Virtuoskindlich: Kopatchinskaja und Leschenko im Boulezsaal

Ein Kessel Buntes, aber nicht Wahlloses im Pierre-Boulez-Saal: explosiv vom knarzenden Knarren im Salonmatsch bis zum schmalzigen Schalk, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Weil das enfant terrible Patricia Kopatchinskaja mittlerweile eine prosperierende Fanschar hat (einerseits erfreulich, andererseits bedenklich wegen der lärmigen Begleiterscheinungen wie Johlen und Füßetrappeln nach jedem Stück), hier erstmal ein paar Worte zu ihrer gleichrangigen Partnerin, der wunderbaren Pianistin Polina Leschenko. Weiterlesen

Kosmisch-individual: Charles Ives, Bernd Alois Zimmermann, Schostakowitsch mit DSO, Metzmacher, Hardenberger

Traumprogramm in der Philharmonie mit Höhepunkt im ersten Teil: Vor Schostakowitschs Sechster spielt das Deutsche Symphonie-Orchester unter Ingo Metzmacher individualkosmische Meisterwerke von Charles Ives und Bernd Alois Zimmermann.

Schön, von Charles Ives mal was anderes zu hören als die relativ häufig gespielte Unanswered Question. Dieses Trompeten-Enigma mit Zimmermanns Trompetenkonzert zu kombinieren, wäre Metzmacher wohl zu billig. Stattdessen die Konzertouvertüre ›Robert Browning‹ (1908-12, rev. 1936-42), die weder nach Konzertouvertüre noch nach Robert Browning klingt. Weiterlesen

Starkschwachstark, solovielsaitig: Langes Ultraschall-Wochenende

Großes Bohei um den „Klang“ beim diesjährigen Ultraschall-Festival: Klangerkundungen aller Art, Klangfarben, Klangmischungen … Hat das wirklich mit den bösen Weltumständen zu tun, wie einige Quo-vadis-neue-Musik-Beobachter deuten, mit bewussten oder verängstigten Rückzügen oder Geschrei-opponierenden Widerstandshaltungen? Oder gehts auch eine Nummer kleiner, hats vielleicht mehr mit praktischen Gründen zu tun? Es gibt einige Ensembles mit schrägen Besetzungen, und die verteilen Kompositionsaufträge, und der Komponist muss von was leben, und wenn er für so ungewohnte Mischungen komponiert, liegt das Rumschnüffeln in den Klangmöglichkeiten nahe.

Und daran ist ja auch nix Schlechtes. Weiterlesen

Kopfsinnlich: Trio Catch bei Ultraschall

Kurze, aber frohe Notiz vom Freitag beim Ultraschall-Festival für Neue Musik im Heimathafen Neukölln: Das Hamburger Trio Catch widmet sich der Klarinette und ihren Verwandten Bassklarinette und Bassetthorn. Ein Ensemble, dem Helmut Lachenmann nicht nur klangliche Brillanz und gestalterische Intelligenz bescheinigt, sondern auch unwiderstehliche persönliche Ausstrahlung.

Tatsächlich sehen die drei Musikerinnen auch verdammt gut aus, aber das hat Lachenmann bestimmt nicht gemeint. Nicht Lachenmann!

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Ultraschall (1): GrauSchumacher Piano Duo und LUX:NM im Heimathafen Neukölln

Ultraschall Berlin dürfte das einzige Festival der Welt sein, bei dem das Wetter noch scheußlicher ist als bei der Berlinale. Trotzdem hat der Konzertgänger sich am zweiten Tag des Neue-Musik-Festivals durch Wind & Wetter & Saus & Graus bis Neukölln durchgeschlagen. In der Eiseskälte nagt, wie so oft, der Hader an ihm, was er bisher verpasst hat: Das Eröffnungskonzert mit Heinz Holliger im rbb-Sendesaal. Eine Gelegenheit, zur Geburtstagsfeier der Kunst dieses Berghain zu betreten, von dem alle Amerikaner und Ostfriesen reden. Und Musik für Lupophon (sic) und Kontraforte (nochmal sic) in der HfM.

Aber die beiden Donnerstagabend-Konzerte im Heimathafen Neukölln sind Entschädigung genug. Weiterlesen

Nachtluftig echoend: Notos Quartett spielt Schumann, Brahms, Garth Knox

Tja, Kammermusik habe leider keine Zukunft, schrieb einmal der törichtste unbefangenste Kritiker einer großen Berliner Tageszeitung. Von wegen: Hier ist sie, die Zukunft, das Berliner Notos Quartett. Jüngst mit dem allseits beliebten ECHO Klassik gezüchtigt ausgezeichnet etc pp.

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Zumutig: Silvesterkonzert mit RSB, Rundfunkchor, Vladimir Jurowski

Beflügeltes Jahresendkonzert des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und des Rundfunkchors, mit dem der Chefdirigent Vladimir Jurowski seinem Publikum im Konzerthaus einiges zutraut und einiges zumutet.

Gut so! Denn eine zumutungsfreie Neunte ist die eigentliche Zumutung. Nicht nur montiert Jurowski (wie vor 40 Jahren Michael Gielen in Frankfurt) Arnold Schönbergs A Survivor from Warsaw mitten in Ludwig van Beethovens 9. Sinfonie d-Moll hinein. Er spielt überdies den Beethoven-Remix von Gustav Mahler, der für seine eigenen Aufführungen spätromantische Orchesterretuschen an den Sinfonien verübte. Historisch informierte Aufführungspraxis mal anders, aber sowas von. Weiterlesen

Oboenrein vielfältig: Ensemble Berlin Prag spielt Zelenka, Isang Yun, Bach, F. Couperin

Isang Yun und Jan Dismas Zelenka im Kammermusiksaal, zwei Komponisten mit der stärksten Sogwirkung überhaupt –  eine glühende Kandidatur für die schönste Kombination des Jahres! Der Konzertgänger hat beide erst in jüngerer Zeit für sich entdeckt: den tschechisch-dresdnerischen Barockkomponisten tippelschwrittweise in den vergangenen Jahren, den deutschkoreanischen Klangdenker und Kulturenverschmelzer im zu Ende gehenden Jahr, in dem Yun hundert geworden wäre.

Beim Weiterentdecken hilft ihm das fünfköpfige, 2011 gegründete Ensemble Berlin Prag auf die Sprünge, Weiterlesen

Obertonüberreich: Pierre Boulez‘ „Répons“ im Boulezsaal

Pierre Boulez im Pierre Boulez Saal mit dem Boulez Ensemble: Der thematische Schwerpunkt des Abends scheint klar. Darum gibts Boulez‘ Répons für sechs Solisten, Live-Elektronik und Ensemble gleich zweimal, zwischendurch spricht Dirigent François-Xavier Roth über Pierre Boulez.

Ist ja auch ein Hauptwerk des Maître d’Avantgarde, entstanden ab 1979, uraufgeführt 1981 in viertelstündiger Erstfassung in einer Donaueschinger Turnhalle, dann mit Weiterentwicklung der elektronischen Möglichkeiten angewuchert auf ein Dreiviertelstündchen. Es könnten auch noch sechs Viertelstündchen werden, verriet Boulez im Jahr 2000, aber dazu kam es nicht mehr. Vielleicht lässt sich ein Werk, das in diesem Sinne wächst, sowieso nicht im klassischen Sinn vollenden. Vor seinem Tod 2016 wünschte Boulez sich vom Architekten Frank Gehry, die Répons mögen in dem nach ihm benannten Saal aufgeführt werden. Weiterlesen

Nachtrund: Quatuor Ebène, Tamestit, Altstaedt spielen Noctürnliches

Genau das richtige Programm, wenn man die vorhergehende Nacht kein Auge zugetan hat, wie der Konzertgänger. Aber nicht deshalb richtig, weil man beim Quatuor Ebène so gut schlafen könnte! Sondern weil man für dieses von nächtlichen Stimmungen und Erlebnissen inspirierte Programm in einer gesegneten Rezeptionssituation ist: Keinen hellen Verstand erfordernden Haydn oder Beethoven oder Brahms gibts im Kammermusiksaal, sondern tiefere Formen von Wachheit – Sciarrino und Dutilleux, Night Bridge und Verklärte Nacht. Weiterlesen