Schneeflockdenkicht: Maurizio Pollini und Nathalia Milstein spielen Klavier

Holla die Schneefee, zwei große Namen sind das: Pollini und Milstein. Nur einer ist der echte, eine fast unverhoffte Wiederbegegnung mit Maurizio. Der andere ist in Wahrheit die andere, nicht Nathan natürlich, sondern Nathalia, und sie spielt auch nicht Geige, sondern ebenfalls Klavier – und ist schon ihr eigenes Original! Zwei sehr unterschiedliche, beides starke Klavierabende im Pierre-Boulez-Saal.

Sehr einnehmend fürs Programm der 24 Jahre jungen Nathalia Milstein, wie sie da ausgerechnet Anton Weberns Variationen für Klavier von 1936 zwischen Liszt und Prokofjew platziert. Mit fließendem, geschmeidigem Ton auch das, alles wie selbstverständlich, ohne dodekafonistische Schurigelei. Erlesen klugschöne Schneekristalle, die Franz Liszts Fantasia quasi Sonata „Après une lecture du Dante“ gleich vergessen machen, mit der’s losging. Natürlich, alle technischen Hürden genommen und eine breite Palette an Farben gezeigt, jeder Sprung gelung, jeder Tupfer töfte duftig etc pp. Aber es bleibt für den Konzertgänger ein Nervstück sondergleichen mit diesen bedeutungshuberisch hinabhoppelnden Tritonüssen. Eine wie viel feinere Fantasie sind da doch Sergej Prokofjews ungeheuer abwechslungsreiche, 1915 bis 17 entstandene Visions fugitives! Milstein lässt sie durch ihre langen Finger gleiten, als taxiere sie kleine Edelsteine, von denen manche sich als erstaunlich karatschwer erweisen, andere sich flüchtig in parfümierten Schall und Rauch verdünnisieren.

Milsteins warmer, perlender Ton, der sich (wenn nötig auch leicht giftig) punktgenau aushärten kann, ist sehr befriedigend. Und ist natürlich auch für Frédéric Chopins Préludes opus 28 genau richtig. Manchmal rollts und grollts, durchaus kraftvoll, aber nie donnerrauschend. Vor allem überzeugt Milstein jederzeit mit optimaler Lichtsetzung. Und würde der Nieselregen draußen in so zartem Des-Dur tropfen wie in den Rahmenteilen des einschlägigen Sostenuto-Préludes (im Mittelteil ists ja aus mit der melancholischen Behaglichkeit), wär der Berliner Dezember erträglicher. Höhepunkt ist vielleicht die Andacht des c-Moll-Largos; in das natürlich ein Trottel laut hineinniest.

Reizvoll, Nathalia Milstein beim Spielen ins schmale Gesicht zu sehen, das manchmal verblüffend Chopin ähnelt; hat der auch mit geschlossenen Augen gespielt?

Höchstens, dass dieser schöne Abend etwas sehr kleinteilig ist, einzelschneeflockig. Viele junge Klavierspielfreunde sind da, auch einige minderjährige Pianoeleven; Milstein schließt derzeit ihr Studium bei András Schiff ab, an der Barenboim-Said-Akademie. Also ein Heimspiel im Boulezsaal.

Bei Maurizio Pollini zwei Tage zuvor ist natürlich auch manches reifere Semester dabei, und der eine oder die andere hört wohl reiche Erinnerungen mit. Wogegen auch überhaupt nichts einzuwenden ist. Pollinis Préludes-Aufnahmen sind nicht ganz so berühmt wie seine Études, aber trotzdem ein Klassiker. Hier spielt er aber die beiden letzten Beethoven-Sonaten, als Ersatzprogramm für das geplante Klavierquintettspiel mit dem verhinderten Hagen Quartett. Allein das ist ja was Respektheischendes.

Und ob Pollini große Bögen gestalten kann, auch mit den eingeschränkten Mitteln des hohen Pianistenalters: Das ist keine Frage. Natürlich stößt der 77jährige an gewisse physische Grenzen (die ein Jahr ältere Martha Argerich scheint naturwunderhaft beweglicher). Aber sagen wir, Pollini trifft auch falsche Töne besser als mancher Jungspund die richtigen. Und was nun in Beethovens A-Dur-Sonate opus 110 Übersicht und Strukturierung und Klangproportionierung angeht, ist das immer noch singulär. Und dazu gelingt manches technisch verhexte Zeug dann doch ganz erstaunlich, die Fuge im dritten Satz von Opus 110 etwa. Und erst recht die außerirdische Trillerpassage im zweiten Satz der (diesem Blog bekanntlich den Namen gebenden) c-Moll-Sonate opus 111. Wie überhaupt in der ganzen Arietta dieser spezielle Pollini-Ton da ist, glasklar, hochintelligent, beredt und trotzdem sinnlich.

Fast ein existenzielles Bild: der große, alte, einsame Pianist mitten auf der Bühne, umgeben von Menschen, die ihn noch einmal hören wollen. Das ganze Spiel macht er mit, das doch niemand mehr von ihm verlangen würde: reingehen, rausgehen, rein, raus, und verbeugen zu jedem Applaus. Vielleicht noch trefflicher ist darum der erste Teil des Programms: zuerst Johannes Brahms‘ spätherbstliche Drei Intermezzi opus 117, flüchtig, skizzenhaft, mit viel Rubato; und hervorragend dazu passend Klavierstücke von Arnold Schönberg, die drei aus opus 11 und die „sechs kleinen“ aus opus 19, alle um 1910 entstanden, in der paradiesischen Zeit der sogenannten freien Atonalität. Deutlichkeit und Spannung vereinigen sich im Vortrag von Pollini, der auch hier mitsummt. Man hat den Eindruck, er hat diese Stücke wie kein Zweiter durchdrungen, vollkommene Meisterwerke, wie Schneeflocken unter dem Mikroskop. Und so ist Pollinis Schönberg vielleicht der eigentliche Höhepunkt des Abends. Der immense Applaus gilt nicht nur (zurecht) einem ganzen Pianistenleben, sondern ebenso diesen Vollkommenheiten. Ein Abend, für den man Dankbarkeit empfindet.

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