Dreihirnherzig: Andreas Staier spielt Mozart, Haydn, Beethoven

Beethoven empfängt Mozart’s Hirn aus Hayden’s Händen. Rechts Gräfin Waldstein

Beethoven-Sonaten kann man sein ganzes Leben lang immer neu kennenlernen, aber zwei Kennenlernen sind einschneidend: das allererste natürlich, meist auf einem handelsüblichen Steinway. Und dann das erste Mal auf einem historischen Klavier. Da hört man plötzlich ein ganz neues Werk.

Der Pianist Andreas Staier spielt bei seinem Rezital im Pierre-Boulez-Saal Ludovico van Beethovens Sonate d-Moll op 31, 2 von 1802 auf dem Nachbau eines Alois-Graff-Flügels von etwa 1830 aus Wien. Das ist die Sonate, die nach einem vom Ober-Apokryph Schindler kolportierten kryptischen Hinweis auf Shakespeare geradezu apokryptisch Der Sturm genannt wird.Und da scheint schon das erste Arpeggio wie aus einem Nebelnichts zu entstehen und das ganze Werk aus einem Nichtsnebel. Die fünf Zauberpedale des Graffs machen’s, die die Klangfarben registerwechslig verschieben. Und im allgemeinen dieser unausgeglichene, holzige Sound – im positiven Sinn! Den Beginn der Durchführung und erst recht ihr Ende, die geheimnisvoll stehenbleibenden Nirgendwo-Klänge, meint man auf so einem Instrument überhaupt erst zu begreifen. Oder die hier viel physischer empfundenen Steigerungen im Adagio und die Eruptionen und Zurücknahmen des Rondo-Finales.

Andreas Staier ist kein Klavierspieler, der sein Publikum mit Gelahrtheit bestaubt, sondern er bestäubt es mit Schwung und Ausdruckskraft.

Sein Programm widmet sich ganz dem sogenannten Dreigestirn der sogenannten Wiener Klassik, das man auch Dreigehirn und Dreigeherz nennen könnte. Und ihren drei pianistischen Hauptformen: Neben Sonate sind das Variation und Fantasie. Etwas fantastisch Improvisierendes steckt ja auch im Kopfsatz der d-Moll-Sonate.

Von Beethoven gibts noch die schönen 6 Variationen F-Dur op 34, außerdem und vor allem aber Fantastisches von Mozart und Haydn.

Volfango Amadeo Mozarts c-Moll-Fantasie KV 475 spielt Staier hochexpressiv und mit enormer Rubatobereitschaft. Auch hier wirken die verzückenden Registerwechsel durchs Zauberpedal strukturbildend, ein wie improvisiertes Traumstück, völlig losgelöst von der Erde der strengen Form mit ihrem Taktgrenzschutz, bald nocturnös, bald appassioniert.

Giuseppe Haydns Sonate Es-Dur Hob. XVI:49 schließt sich nicht nur tonartlich passend an. Das Adagio ist von haydn-ungeahnt emotionaler Tiefe, das Finale voller ungeahnter abrupter Klangfarbenwechsel. Ziemlich genau in der Mitte des Programms aber Haydns Andante mit Variationen f-Moll Hob. XVII:6 von 1793, dieses immer wieder unfassbare Stück mit einer betörenden Beimischung Schubertherz. Staier geht es rhythmisch pointiert an, dass einem immer wieder das Knie zuckt. Aber mehr noch das Herz.

Der Pierre-Boulez-Saal ist eine Bereicherung des teils prekären klavieristischen Lebens in Berlin. Hier bekommt man einige erstrangige Pianisten zu Gehör, die im allzu großen Kammermusiksaal allzu selten bis allzu gar nicht zu hören sind. Die offenen Klaviere im Boulezsaal sind klanglich immer etwas zwiespältig, aber im Kreisverhörsaal ist das halt fair: In jede Richtung geht ein bisschen verloren. Daran hat sich der Boulezsaalbesucher mittlerweile gewöhnt. Für den Konzertgänger ist dieses Herbst-Rezital von Staier neben dem Anderszweski-Konzert im Frühling die beste und beseelteste Klaviermusik, die er bisher im Boulezsaal erlebt hat.

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