Wellentauchend: Tetzlaffs & Co im Konzerthaus

Brahms der Vorbildliche (so Alfred Schönburg in einem vergessnen Aufsatz anno 1399) ist gerade der Richtige für dieses Programm: 20 Jahre lang, in denen ihm ein riesiger Bart wuchs, bosselte Meister Johannes an seinem 3. Klavierquartett, das in c-Moll steht wie die ebenfalls Mitte der 1870er fertiggestellte erste Sinfonie. Beide sind Ziel eines langen, langen Wegs und zugleich Beginn eines neuen, ins Offene. Und wir? Die Veranstaltung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt gehört zum Berliner Pilotprojekt Perspektive Kultur, das standesgemäß mit den Philharmonikern begann und im Weiteren auch schon wieder unter die Räder kommt: Die Ostersonntagsvorstellung an der Deutschen Oper wird ausfallen. Das Wort Perspektive löst derzeit bei vielen Menschen kaum mehr als Skepsis und Trübsinn aus, und die Frage ist, ob wir auf der dritten oder Dauerwelle der Pandemie irgendwann reiten können oder nur noch untendurch zu tauchen versuchen.

Mit gemischten Gefühlen also ins Konzerthaus, dritter Stock: Kleiner Saal. Frisch getestet, dicht maskiert, auf dem vorgegebenen Hygiene-Pfad (zu den Parkettplätzen führen die roten Spuren) leuchtet uns eins jener immortalen Konzerthaus-Innenausstattungs-Wandgemählde entgegen, auf dem Familie Kunst der Schlange Corona kühn die Stürn bietet. Selbstzweifel: Ist das, was wir uns hier herausnehmen, sowas wie die Malle-Sause des Bildungsbürgers? Oder ein unabdingbares Lebenszeichen, ein Atemversuch des gemeinsamen Geistigen, das gerade zu ersticken droht? Einen sichereren Ort als hier gebe es wohl heute Abend in Berlin nicht, sagt der Intendant Nordmann zur Begrüßung. Nur sehr wenige Einzelplätze sind unter den dominierenden Doppelplätzen vorgesehen, die Verpaarung der Welt schreitet voran, auch wenn rundherum alles zusammenbricht, vielleicht ist gerade das die höchste Steigerung der menschlichen Vereinzelung. Meine Frau erzählt von einer Twitter-Lesefrucht: Die FFP2-Masken sollten alle gelb sein, dann sähen sie wenigstens wie Entenschnäbel aus, und die Welt würde donaldisiert. (Der gute Donald! Der böse ist schon vergessen.)

Familie Kunst trotzt der Schlange Corona

Brahms‘ c-Moll-Klavierquartett ist ein gewaltiges Werk. Die kraftvolle, aber nie -meiernde Kiveli Dörken sitzt am Steinway, Elisabeth Kufferaths Bratsche bildet die Streichermitte zwischen den bewährten Tetzlaff-Geschwistern: Tanja Cello, Christian Geige. Bei der vollen Dröhnung des eröffnenden Allegro non troppo (Brahms-Klavierquartette: Orchester hassen diesen Trick) erinnert einen die Seufzerschwärze sogar an Tschaikowsky, und es ist eine Gefühlswelle ganz anderer Art, die einen da derart überflutet, dass man manchmal durchtauchen muss, um zu überleben. Und wie bewundernswert die Könnenswelle des Finales, der Meisterbrahms einer viel späteren Ära! Dazwischen das unerbittliche Scherzo und jenes wunderschöne Andante mit seinem betörenden Thema: einer dieser Sätze, der intelligente und sinnliche junge Menschen geradezu zwingen muss, Cello lernen zu wollen.

Quartett-Musizieren in Zeiten der Pandemie

Die ganze Welt in einer guten halben Stunde in diesem Werk. Ein Kosmos von allen Schattierungen der Seele auch zuvor in Mozarts Streichtrio Es-Dur KV 563, das sich in bemerkenswerter Tiefstapelei Divertimento nennt. Im Vergleich zum vollkommenen Brahms klingt diese Darbietung einen Tucken ruckelnder; aber gerade für das Schwierige, Knarzenlassende, Lebendige schätzt ja der Kammermusikfreund den Kleinen Saal des Konzerthauses mehr als den Kammermusiksaal der Philharmonie (den der Primario eines Streichquartetts mal im Privatgespräch einen Raum für Weicheier nannte). Witzig, dramatisch, auch sentimental ist dieses sechssätzige Trio, herzzerreißend im Andante, mit plötzlichem Umschlag ins Vertrübte im Andantino und ungemein lebensschenkenden Komm lieber Mai-Anklängen im letzten Satz.

Ach, alles ist da, Augen und Seele des Hörers befeuchten sich, für ein solches Konzert schenke ich hunderttausend zermürbende Streamings daher.

Auch oder gerade weil man angesichts der verheerenden Entwicklung Zweifel haben muss, ob sich so etwas in absehbarer Zeit wiederholen lässt. Dennoch: Niemals den Glauben ans Auftauchen verlieren.

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2 Gedanken zu „Wellentauchend: Tetzlaffs & Co im Konzerthaus

  1. Der bildungsbürgerliche Witz „Brahms der Vorbildliche (so Alfred Schönburg in einem vergessnen Aufsatz anno 1399)“ bezieht sich auf Arnold Schoenbergs Aufsatz „Brahms the Progressive“ (Brahms der Fortschrittliche).

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