Musikfest 2018: Rotterdam romantisiert

Niederländische Niederbrüche beim Musikfest Berlin: zweimal Sinfonisches – einmal apokalyptisch, einmal romantisch. Bernd Alois Zimmermann und Anton Bruckner. 100 Jahre alt wird das Rotterdams Philharmonisch Orkest heuer. Seine Geburtstagstour ist zugleich die Abschiedsrunde des Dirigenten Yannick Nézet-Séguin, der zusätzlich zu seinen Chefstellen in Philadelphia und Montréal 2020 musikalischer Leiter der Met wird. Man muss auch loslassen können. Chefposten zumal. Die Gastspiele beim Musikfest Berlin haben indes immer das Schöne, viel die jeweilige Community zu hören; in dem Fall Exil-Niederländisch, das keineswegs nach Halskrankheit klingt. Noch schöner wärs, wenn mehr Berliner sich in die Philharmonie wagen würden, auch wenn nicht gerade das Concertgebouw oder die Bostoner spielen.

(Nachtrag: Pustekuchen, bei Boston ist es voll, aber beim Concertgebouw ebenfalls halbleer. Warum?) Weiterlesen

Musikfest 2018: Barenboim eröffnet

Einen Tag nach dem Beginn des Musikfests 2018 nun die offizielle Eröffnung: mit zwei Ritualen, einem hochkultiviert-feinsinnigen und einem grobschlächtigen, geradezu sittenwidrigen. Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin spielen unter dem Motto Merci à Pierre Boulez erst desselbigen Rituel in memoriam Bruno Maderna, dann Igor Strawinskys Le Sacre du Printemps.

Über die geradezu messianischen Kräfte, die jüngst Kirill Petrenko zugeschrieben wurden, verfügt in Wahrheit Daniel Barenboim. Er bittet das Publikum vor dem Konzert, nicht zu husten, und höre, das Publikum hustete nicht.  Weiterlesen

Gesangsnackt: Sciarrinos „Ti vedo, ti sento, mi perdo“ an der Staatsoper

Mag sein, dass Jürgen Flimm insgesamt ein paar Jahre zu viel intendantiert hat, aber zu seinen unbestreitbaren Verdiensten an der Staatsoper Unter den Linden gehört die hartnäckige, ja penetrante Salvatore-Sciarrino-Promotion. Denn mit Sciarrino wird man nie einen Volksblumentopf gewinnen; und ein dereinstiges Sciarrino-Public-Listening auf dem Bebelplatz vermag man sich auch in hundert Jahren nicht vorzustellen. Aber in die sonntägliche Hitze passt die Premiere von Ti vedo, ti sento, mi perdo ganz gut. Obwohl diese Musik in ihrer Reduziertheit ja keineswegs dehydriert klingt, im Gegenteil. Weiterlesen

Rattle-Abschieds-Countdown ⑤④❸②①: Krystian Zimerman, Robin Hood & Co.

Vorletztes Sir-Chefdirigent-Programm in der Philharmonie, sechs Tage vor dem letzten Konzert, zehn Tage vor der allerletzten Waldbühnen-Sause: Am Abend der WM-Eröffnung hat Simon Rattle, scheidender Trainer der Berliner Philharmoniker, eine wild wuchernde Kunterbunter-Garten-Taktik ausgetüftelt. Tick, Trick und Track sind als magisches Dreieck dabei, Tom & Jerry als Flügelflitzer und Robin Hood im unwiderstehlichen Sturm.

Der ersten Halbzeit drückt indes der Pianist Krystian Zimerman seinen Stempel auf. Weiterlesen

Rattle-Abschieds-Countdown ⑤❹③②①: Widmann, Lutosławski, Brahms

Simon Rattle hält die Berliner Philharmoniker am Abschiedsrotieren, einen Tag nach Bru folgt Bra. Vor der Philharmonie hört man noch immer das Wummern der Bässe, die der Afd gezeigt haben, was Berlin von ihr hält. In Block B sitzt ein junger Mann, der bis zum Konzertbeginn auf dem Smartphone Malen nach Zahlen spielt. Auf dem Programm stehen drei Tänze auf dem Vulkan: Ein Stück heißt so, zwei sind es. Weiterlesen

Konzerthinweis: F.C. Ciardis „voci vicine“ am 3. Juni in der Villa Elisabeth

Was es nicht alles gibt: Am Sonntag, dem 3. Juni wechselt der Konzertgänger die Seite, aus dem Auditorium auf die Bühne. Und zwar die Bühne der Villa Elisabeth in Berlin-Mitte.

Aber keine Sorge, er wird weder singen noch ein Instrument spielen. Denn er ist nicht Hauptfigur, sondern nur Zwischenfigur. Als Moderator, Reflexör, Vorsichhinfrager. Hauptfiguren sind das vortreffliche ensemble unitedberlin und mehr noch die Stimmen zahlloser Italienerinnen und Italiener auf der Straße. Weiterlesen

Wahrvögelnd: Trio Gaspard spielt Bernd Alois Zimmermann, Haydn, Schubert

Bernd Alois Zimmermann da, wo er hingehört: zwischen Haydn und Schubert. Ein Klassiker. Das merkt man erst recht, wenn man Zimmermann vor einigen Monaten zwischen halbgaren Neuwerken gehört hat. Das deutschgriechbritische Trio Gaspard aber setzt ihn in angemessen olympische Umgebung. In einem sensationell guten Konzert im Pierre-Boulez-Saal.

Zimmermanns Présence ist mehr als ein Trio für Violine, Cello, Klavier: Ballet blanc in fünf Szenen heißt es im Untertitel. Aber schon bei der Darmstädter Uraufführung 1961 wurde das Stück, das drei Gestalten der Weltliteratur zu Protagonisten hat, ohne Hupfdohlentum aufgeführt. Auch der Sacre, möchte man meinen, braucht ja nicht das Ballett, das sein Anlass war.

Aber bei Zimmermann ist das Ballett nicht Anlass, sondern Bestandteil der Komposition. Das Trio Gaspard nimmt sie fast albern ernst und führt sie darum ernsthaft albern auf: in knalliges Schwarzweiß kostümiert, mit nur wenigen roten Tupfern. Weiterlesen

Nutzenfreudig: DSO-Saisonvorschau und Konzert mit Ticciati und Aimard

Woche im Zeichen des Deutschen Symphonie-Orchesters: erst die Vorstellung der kommenden Saison 2018/19, dann ein so verknapptes wie ausschweifendes Konzert mit Chefdirigent Robin Ticciati und dem Pianisten Pierre-Laurent Aimard. Am Abend eines dieser Qual-der-Wahl-Sonntage, an dem auch das RSB ein hochinteressantes  Totentänze-Konzert gab und es im Konzerthaus von früh bis spät brahmste. Weiterlesen

Sachgemäß: Arditti Quartett spielt Boulez

Unsachgemäße Assoziationen bei dieser Reise ins Äon des musikalischen Erz-Avantgardismus: Hat der Nachkriegs-Serialismus nicht ein bissl was mit dem Nachkriegs-Brutalismus in der Architektur gemeinsam? Werkstoff und Textur sind zwar grundverschieden. Aber beides sind solche Nullpunkt-Dinger, die man fasziniert anstaunt, ohne dass es recht heimelte. In Gegenwart und Zukunft möchte man’s schon gar nicht verlängern. Aber gut, dass es mal da war. Und ist; bloß nicht alles abreißen!

Begrüßenswert also, dass das Arditti Quartett sach- und fachkundig den vervollständigten Livre pour quatuor von Pierre Boulez aufführt, logischerweise im Pierre-Boulez-Saal. Dinosaurier oder Klassiker, fragt sich der Konzertgänger zuvor; und weiß es danach immer noch nicht. Weiterlesen

Thereminzwitschernd: Aequinox in Neuruppin

Erfüllendes Wochenende in Neuruppin: Bei den 9. Aequinox-Musiktagen zur Tag- und Nachtgleiche spielte die Berliner Lautten Compagney mit einer illustren Gästeschar – von Odysseus bis zu Ernst Jünger, von singenden Schweden und trompetenden Böhmen bis zu bunten Vögeln auf dem Weg ins Paradies der Selbsterkenntnis. Seltsame Bekanntschaften gab’s da: Iranische Musiker trafen auf unerhörte frühe europäische Renaissanceklänge. Und in der nächtlichen Siechenhauskapelle erfuhr Johann Sebastian Bach eine Begegnung der dritten Art mit dem elektromag(net)ischen Theremin. Die Theremin-Virtuosin Carolina Eyck verkürzt die Zeit, bis in einigen Tagen meine ausführliche Reportage über die Lautten Compagney und das Aequinox-Festival im VAN Magazin erscheinen wird.

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