Byzantopisch: Kaan Bulak im Kammermusiksaal

Die großen Opernhäuser und institutionalisierten Orchester werden den neuen Wellenbrecher-Lockdown schon überleben, wir leidenschaftlichen Konzertgänger auch irgendwie, selbst die Junkies unter uns. Arg wird es für die freien Künstler, nie klang das Wort „frei“ darin so bitter wie derzeit. Aber klagen und jammern hilft nichts, konkrete Forderungen schon. Helge Schneider hat gerade einen herrlichen offenen Brief dazu veröffentlicht, den ich unten in diesem Beitrag (damit Sie weiterlesen!) wiedergebe. Naja, und bevor die Schotten dicht gehen, wollen wir nochmal „freie Künstler“ hören: Hymnen der Zeit mit dem Kaan Bulak & Ensemble im Kammermusiksaal der Philharmonie.

Die Kunst, da steht sie im Abseits (links)

Der 1991 in Aachen geborene Kaan Bulak ist einer von zwölf „fellows“ der Initiative #bebeethoven, die schon ziemlich viel Beachtung fand, auch wenn oder gerade weil sie, seien wir ehrlich, mit dem MEISTER nicht viel zu tun hat, sondern eher eine Art listige Notwehr junger Künstler im BTHVN-Jahr ist. Nur erweist sich alle List als vanitär, wenn ein solches Jahr derart in die Virusbinsen ging und geht.

Gut, dass dieses unterhaltsame Konzert trotz widriger Umstände stattfindet. Elektronische Sounddesigns treffen hier auf die Klänge von sechs Streichern, ganz manifest schon in Bulaks Komposition Edit for Strings, wo im Wechsel einmal hier, einmal dort Klangflächen sich aufbauen: mühelos den Raum füllend von Bulaks E-Hexerkitchen aus, fragiler und für meinen Geschmack klanglich differenzierter und reicher aus dem Kreis der Streicher, deren erste Geigerin übrigens den phantastischen Elfennamen Aoife Ni Bhriain trägt. Auch wenn die Sphären am Ende nicht ganz unerwartet verschmelzen, bleibt das Rücken-zu-Rücken des elektronischen und der akustischen Musiker ein klein bisschen sinnbildlich fürs Miteinander. Das ist aber meines Erachtens oft der Fall, auch wenn man das natürliche Miteinander der beiden Sphären postuliert. (In Luca Francesconis Oper Quartett neulich an der Staatsoper habe ich das Unorganische ähnlich empfunden.)

Die Sorge aber, das Elektronische könnte mit seinen Möglichkeiten die alten Instrumente schlucken oder zu bloßen Impulsgebern degradieren (wie auf Neue-Musik-Festivals manchmal deprimierend erlebt), erweist sich als unbegründet. Bulak ist ein, ich möchte fast sagen, dezenter und taktvoller Sounddesigner. Und ein ganz guter Klavierspieler zudem, wie sich später in seinem Augmented Piano Quintet zeigt, das elegant federnd dahinströmt, aber auch nervös knurrende und klirrende Passagen hat. Dass auch die anderen Instrumentalisten hervorragend sind, zeigt der Cellist Stefan Hadjiev in einer Cellosonate.

Die hört man sehr gern, sie wirkt aber auch – wie mehrere Stücke an diesem Abend – recht kleinteilig komponiert, was mitunter zu Spannungsverlusten führt. Die kleinen Teile sind jedoch jedes in sich ansprechend. Und auch wenn dem Großen und Ganzen manchmal etwas stärkere Stringenz guttun könnte, entstehen im Zusammenspiel mit der Elektronik immer wieder wohltönende, ja pastose Klänge, oft eher befriedend als aufwühlend (so auch in einem gern gehörten Streichquartett), so dass man sagen muss: Das ist Musik, die auch Menschen außerhalb des hartgesottenen Neue-Musik-Betriebs hören wollen könnten, ohne dass sie dümmlich wäre.

Die Stringenz der Idee, Madrigale von Gesualdo (darunter das berühmte Se la mia morte brami) und Tomás Luis de Victoria einzuschieben, erweist sich dann ganz am Ende des Konzerts. Denn auch wenn diese Renaissance-Lieder instrumental dargeboten wurden, liegt in dieser Wortmusik die Sprache natürlich jederzeit in der Luft des Kammermusiksaals. Und so tritt am Ende ganz folgerichtig die Sopranistin Sarah Aristidou auf, um zwei Hymnen der byzantinischen Komponistin Kassia zu singen, zu deklamieren, ja raumfüllend zu beten. Inbrünstig, und auch ein bisschen wie spätantiker Fado! Und wenn der Begriff byzantinisch in einer vergangenen Epoche unserer Sprache einmal bildungssprachlich „kriecherisch“ bedeutete (ungerecht war das und ist zu Recht vergessen), so gewinnt er heute Abend in einer Art musikalischer deutsch-türkisch-griechisch-frankozyprischer Symbiose eine fast utopische Kraft.

Nun denn. Ein bisschen wehmütig wird einem schon bei diesem erneuten Abschied von der Philharmonie. Aber we will meet again, wie die Queen im April sagte! Bis dahin gehts ums Überleben, seelisch wie finanziell. Lamentieren wir nicht über „Bestrafungen“ des Kulturlebens, da wir uns doch vorbildlich und stets hygienekonzeptuell verhalten hätten. Und meiden wir alle Kulturhybris – Barkeeper und Sexarbeiter geben ja auch Menschen Glück und Lebenssinn. Sie alle brauchen Unterstützung, seien wir solidarisch.

75% des Einkommens vom November 2019 soll es laut Entwurf des Finanzministers Scholz nun für die furchtbar unfreien „freien Berufe“ geben. Der Freieste aller Unfreien, der große Künstler Helge Schneider, hat dazu einen fabelhaften offenen Brief verfasst – diskutieren und fordern wir in diesem Sinn:

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