Demütig erfüllend: Brad Mehldau Trio im Konzerthaus

Mal aus einer Parallelnischenhochkultur in die andere huschen: In der Klazzik-Reihe des Konzerthauses Berlin spielt das Brad Mehldau Trio in der Besetzung Klavier/Kontrabass/Schlagzeug. Der Konzertgänger ist in punktibus Jazziana wahrscheinlich der ahnungsloseste Hansotto im ganzen Saal: jener Hirbel oben im zweiten Rang, der vorher nach einem Programmheft fragt und mittendrin nach dem Seitensatz auf der Dominante sucht. Dabei scheinen im Parkett die Fans zu sitzen, im Rang die Kenner, aber er bleibt trotzdem oben. Denn seine jungen, gutaussehenden und sophistikäteten Sitznachbarn wirken in ihrer andächtigen Hörhaltung (würde man sich bei manchem klassischen Konzert wünschen) so sanftmütig, tolerant und paradox tiefenentspannt wie Brad Mehldau himself am Klavier. Weiterlesen

Hörstörung (23): Unbezahlbarer Gast beim unbezahlbaren Sokolov

Seine bereits vor einem Jahr erworbene, für eine Mega-Feger-Weltikone wie Grigory Sokolov gar nicht sooo teure Eintrittskarte hat der Konzertgänger heuer mit schmerzlicher Freude der unbezahlbaren, nach einer endlose Monde währenden kleinstkindbetreuungsbedingten Konzertpause musikdürstenden Schwester der Tochter der Großmutter seiner unbezahlbaren Kinder überlassen …

… die berichtet, es sei hinreißend gewesen.

Details, kritische Analyse? Haydn. Schubert. Und sechs Zugaben, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar, und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Nachtrag: Kritiken in der NZZ (Julia Spinola), Kulturradio (Göbel)

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Dreiflügelig: Bach mit Vinnitskaya, Hadzigeorgieva, Koroliov und Kammerakademie Potsdam

Wenn die Kammerakademie Potsdam es regelmäßig nach Berlin schafft, kann mans als Berliner auch mal zur Kammerakademie nach Potsdam schaffen. Zumal bei einem so raren Programm mit so erlesenen Solisten. Zwar kommt man sich als Berliner in Potsdam immer ein bisschen vor wie der Gassenstrolch im piekfeinen Nachbarhaus. Aber die Potsdamer sind gastfreundlich, zumal im entspannten Nikolaisaal, wo man behaglicher sitzt als auf den meisten Berliner Konzertsesseln. Unbehagen nur ein paar Stunden vorher, wenn man bereits im aprilsommerlichen Potsdam eingetroffen ist, voller Vorfreude auf drei koryphänomenale Pianisten, die Bach, Bach und nochmals Bach spielen sollen — und dann spazierengehenderweise am Eingang des Nikolaisaals liest:

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Bemerkenswertig: Le Concert Olympique spielt prometheischen Beethoven

Wenn schon, dann richtig: entweder gar nicht mehr Beethoven spielen oder nur noch Beethoven. Ersteres schlug Lothar Zagrosek mal vor, zumindest für ein Jahr. Letzteres tun die Musiker von Le Concert Olympique, zumindest mehrmals im Jahr – immer wenn Jan Caeyers, Gelehrter und Dirigent von genialer Einseitigkeit, diese Musiker aus verschiedenen Ensembles zu einem neuen Projekt seines Tournee-Orchesters zusammenruft. Wurde auf der letzten Herbsttournee Beethoven noch in Haydn gespiegelt, steht Beethoven im Kammermusiksaal der Philharmonie diesmal Beethoven gegenüber; außerdem gibts noch Beethoven. Das Konzert ist dennoch, oder gerade deshalb, das Gegenteil von Smoothest of Wiener Klassik.

Leitfaden ist die Entwicklung des Prometheus-Themas bei Beethoven kurz nach 1800. Weiterlesen

Nutzenfreudig: DSO-Saisonvorschau und Konzert mit Ticciati und Aimard

Woche im Zeichen des Deutschen Symphonie-Orchesters: erst die Vorstellung der kommenden Saison 2018/19, dann ein so verknapptes wie ausschweifendes Konzert mit Chefdirigent Robin Ticciati und dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard. Am Abend eines dieser Qual-der-Wahl-Sonntage, an dem auch das RSB ein hochinteressantes  Totentänze-Konzert gab und es im Konzerthaus von früh bis spät brahmste. Weiterlesen

Gedämpft profiliert: Piotr Anderszewski im Boulezsaal

Interessante chemische Versuchsanordnung: der Stimmungskünstler Piotr Anderszewski im Pierre-Boulez-Saal, dem üble Lästerzungen ja Plenarsaal-Atmosphäre nachreden. Wird das gutgehen, fragt man sich vor dem Haus stehend, während Profilierungsfahrer die Französische Straße runterbrettern, ein Blitzermarathon schert ja keinen Totfahrer nicht. In der verblüffenden Aprilsommerabendsonne steht auch Nike Wagner, konzentriert in die Lektüre des Programmhefts vertieft, das Gegenteil eines Profilierungsfahrers.

Und Anderszewski ist wahrlich das Gegenteil eines Profilierungspianisten. Weiterlesen

Schlangenbeschwörend: Kirill Petrenko, Yuja Wang, Berliner Philharmoniker mit Dukas, Prokofjew, Franz Schmidt

Obwohl Kirill Petrenko ja mal einige Jahre Generalmusikboss der Komischen Oper war, haben die Auftritte des zukünftigen Chefs der Berliner Philharmoniker in Berlin derzeit etwas Unalltägliches, ja Rar-Auratisches. Und so ist auch dieses merkwürdige bis verschrobene Programm unalltäglich, rar, auratisch. Weiterlesen

Selbstverständlich brillant: Berliner Philharmoniker, Rattle, Barenboim spielen Dvořák, Bartók, Janáček

Fortsetzung von Simon Rattles Abschiedstournee im eigenen Haus, zugleich durch Zeit und Raum: diesmal Schlenker nach Ostmitteleuropa (Prag, Budapest, Brünn), 1886 bis 1926. Dritte Aufführung, Samstag 19 Uhr. Der Konzertgänger aber vergisst Zeit und Raum, wenn es Janáčeks Sinfonietta gibt – ganz egal, was davor und danach und rundherum ist.

Im Konzert der Berliner Philharmoniker gibts ein Davor: nämlich Bartók mit keinem geringeren Gast als Daniel Barenboim und noch davor Antonín Dvořáks Slawische Tänze opus 72, das ist die zweite Sammlung der Erfolgsstücke. Weiterlesen

Schwarzrosakindlich: RSB, Saraste, Vinnitskaya spielen Rachmaninow und Sibelius

Könnte man glatt ein bissl enttäuscht sein, dass die Pianistin Anna Vinnitskaya nur ein einziges Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow spielt und nicht alle, wie sie es vor knapp zwei Jahren mit Bartók machte. Allerdings hat Rachmaninow nicht drei geschrieben, sondern vier, und das 3. Klavierkonzert d-Moll op. 30 (1909) dürfte allein schon mehr Noten enthalten als alle von Bartók. Na, vielleicht nicht ganz, aber angeblich 55.000 für den Pianisten, wie man im Zusammenhang dieses Konzerts des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin in der Philharmonie erfährt: Rekord sei das unter den Klavierkonzerten. Wissen, das niemand braucht, trotzdem hübsch.

Im Publikum Wolfgang Thierse, der nach seinem Abschied aus der Politik zwanzig Jahre jünger aussieht. Anna Vinnitskayas Kleid ist zu 2/3 rosa und zu 1/3 schwarz, wie Rachmaninows Musik. Weiterlesen