Vogelerdig: NABU führt durch den Tiergarten, Jurowski durchs „Lied von der Erde“

Das Lied von der Erde singen in der Sonntagabenddämmerung erstmal die Vögel im Tiergarten. Denn vor dem Konzert mit Schubert und Mahler bietet der altehrwürdige Naturschutzbund NABU einen vogelkundlichen Spaziergang in der Nähe der Philharmonie an – als Kooperationspartner des Rundfunk-Sinfonieorchesters, dessen aktuelle Saison Chefdirigent Vladimir Jurowski unter das Motto Der Mensch und sein Lebensraum gestellt hat.

Der Herbst ist im Konzertbetrieb beginnende Hauptsaison, im Vogelbetrieb Gesangsnebensaison. Trotzdem gibts einiges zu hören, zu sehen, zu lernen auf dieser gerade richtig dosierten Öko-Tour. Die Kampfgesänge der Rotkehlchen in der Nähe der Luiseninsel, die bis über 100 Dezibel laut werden können. Oder die fernen Zugrufe der Drosseln auf dem Weg in die Winterquartiere. Unter einem Rhododendron an schwarzem Gewässer betten sich die Mandarin-Enten zur Ruhe. Und was unhörbar ist, wird hörbar gemacht: Ein Bat-Detektor zieht die Jagdrufe der Zwergfledermäuse, die über den Köpfen der Wanderer die Stechmücken vertilgen, vom Ultra- in den Diesseits-Schall.

Weitere vorkonzertliche NABU-Touren gibts im April, Mai und Juni; diese hier war frühzeitig ausgebucht.

Im Großen Saal der Philharmonie ist Vladimir Jurowski der Schubert- und Mahler-Detektor, der Unhörbares hörbar macht. Fast könnte man ihn auch für eine Fledermaus halten, wie er da schwarzhaarig und schwarzgewandet hereinflattert. (Über das Studentische und Mönchische in Jurowskis Wesen sinniert dieses jüngst erschienene Dirigentenporträt eines dubiosen Porträtschreibers, das freilich einen gravierenden ornithologischen Fehler enthält und zu wenig auf die intellektuelle Anmut von Jurowskis Händen beim Dirigieren eingeht. Man sollte einmal einen Musikfilm drehen, der seinen Blick nur auf Jurowskis Hände richtet.)

Die Bühne ist bei Franz Schuberts 4. Sinfonie c-Moll D 417 schon für Mahler bestuhlt und vergerätet, samt Harfen, Celesta  und Schlagwerk inklusive Tamtam. Macht schön anschaulich, wie Schubert in Mahler drinsteckt. Nach der Adagio-Einleitung heben die Geigen luftig ab wie beschwingte Zugvögel – bei aller tonartlichen Tragik. Das Stück hat trotz ebendieses Beinamens Tragische tänzerische Leichtigkeit, die Aufführung ist wohlproportioniert und akkurat durchgestaffelt; allein die Celli in der Durchführung des ersten Satzes lassen das Herz höher hüpfen. Jurowski dirigiert mit bohrender Eleganz. Das Menuetto klingt wie von der Tarantel(la) gestochen und vom Roten Amerikanischen Sumpfkrebs (denn auch um den gings beim NABU-Gang) in die Wade gezwickt. Wie abstrus es ist, dem unter 20jährigen Schubert „vorzuwerfen“, dass seine frühen Werke wie Haydn, Mozart, Rossini klängen, darauf weist Steffen Georgi im gewohnt originellen Einführungstext im Programmheft hin: Dies ist keine Schande.

Die Aufführung von Gustav Mahlers Das Lied von der Erde ist mustergültig, das heißt mark-, herz- und welterschütternd. Der Tenor Robert Dean Smith ersetzt kurzfristig Torsten Kerl und ist alles andere als ein Notnagel, eher im Gegenteil. Freilich ist Jurowski mit seinem Orchester dabei sehr hilfreich. Das Trinklied vom Jammer der Erde ist sonst manchmal ein Ertrinklied vom Jammer des Sängers, weil das Orchester wie ein Schwall über ihn kommt. Hier aber wird die präzise gestaltende Stimme vom Orchester höchstens wie von scharfen Messern präzise zerschnitten: Ein wirkliches Psychodrama meint man zu hören, von klanglicher Zerrissenheit bis zum Extrem. Die Schönheit des Kehrverses leuchtet um so finstersüßer: Dunkel ist das Leben, ist der Tod. Das letzte Wort erscheint derart gedehnt, dass es schon den Bogen zu den finalen Ewig-Seufzern des Abschieds spannt. Die getriebene Freude aber, die Smith im Lied Von der Jugend vorführt, ist ebenso berührend wie die komisch bis herzzerreißend beiseitegewischten Vögel im Trunkenen im Frühling.

Heiliger Bezirk, den man mit einem dunklen Urschlag betritt: der Abschied. Beim RSB ist, wie das ganze Lied von der Erde, auch dieser letzte und höchste Satz frei von jeder sedierenden Schwermut, stattdessen aufgewühlt bis an den Rand des Erträglichen. Jedes Detail klingt genau und aufregend. Nägel schlagen scharf auf Harfensaiten, der ganze Satz ist voller Klangfarben von äußerster Fremdartigkeit. Aus welcher Erde kommen die? Dabei brillieren die Solisten, allen voran die Oboe (Clara Dent-Bogányi) und die Flöte (Silke Uhlig).

Als mitten im Abschied eine Geigerin vom Stuhl fällt und die Aufführung unterbrochen werden muss, ist man schockiert und herausgerissen – und wundert sich zugleich, dass das nicht öfter geschieht, bei einer so großartigen Aufführung zumal. Man wär ja selbst fast vom Stuhl gestürzt, als bestürzter Hörer dieses Abschieds.

Nachdem die Geigerin aus dem Saal gebracht wurde (nach dem Konzert wird bekanntgegeben, dass sie einen Schwächeanfall hatte und es ihr wieder gutgeht), übertreffen das Orchester und die Altistin Sarah Connolly sich selbst, indem sie die erreichte Intensität fast ansatzlos  wiederaufnehmen. Connolly hat sich zuvor schon als eine beglückende Besetzung erwiesen: wie sie etwa die feinen Blüten ihres Alts im Einsamen im Herbst im Wort ausgestreut mit feinem Jadestaub behaucht und uns bereits in Von der Schönheit zu Tränen rührt. Aber den Höhepunkt ihrer Kunst scheint Connolly eben in dem Vers zu erreichen, dessen Zittern auf engsten Tonraum bei ihr bis dicht ans Zerreißen führt: Er stieg vom Pferd und reichte ihm den Trunk / Des Abschieds dar. 

Und kurz danach zerreißt die Aufführung ja tatsächlich. Die Gestaltung dieses Verses ist unwiederholbar, als Connolly ihn zum zweiten Mal singt. Aber das musikalische Niveau ist sofort wieder da, Orchester und Sängerin überbrücken den Abgrund. Und als Hörer ist man fast erleichtert, den ergreifenden Schluss nun mit gewisser Distanz zu hören. Sonst könnte man für nichts zu garantieren.

Sie möchte das Lied von der Erde nur noch auf diesem Niveau hören, sagt die Frau des Konzertgängers auf der Heimradfahrt durch den nächtlichen Tiergarten mit seinen Schatten, die voll Kühlung sind, umflort von den unhörbaren Stimmen der Zwergfledermäuse. Die Vögel hocken still in ihren Zweigen.

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3 Gedanken zu „Vogelerdig: NABU führt durch den Tiergarten, Jurowski durchs „Lied von der Erde“

  1. Herr Selge, Sie treffen mal wieder den Nagel auf den Kopf. Ich konnte die Aufführung nur live im Radio verfolgen, aber selbst durch den Äther vermittelte sich die konzentrierte Brillanz von Orchester und Dirigent. Auch Robert Dean Smith hat mir sehr gut gefallen – und vor allem die Connolly! Gänsehaut am Radio, wann hat man das schon.
    Nach Ende der Live-Übertragung von Dtl.radio Kultur konnte man übrigens auf Kulturradio umschalten, wo ebenfalls das Lied von der Erde in einer Aufnahme der Philharmoniker gespielt wurde, ich glaube unter Haitink. Den Altpart sang dort Gerhaher. Auch so ein Gott …

      • Ja, man hörte die Unterbrechung im Radio und es war ziemlich unheimlich. Denn erst war nur ein Rums zu hören und dann nichts. Kriegt man gleich einen Schreck und denkt heutzutage leider gleich an ein Attentat. Dann schaltete sich der Moderator ein und erklärte kurz, was passiert ist und dass noch nicht klar sei, ob Jurowski wieder ansetzen wird. Dann ging es aber auch schon wieder weiter.

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