Stuffkommodierend: Wiener Philharmoniker mit Riccardo Muti spielen Mozart & Bruckner

Wiener um 1890, oder: Ist Weibsvolk anwesend?

Berlin ist so piekattraktiv geworden, sogar die Wiener Philharmoniker verbringen eine Adventswoche hier; dabei sind die doch eigentlich Besseres gewöhnt, so stadtmäßig. Das Konzerthaus Berlin packt die kakanische Gelegenheit beim Schopf und macht aus ihr ein Festival: mit den üblichen Klischees (Habe d’Ehre, schöne blaue Donau usw.), einem abwechslungsreichen Programm sowie einer fast 150seitigen Festschrift, die über das bei solchen Anlässen oft übliche Alibi-Maß hinausgeht. Sie dreht sich nicht nur um Geschichte und Gegenwart des selbstverwalteten Orchesters (wobei man etwa erfährt, dass einer der drei Mit-Initiatoren, Alfred Julius Becher, 1848 als Revolutionär hingerichtet wurde), sondern auch ums „Orchester der Zukunft“ mit Perspektiven vom Mahler Chamber Orchestra über das Ensemble Resonanz bis zum Andromeda Mega Express Orchestra. Wenn die alle beim Festival aufträten, wär natürlich noch knörker. Im Zentrum aber selbstverständlich zwei Konzerte der Wiener: das erste mit Mozart und Bruckner, klassische Blomstedt-Kombi, es dirigiert jedoch der Wiener Lieblingsdirigent Riccardo Muti.

Der Große Saal des Konzerthauses ist wegen des Andrangs auch im Mittelgang durchgestuhlt.

Datei:Schmutzer-Philharmoniker.jpgHört der Konzertgänger alle Jubeljahre wieder mal ein Flötenkonzert im Sinfoniekonzert, fällt ihm wieder ein, warum er’s sonst nicht tut. So schön Wolfgang Amadeus Mozarts Flötenkonzert G-Dur KV 313 (um 1777) auch ist. Ist die Querflöte nicht ein bisschen wie Koriander? Eine willkommene Bereicherung fürs Ganze, aber dominierend im Mittelpunkt wirds einem leicht zu viel. Die sehr helle Präsenz inkommodiert schnell das Ohr. Lustigerweise schrieb Mozart seinem Vater am 14.2.1778 ad flautos:

Dann bin ich auch, wie Sie wissen, gleich stuff, wenn ich immer für ein Instrument (das ich nicht leiden kann) schreiben soll.

Das Wort stuff hat der Konzertgänger bisher immer nur von seiner Südtiroler Gattin gehört; wie herrlich, dass auch Mozart es benutzt hat!

Und wie angenehm, im gedämpften Adagio zunächst zwei Flöten ins Ensemble gebettet zu hören. Der pausierende Oboist hält währenddessen ein Nickerchen; vielleicht ist es aber auch höchstkonzentriertes Zuhören; so oder so nimmt es für ihn ein. Und als man sich kompositionsmäßig doch zu fadisieren beginnt, kommen im Finalrondo (wo nun die beiden Extra-Flötisten des langsamen Satzes mit dem Schlummer ringen; oder höchstkonzentriert zuhören) solche amüsanten Streichergesten, die einen fürs Zuhören belohnen; vulgo wachschnipsen.

Einen gewinnenderen Solisten als den Wiener Flöterich Karl-Heinz Schütz kann man sich indes kaum denken. So begrenzt das Repertoire der Nuancen und Ausdrucksweisen im frühklassisch-rokokesken Flötenkonzert wirkt, so sehr nimmt Schütz‘ klare, ja lächelnde Darbietung ein. Selbiges gilt für Mutis äußerst relaxtes Dirigat, das aus dem Divertissement kein endsinfonisches Wunderwerk macht.

Das Publikum ist kommodiert, keineswegs stuff. Dem Konzertgänger reichts mit Flötenkonzerten wieder bis zum nächsten Jubeljahr. Interessanter als das ganze Mozartflötenkonzert ist ihm Schütz‘ erlesene Zugabe, Arthur Honeggers farbenreiche Danse de la chèvre, in der die Flöte sich über die Ränder des klassischen Klangs hinauskommodiert: sowohl ins Verschattete, Eingetrübte als auch ins moderat Grelle.

Ist Vibesvolk anwesend?

Acht Frauen sitzen bei Mozart im Orchester, knapp zweistellig wirds dann bei Anton Bruckners 7. Sinfonie E-Dur. Die spürbar einhellige Begeisterung über diese Brucknerdarbietung kann der Konzertgänger an diesem Abend nicht recht teilen, und er ist bis jetzt nicht ganz sicher, ob das bloß an allfälliger eigener Verschattung und Eintrübung liegt.

Denn die überragenden Schönheiten dieses Bruckner liegen offen zutage, vom allerersten Streicherbeginn an. Alles ist relativ breit, so als wäre ein samtenes Edelnudelholz dezent drübergerollt, und es hat nobelste Sanglichkeit nicht nur in der unendlichen Melodie des Hauptthemas. Bei den großen Steigerungen ist dem Konzertgänger jedoch, als donnere eine gigantische Walze über ihn: ein Bruckner für Schwerhörige und solche, die es werden wollen. Das hat gewiss mit den akustischen Kapazitäten des Saals zu tun, in dem Muti schon dreimal dirigiert hat, das letzte Mal allerdings anno 1996 (ein reines Mozartprogramm). Aber auf die muss man sich eben auch einstellen; ist halt kein Goldener Musikvereinssaal, auch wenn er sich, sehr vergeblich, so auszusehen bemüht.

Von der Lautstärke abgesehen meidet diese Aufführung die Extreme, sowohl klangliche Härten als auch Momente des Erstarrens. Maestro Muti liest interessiert und intensiv die Partitur mit. Was sich auch als Elemente von Gewalttätigkeit verstehen ließe, wird hier weihevoll, ja pompös. Das zieht sich bis ins Finale, dessen fluffiger Beginn gefällt, aber zu den Exaltationen keine Lösung jenseits von Lautstärke sucht.

Ist die unbestreitbare Schönheit dieser Aufführung mit diesen Anmerkungen zu gering gewichtet? Gewiss ist das hier kein so empörend achtloser Bruckner, wie ihn vor einigen Monaten Gergiev mit den Münchnern zumutete. Und natürlich geht hier nichts schief, die Wiener brillieren auch auf Autopilot. Aber es geht auch wenig über das für ein solches Orchester eben Erwartbare hinaus. Es ereignen sich weder Wunder noch Schrecken. Und da kann der Klang noch so kommodieren, das macht den Konzertgänger bei Bruckner doch stuff.

Weitere Kritiken: ziemlich begeisterter Schlatz, mehr als stuffer Krieger, schwärmerischer Brug, andeutungsreicher Amling.

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4 Gedanken zu „Stuffkommodierend: Wiener Philharmoniker mit Riccardo Muti spielen Mozart & Bruckner

  1. Das habe ich anders gesehen und gehört. Im ersten Satz hatte ich noch hier und da kleine Bedenken, wie Sie sie hier anführen, aber da ich gleich das Hauptthema sehr genial gespielt fand, habe ich jeden Widerstand gegen den Bruckner der Wiener aufgegeben. Wer so ein Legato hinbekommt, der kann sich alles erlauben. Auch das Ende der Exposition war sehr, sehr schön. Der Klang war dicht, und war doch nicht absichtlich auf Schönling getrimmt, für mich hatte das durchaus außerordentliche Komplexität. Ich habe mit den Wienern auch schon saure Momente erlebt, aber gestern passte alles. Aber ich rede hier vermutlich zu tauben Ohren 🙂 Die Begegnung mit KV313 fand ich schlichtweg entzückend. Ich glaub, ich hab das noch nie gehört.

    • Weiß nicht. Ich fand die Crescendi saft- und kraftlos und die Übergänge unmagisch. Sogar die Pausen knisterten (in meinen (tauben?) Ohren) nicht. Dabei alle einzelnen Bestandteile schön. Das Legato, ja.
      Manchmal würde ich dasselbe Konzert gern am nächsten Tag nochmal hören können, gespannt ob ichs gleich oder ganz anders finden würde.
      Blomstedt letztes Jahr mit den Wienern gefiel mir wohl besser als Ihnen.

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