Geistkorpusig: Igor Levit spielt Muffat, Rzewski, Kerll, Busoni

Künstlerischer (Nach-)Schöpfungsakt. Symbolbild

Igor Levit spielt … nicht Beethoven. Stattdessen ein komplexes Programm, das er, wie er im Interview erklärt, von hinten nach vorn denkt. Entscheidend ist, was hinten rauskommt, sagte ja einst ein gewichtiger deutscher Vielosoph, und was hinten rauskommt, ist in diesem Denkfall ein einigermaßen erschlagendes Werk von Ferruccio Busoni. Das macht die Stücke, die zuvor vorne reinkommen, nicht weniger hörenswert. Und hörbarer und genussreicher vielleicht auch, zumindest für den Konzertgänger.

Rappelvoll ist der Pierre-Boulez-Saal, als Levit nun zum ersten Mal hierherkommt, egal wie anspruchsvoll das Programm. Vor wenigen Wochen erhielt Levit wegen seines Engagements gegen Rassismus und Antisemitismus vor einem Konzert eine Morddrohung und spielte trotzdem, unter Polizeischutz. Vom Auschwitz-Komitee wurde Levit (den – zynische Skurrilität – die Afd, der parlamentarische Arm des Rechtsextremismus, schon vor Jahren auf Twitter blockiert hat) für seinen Mut gegen Judenhass geehrt. Im Publikum des Boulezsaals heute Abend sieht man viele bekannte Gesichter, darunter Cem Özdemir, den zukünftigen deutschen Außenminister (oder Verkehrsminister? Beide Ämter scheinen ja derzeit vakant bzw nur physisch besetzt zu sein).

Zwei Werke des süddeutschen Barock stehen zwei Kompositionen des 20. und 21. Jahrhunderts gegenüber: Die Passacaglien von Georg Muffat von 1690 und Johann Caspar Kerll von wann auch immer vor 1693 (Kerlls Todesjahr) erforschen die Möglichkeiten des Variierens im Geist des 17. Jahrhunderts, formklug und dabei wie frei phantasierend. Enorme Energien entfaltet Muffats Musik aus einem gläsernen Thema, das einen daran denken lässt, dass die Goldberg-Variationen wohl ein Solitär, aber musikgeschichtlich ja nicht vom Himmel gefallen sind. Und Levit nutzt bewusst alle dynamischen und klangfarblichen Möglichkeiten des modernen Steinways. Der Orgelmanier und auffälligen Chromatik in Kerlls Passacaglia kommt das vielleicht noch mehr zugute, überhaupt atmet dieses Stück noch stärker den Geist des Improvisierens.

Bei Kerlls Schlussakkord hängt Levits Daumen am äußersten Rand der Tastatur, so als drohte der Pianist im Akt des Nachschöpfens über Bord zu gehen. Beim Spielen aber beugt sich Levit immer wieder tief über die Tastatur, als wollte er in sein Instrument hineinkriechen. Und macht so augenfällig, dass die Musik nicht aus den Fingern und den Tasten kommt, sondern aus dem Korpus des Instruments und aus dem Geist des Spielers.

Am eindrucksvollsten ist das vielleicht in Dreams II, die Frederic Rzewski 2014 für Levit schrieb, diesen großen Interpreten und vielleicht sogar Wiederbeleber seines Variationen-Opus Magnum The People United Will Never Be Defeated. Die Dreams haben keinen vergleichbaren Ohrwurm zum Ausgangspunkt und auch keine so deutliche politische Ebene – zumindest vordergründig, denn natürlich ist der fast altmodisch freie Fluss dieses Klavierspiels eine starke Aussage in ideologisch determinierten, ja fatalen Zeiten. Bells heißt ein Satz, in dem man tatsächlich Glocken hört, in Fireflies scheint der Pianist zu debussyhaften feux d’artifice anzusetzen; und auf den Satz Ruins folgt ein finales Wake up. Ohne Ausrufezeichen freilich, das Rzewski vielleicht vor 40 oder 50 Jahren noch dahinter gesetzt hätte.

Rzewskis Werk ist vielleicht der Höhepunkt des Abends, auch wenn, wie gesagt, hinten Busonis Fantasia contrappuntistica rauskommt. Manchmal gibt es einfach Werke, an denen man als Hörer scheitert. Damit soll der musikalische Rang des Ganzen gar nicht angezweifelt werden; Levit hält Busonis gewaltiges Stück von 1910 gar für eines der bedeutendsten Klavierwerke überhaupt.

Aber für den heutigen (und vielleicht auch für den damaligen) Hörer mag es wie gepanzert erscheinen mit seinem merkwürdig heterogenen Charakter: strenger Kontrapunkt aus der Geistkunst der Fuge einerseits, nachlisztsches Brimborium andererseits, manchmal prallts direkt aufeinander. Vom Kontrapunkt als schöner Waffe, die man muss handhaben können, schrieb Busoni während der Komposition an seine Frau Gerda. Da darf man sich dann wohl auch erschossen fühlen oder zumindest verprügelt. Von dieser Synthese oder eben Asynthese aus Bachfugengelehrtheit und Erlebnis des Klaviers als wilhelminisches Donnermöbel. Flüchtig-freie Assoziation beim Hören: das Werk eines mad scientist, eines verrückten Bachwissenschaftlers. Auch wieder ganz reizvoll.

Und natürlich gelingt Levit eine vollkommen klare Darstellung, man weiß nur nicht recht von was. Linien, Stimmen, schon klar. Trotzdem. Und ebenso natürlich legt man sich als Hörer dieses Werk, das Levit nun für so bedeutend hält, unbedingt auf Wiedervorlage – ohne aber direkt nach einem Wiederhören zu verlangen. Denn es scheint wie gegen, jedenfalls aber nicht für das Klavier geschrieben. Ganz anders als der fantastische Rzewski.

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