Fernkammernd: Tetzlaff Quartett spielt Mozart, Berg, Schubert

Lange, allzu lange nicht bei Christian Tetzlaff gewesen … der trägt ja jetzt einen Zopf! Und der kann ihm nicht erst gestern gewachsen sein. Aber keine Spur von Verzopftheit, wenn das Tetzlaff Quartett im Kammermusiksaal Mozart spielt: das dritte der, aufgrund Vorbild und Widmung, sogenannten Haydn-Quartette, Streichquartett Es-Dur KV 428.

Notwendige Abschweifung:

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Cherubisch: Wiederaufnahme „Le Nozze di Figaro“ an der Staatsoper

Engel-Alarm an der Staatsoper Berlin! Die Hochzeit des Cherubino, könnte man diese jetzt wiederaufgenommenen Nozze di Figaro auch nennen, für die schon der Titel Cherub1Le Nozze di Susanna vorgeschlagen wurde. Denn erstens sind diese Mozart-Menschen doch alle Cherubini, himmelsferne Himmelswesen, mit ihrem unstillbaren Verlangen nach Lust und Liebe. Und zweitens sprengt die französische Mezzosopranistin Marianne Crebassa als Cherubino nicht nur die Grenzen ihrer Rolle, sondern die ganze Bühne: eine große Stimme, die man sich auch in ganz anderen Rollen vorstellen kann, zugleich frisch, fast kindlich, dramatisch, frivol, verzweifelt, unverschämt. Und darstellerisch ein konditionsstarkes, hochkoordiniertes Zappelwunder. Wenn Cherubino als Mädchen verkleidet ihren Blumenstrauss schwingt wie Thor den Mjolnir-Hammer, wackelt der Saal vor Lachen. Wenn Crebassa deklamiert Oh, vedo qui una donna!, schlackert das Ohr vor Freude.

Der Sohn des Konzertgängers war vorher schon Cherubino-Fan und ist es hinterher noch mehr. Non so più cosa son, cosa faccio auf der ganzen nächtlichen Heimfahrt mit dem Rad entlang der Spree. Weiterlesen

Sorgfältig: Grigory Sokolov spielt Mozart, Beethoven und 6 Zugaben

Man solls ja nicht übertreiben mit den religiösen Metaphern, aber hat Grigory Sokolovs alljährliches Rezital nicht etwas Epiphanisches oder Österliches? Wen sein Mozart nicht Hammershoientrückt, den verklärt sein Beethoven. Dabei tut Grigory Lipmanowitsch gar nichts Weihevolles oder Hohepriesterliches, sondern tapst (rechte Hand frei schwingend wie die Frackschöße, linke Hand auf dem Rücken) aufs Podium der Philharmonie und spielt dort Klavier.

Das allerdings besonders sorgfältig.

Darum ist es auch so schummrig: nicht von wegen Erhabenheit und Zeremonie, sondern damit Grigory Lipmanowitsch besser spielen und wir besser zuhören können. Wir versuchen ihn in diesem Jahr übler denn je zu stören, hustend, niesend, mehrmals zur Unzeit reinklatschend und überhaupt mit frenetischem Jubel, der ans Peinliche grenzt. Aber Grigory Lipmanowitsch lässt sich nichts anmerken, unklar, ob er überhaupt weiß, dass wir da sind. In welcher Stadt er sich befindet. Er hat ja auch Besseres zu tun. Er spielt Klavier. Weiterlesen

Schutzengelhaft: Vladimir Jurowski beim RSB mit Arvo Pärt und Mozarts Requiem

Zukunftsdurstiges Maestro-Halali: Zwei Tage nach dem Chefdirigenten in spe der Berliner Philharmoniker Kirill Petrenko gibt sich im Konzerthaus Vladimir Jurowski die Ehre, der das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB) in die Nach-Marek-Janowski-Ära führen wird. Beide unter anderem mit Mozart, was nach Peter Uehling im Zeitalter des historischen Musizierens für ein klassisches Symphonieorchester von erheblicher Risikobereitschaft zeuge. Während Petrenko die Haffner-Sinfonie zerlegte und dramatisch durchglühte, drückt Jurowski seinen Bläsern tollkühn alte Instrumente in die Hände:

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Glühend: Kirill Petrenko bei den Berliner Philharmonikern mit Mozart, John Adams, Tschaikowsky

Keine Hysterie am zweiten Tag, gut so. Nach den Berichten über Kirill Petrenkos erstes Icon_03027_Vhod_Gospoden_v_IerusalimKonzert seit seiner Wahl zum künftigen Chefdirigenten stand auch bei seinem Auftritt am Folgetag überkandidelte Euphorie zu befürchten wie bei einem SPD-Parteitag. Als bräuchten die Berliner Philharmoniker einen Erlöser! Aber zum Glück keine Klatsch-Ekstase vor dem ersten Ton, nur wohlwollender Applaus zur Begrüßung. Und am Ende gibt es zwar standing ovations, aber ohne dass Klatsch- und Bravo-Vordrängler die schreiende Stille nach dem Ersterben des letzten Pathétique-Tons zerstörten.

Bewies Petrenko im vergangenen Herbst mit dem Bayrischen Staatsorchester, dass er auch einem ätzenden Werk wie Strauss‘ Domestica Magie einzuhauchen vermag, ist sein Philharmoniker-Programm merkwürdig genug: Mozart, John Adams, Tschaikowsky. Worin besteht der Zusammenhang? Etwa in der klassikfernen Fünfzahl – bei Tschaikowsky der „Walzer“ im 5/4-Takt, in Mozarts Haffner-Sinfonie das irritierend fünftaktige erste Motto?

Was auf dem Papier beliebig scheint, erschließt sich dem Ohr.  Weiterlesen

13.3.2017 – Funeral-explosiv: MusicAeterna, Currentzis, Kopatchinskaja spielen Mozart & Beethoven

The_Funeral_of_Shelley_by_Louis_Edouard_FournierExplosivste Begräbnisparty seit langem! Denn zum Gastspiel im Konzerthaus erscheinen die Herren der Permer Wundertruppe MusicAeterna im Funeral Look (schwarzer Anzug, schwarze Krawatte). Die Damen ebenfalls in Schwarz, aber einige sowas von schulterfrei; besonders der Anblick einer rothaarigen Bratschistin stellt die Konzentrationsfähigkeit des Konzertgängers auf eine harte Probe, aber eher wird die Mondsichel auf die Erde fallen, als dass er sich über zu leichtbekleidete Frauen beklagt.

Den Dirigenten und Oberzampano Teodor Currentzis, der mit zurückgegelter Geniemähne erscheint, hat unser klügster Musikkritiker Jan Brachmann zwar vor ein paar Monaten zum Scharlatan erklärt, zu einem Magier der Leere. Weiterlesen

5.3.2017 – Hellwach: Barenboim & Co eröffnen den Pierre-Boulez-Saal

kand-3Sind die eigentlich alle ausgeschlafen? Am Sonntag um 11 Uhr gibt es das Konzert zur Eröffnung des neuen Pierre-Boulez-Saals zum zweiten Mal, keine zwölf Stunden nach dem Ende des ersten am Samstagabend. Und man wird ja wohl kaum direkt danach zu Bett gegangen sein.

Daniel Barenboim insonderheit traut man es zu, dass er neben der verdienten Feier gleich wieder etwas gefundraist hat für einen neuen noblen Zweck. So wie er es zugunsten der Barenboim-Said-Akademie getan hat, in der schon seit einem halben Jahr Stipendiaten aus Israel und arabischen Ländern miteinander studieren, kommunizieren, musizieren. Den neuen Konzertsaal gab’s obendrauf, mit dankenswerter Gratis-Unterstützung des Architekten Frank Gehry und des Akustik-Gurus Yasuhisa Toyota. Weiterlesen

12.2.2017 – Nordfeurig: Konzerthausorchester, Schønwandt, Ibramigova, Mönkemeyer spielen Mozart, Sibelius, Niels Gade

Niels Gade? Von dem kennt man doch nur das Nordische Lied. Und das ist von Schumann. Als Gruß an G, in Form des G-A-D-E-Motivs:

Dass Gade (1817-1890), Vater der dänischen Romantik, kaum gespielt wird, versteht man um so weniger, wenn er doch mal gespielt wird. Allein dafür gebührt dem Konzerthausorchester der Goldene Lorbeer – oder das Goldene Smørrebrød. Weiterlesen

3.2.2017 – Konzeptspektakulär: Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ an der Komischen Oper

Nichts ist so schlüssig wie ein Fragment. Zumindest wenn’s um romantische Kunst geht. Barrie Koskys Konzeptspektakel von Jacques Offenbachs Opus magnum-ultimum-infinitum Les Contes d’Hoffmann, jetzt als Wiederaufnahme an der Komischen Oper, ist im besten Sinne romantisch.

hoffmann-trinktEin abgehalfterter Säufer inmitten eines Ozeans von leeren Flaschen. Schon dieses erste, überwältigende Bild macht deutlich, dass Offenbachs fantastischer Bilderbogen hier das Hardcore-Kopfkino eines Schädels im Delirium tremens ist. Da ist noch kein Ton erklungen. Und dann kommt erstmal … Mozart! Denn in Offenbachs Opérette grotesque (so Kosky) ist hier E.T.A. Hoffmanns Erzählung Don Juan eingewoben. Oder umgekehrt: die Oper(ette) in die Don Juan-Erzählung eingewoben.

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29.1. 2017 – Exklusiv-Interview: Die Tochter des Konzertgängers über „Die Zauberflöte“ in der Komischen Oper

Auftakt zu einem kleinen Schwerpunkt Komische Oper in den nächsten vier Wochen. Die Wiederaufnahme von Les Contes d’Hoffmann (3.2.), die Neuproduktion Petruschka / L’Enfant et les Sortilèges (8.2.) und die Kinderoper Schneewittchen und die 77 Zwerge (26.2.) werden folgen.

quaglioZum Auftakt der Bestseller schlechthin der letzten Jahre, Suzannes Andrades und Barrie Koskys stets ausverkaufte Inszenierung der Zauberflöte à la 1927.

Gemeinsam mit der Tochter, sieben, die es nicht mag, wenn man ihr widerspricht. Darum statt einer Kritik ein Interview. Exklusiv, denn die Tochter spricht nicht mit jedem. Und sie hat nicht viel Zeit … Weiterlesen

27.11.2016 – Gottsuchend: René Jacobs, Freiburger Barockorchester, RIAS Kammerchor spielen Mozart und Haydn

el_greco_-_a_boy_blowing_on_an_ember_to_light_a_candle_soplon_-_wga10422Ja, ist denn heut schon Ostern? Das ist mal ein Adventsprogramm, mit dem das Freiburger Barockorchester und der RIAS Kammerchor unter René Jacobs im ausverkauften Kammermusiksaal gastieren: durch den Tod ins Leben. Erst das Mozart-Requiem, dann Haydns vor Freude sprühende Harmoniemesse.

Die Kombination ist nicht nur klanglich interessant (aufgrund ihrer stilistischen Gegensätze), man könnte sie zugleich religiös musikalisch nennen. Vor einem Jahr, ebenfalls in der Adventszeit, baute das DSO mit Manfred Honeck um Mozarts Requiem ein Programm, das den Hörer durch Überwältigung Gott finden ließ. René Jacobs dagegen sagt: Gott zu suchen ist wichtiger als Gott zu finden, weil er ungreifbar bleibt.

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19./20.11.2016 – Fragezeichnend: Roger Norrington und DSO spielen Vaughan Williams, Mozart, Beethoven

Zweimal dreimal acht: Das Deutsche Symphonie-Orchester spielt am Samstag und Sonntag die achten Symphonien von Mozart, Vaughan Williams und Beethoven. Und weil Roger Norrington dirigiert, ist der Konzertgänger an beiden Abenden in der Philharmonie, einmal in Block A, wo es mehr knallt, einmal in Block D, wo man ausgewogener hört.

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27.10.2016 – Zartbesaitet: Berliner Philharmoniker, Iván Fischer, Christiane Karg mit Enescu, Bartók, Mozart

Nach einem, wie man liest, exzellenten Beethoven mit seinem Konzerthausorchester dirigiert Iván Fischer (der soeben seinen Abschied aus Berlin angekündigt hat) bei den Berliner Philharmonikern ein originelles Programm, dessen Zusammenhang sich beim Hören enescu-la-parisaufs Wunderbarste erschließt: Enescu, Bartók, Mozart.

Das Prélude à l’unisson aus der 1. Orchestersuite von George Enescu (1903) ist ein rhythmisch freies und harmonisch kaum greifbares Streicher-Unisono. Bedeutungsträchtig cresciert schließlich die Pauke unter dem Streichergesang und diminuiert ebenso mächtig, bis die zwischen Folklore, Archaik und Avantgarde schillernde Musik im zartesten Flageolett entschwindet. Keine Spur von Sprödheit, der ungeheuer präzise Streicherklang der Philharmoniker strahlt herbe Wärme aus.

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28.9.2016 – Mesmerisierend: „Così fan tutte“ an der Deutschen Oper

M0006352 "Le Baquet de Mesmer"So schlimm wie von einigen Kritikern geschrieben (etwa im Tagesspiegel) findet der Konzertgänger die neue Così fan tutte an der Deutschen Oper Berlin nicht. Zugegeben, dass  die Inszenierung von Robert Borgmann eine Menge Nerv-Ingredienzen aus dem Regie-Orkus enthält, vorneweg Theater-im-Theater-Reflexionen: Wenn die Statisterie als Publikum auf der Bühne sitzt, packt den Konzertgänger heftiger Schnarchreiz, bevor nur der erste Ton erklungen ist. Dito bei angehendem Licht im Saal. Auftritt der Sänger inmitten des Publikums. Regieassistentin stapft auf die Bühne, um einer verkleideten Sängerin das Kleid zu wechseln.

Aber was sind das für Kostüme, in die Michael Sontag die Sänger kleidet! Weiterlesen

23.9.2016 – Kühn, wortlos: „Sturm und Drang“ mit Freiburger Barockorchester und Kristian Bezuidenhout

haydnportraitIn diesem Konzert weiß man nie, wann man sich schnäuzen kann: Im Finale von Joseph Haydns 47. Sinfonie wagt man es ebensowenig wie in C.P.E. Bachs Concerto d-Moll, zu abrupt folgen auf heftigste Bewegung plötzliche Pausen und überraschende Pianissimi. So hält der Nachbar des Konzertgängers minutenlang sein Taschentuch vor die Nase und traut sich doch nie, es zu benutzen, aus allzu berechtigter Sorge, in eine unerwartete Stille zu tröten. (Bei Mahler weiß man immer, wann man sich die Nase putzen kann, ohne zu stören.)

So lässt sich das Etikett Sturm und Drang unmittelbar physisch erfahren. Weiterlesen