musik im zartesten Flageolett entschwindet. Keine Spur von Sprödheit, der ungeheuer präzise Streicherklang der Philharmoniker strahlt herbe Wärme aus.

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13.4.2016 – Strömend: Ruzicka, Beethoven und Enescu beim DSO

 

Wettstreit der Berliner Orchester in der Challenge Deutschland sucht die Super-Rarität: Nachdem das Konzerthausorchester am Wochenende mit Mieczysław Weinbergs selten gespielter 5. Sinfonie vorgelegt hat, steht beim Deutschen Symphonie-Orchester unter Peter Ruzicka in der nicht eben überfüllten Philharmonie die Fünfte von George Enescu auf dem Programm: ein unvollendetes Werk von 1941, dessen Particell der rumänische Musikwissenschaftler Pascal Bentoiu orchestriert hat und das in dieser Form erstmals 1996 in Bukarest aufgeführt wurde.

Enescus Symphonie Nr. 5 D-Dur für Tenor, Frauenchor und Orchester beginnt als breiter, wunderbar melodischer Strom, der schon ewig andauern und ewig weiterfließen könnte. Der interessierte Konzertgänger weiß mittlerweile, dass der Nebenspuren der Moderne (Ruzicka) viele sind, aber Enescus Stück ist sowas von D-Dur, dass man zunächst darin zu ertrinken fürchtet. Aber es ist ein glückliches Ertrinken in einem bald abschwellenden, bald aufwogenden Strom von Schönheit, ein langer Gesang, der in dunkle Regionen führt, an den Rand des Verschwindens in die unendliche Nacht. Schließlich nimmt das Bedrohliche überhand, dräuende Posaunen, Trompeten, Tuba, Tamtam; bis Celli und Hörner den Hörer wärmen und die Celesta ihn zu den Sternen entrückt. Völlig organisch wirkt es, dass im trauermarschigen Finale dann dem Tenor Marius Vlad (der in Rumänien das italienische Fach rauf und runter singt, auch mal Lohengrin oder Tannhäuser einschiebt, überdies Generalmanager der Rumänischen Nationaloper Cluj ist) friedlich-schmerzvolle Todessehnsucht entströmt: Doar moartea glas să dea frunzişului veşted, und über mich die Linde wird ihre Blüten breiten.  Die weibliche Hälfte des RIAS Kammerchors macht dazu mystische Aahs, sicher schon 1941 ein abgelutschtes Mittel, aber die femininen Vokalisen tragen die herbe Stimme sehr schön. Auf dem Gipfel der Traurigkeit beginnt die Tenorstimme zu sprechen: als triebe die Welt davon. Man strömt danach hinaus in die Nacht.

Ein umwerfendes, nein: umhüllendes Plädoyer für George Enescu, mit dem man zwar offensichtlich die Philharmonie nur schwer füllt; aber diese Musik würde auch vor leerem Saal lohnen. Wenngleich ein voller Saal natürlich schöner wäre. Und verdient, bei solchem Orchesterglanz, für den Enescu und das glanzvoll spielende DSO gleichermaßen zu loben sind.

Vor der Enescu-Symphonie gab es zwei strömende Hörerlebnisse anderer Art: Peter Ruzicka ist nicht nur Dirigent und Intendant, sondern komponiert vor allem, wie zuletzt beim Ultraschall-Festival zu hören. ‚R.W.‘ – Übermalung für Orchester von 2012 beginnt mit einem Wachmacherakkord und spinnt sich in luxuriösen Klängen fort, bald sirrend, bald knallend, aber immer angenehm zu hören. Man freut sich auch über die kaum übermalten, sondern recht unverhüllten Parsifalzitate. Der Konzertgänger fragt sich aber, ob 1) man die absteigenden Glockenquarten, die einem schon nach jedem Parsifal (jaja, großartig) zu den Ohren rauskommen, auch noch von einer Flöte hören muss, und 2) ob es eine gute Idee ist, die kargen, reduzierten Klänge des späten Liszt (auf dessen Am Grabe Richard Wagners Ruzicka sich bezieht) derart zu entkargen und dereduzieren. Im Publikum murmelt es nach dem Stück aber ringsum: Schön… ja, wirklich schön…

In Beethovens 4. Klavierkonzert G-Dur scheint der Dirigent Ruzicka an seine Grenzen zu stoßen, der Orchesterklang ist (bei aller Klangschönheit, die das DSO immer hat) recht breit, mitunter etwas unausgewogen und nicht immer präzise im Zusammenspiel mit dem Solisten. Der allerdings klingt hervorragend: Herbert Schuch (gebürtiger Banater Schwabe, was das Konzert eigenartig abrundet) ist ein Pianist der leisen, aber sehr deutlichen Töne, dem das langsame Tempo entgegenkommt. Das eröffnende piano dolce könnte man sich sinnierender nicht wünschen. Im Andante wird die Breite des Orchesters zur Tugend, aus dem Gegensatz zwischen einstimmigen Streichern und beschwörend gläsernem Klavierton entsteht größtmögliche Spannung. Spätestens die Zugabe, die Sarabande aus Bachs 3. Englischer Suite, von Schuch versunken, ja andächtig gespielt und mit ihren fast gotischen Bizarrerien faszinierend fremdartig, weckt den Wunsch, diesen interessanten Pianisten mit einem Solorezital zu erleben. Da muss der Berliner einmal Braunschweig und Gauting an der Würm beneiden.

Nachtrag: Aber nur bis zum 29. April 2017, dann gibt Schuch einen Klavierabend im Konzerthaus Berlin.

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12. Juni 2015 – Glühend: Bartók, Schulhoff, Korngold und Enescu bei Spectrum Concerts

Es sollten mehr Oktette gespielt werden, findet der Konzertgänger. Oder auch Septette, Sextette, Nonette. Wenn er große Symphonien hören will, hat er in Berlin jeden Tag die Qual der Wahl; wenn es um anspruchsvolle Kammermusik in gemischten Besetzungen geht, sieht das schon anders aus. Geradezu waghalsig ist ein Programm ohne prominentes Zugpferd wie Beethoven-Septett oder Schubert-Oktett: Beim Spectrum Concert sind 80 Minuten Sextett- und Oktett-Musik eines 17- und eines 19jährigen Komponisten aus der Zeit kurz nach 1900 angekündigt – das klingt nach einer Geduldsprobe. Trotzdem geht der Konzertgänger hin; die Karten für das Konzert zum Richtfest des Stadtschlosses hat er der Kindergärtnerin seiner Tochter geschenkt.

Und siehe da, es wird keine Strapaze; ein langer Abend zwar, jedoch glückliche Überstunden.

Denn erstmal gibt es zwei markante Werke in kleinerer Besetzung: Béla Bartóks Kontraste für Klarinette, Violine und Klavier von 1938 entstanden im Auftrag von Benny Goodman, aber Jazz und Swing muss man darin mit der Lupe suchen. Auch von ungarischer oder südosteuropäischer Bauernfolklore kann nur in einem äußerst abstrakten Sinn die Rede sein. Das mittlere Stück mit dem Titel Pihenö (Ruhe) ist eine Art Nachtmusik, in der aus fast schematischem Aufbau (konsequente Gegenbewegung von Klarinette und Geige) mysteriöse Sphärenklänge entstehen. Die schnellen Rahmensätze sind sehr künstliche Volkstänze, der Verbunkos mit einem Klarinettensolo, der Sebes mit virtuosem Schrammelsolo für die Geige, die zunächst sogar auf einem „verstimmten“ Zweitinstrument spielen muss. Das Klavier steuert einige tolle Glissandi bei (mit denen der Sohn des Konzertgängers sich gerade im Klavierunterricht plagt), bis eine feurige Coda mit famosem Wetthupen das Stück krönt.

Auch die 5 Études de Jazz für Klavier des im KZ Wülzburg zu Tode gekommenen Erwin Schulhoff von 1926 wird man kaum als Jazzstücke bezeichnen können, als Etüden durchaus: ein atonaler Charleston, ein Blues wie von Eric Satie nach einer Memphis-Reise, ein Chanson, der doch nach etwas klimprigem Bar-Piano klingt, ein steifer Maschinen-Tango, schließlich eine beeindruckende Toccata sur le Shimmy ‚Kitten on the Keys‘ – vor Energie platzende Klaviermusik eines aus der Musikgeschichte Eliminierten, für dessen Wiederentdeckung sich Spectrum Concerts seit langem einsetzen, im nächsten Jahr mit einem reinen Schulhoff-Abend (3. Januar 2016).

Nach diesen beiden kantigen Werken wirkt das Streichsextett D-Dur op. 10, das Erich Wolfgang Korngold 1914 im Alter von 17 Jahren zu komponieren begann, geradezu plüschig. Auch in seinen dramatischen Phasen badet es in höchstem Wohlklang, es gibt tremolierende Verzückungen, schwere Leidensseufzer im zweiten Satz entschweben immer wieder in verklärte Regionen. Sehr hübsch der dritte Satz, ein zerpflücktes Tänzchen voll schöner Ideen, die aber doch mehr aneinandergeklebt als ausgeführt sind; wie das ganze Werk recht kleinteilig wirkt.

Featured imageDagegen hatte der Rumäne George Enescu schon als 19jähriger das Geheimnis des großen Bogens raus. Sein Streichoktett C-Dur op. 7 wirkt auch additiv, aber in meisterlichen Übergängen fließt doch eins ins andere, so dass der Hörer sich vom ersten Takt an begeistert mittreiben lässt. Der erste Satz präsentiert auf einem durchgehenden Bass-Grundschlag gefühlte 25 Themen, so dass die wohl irgendwie heraus-analysierbare Sonatenform sich von vornherein erledigt. Das erste Thema ist allerdings ein Ohrwurm, der an allen Schnittstellen wiederkehrt. Von der brahms’schen Unisono-Wucht des Beginns aus durchwandert die Musik die verschiedensten Klang- und Gefühlslandschaften. Der zweite Satz Très fougeux ist ein wahres Feuerwerk, im Lentement singen Violinen und Bratschen, schließlich das Cello im Wechsel. Das Finale ist ein überraschend komplex gebauter Walzer mit nie erlahmendem Stimmengeflecht. Man wartet die ganze Zeit darauf, dass das Stück mal einen Hänger hat; aber der Sog hält eine Dreiviertelstunde lang an. Geniestreich ist ein zu kleines Wort für dieses Feuerwerk, ein unbekanntes Meisterwerk aus dem Jahr 1900.

Die Aufzeichnung dieses Konzerts wird am Sonntag, 14.6. um 20:03 Uhr auf Deutschlandradio Kultur gesendet.

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