Ultraschall, zweite Hälfte

Solo- und Ensemble-Konzerte im Heimathafen und Radialsystem

Trio Boulanger (Abbildung ähnlich)

An den ersten beiden Tagen des Ultraschall-Festivals für neue Musik gab’s Konzerte für große Orchester, danach folgen die kleineren Besetzungen: am Freitag im schönen Heimathafen Neukölln, am Samstag im feinen Radialsystem in der Nähe vom Ostbahnhof, einem der grauslichsten Orte im am grauslichen Orten gewiss nicht armen Berlin. Neue Musik gehe oft vom „Klang“ im weitesten Sinn aus, heißt es ja gern (und nicht etwa von der „motivisch-thematischen Arbeit“ der kartoffelländischen Musikgeschichte oder gar der „Melodie“). Darum ist es interessant, wenn etlichen bunt durchmischten Gegenwarts-Gruppen mal eine Formation gegenübersteht, wie sie klassischer nicht besetzt sein könnte: das Boulanger Trio mit der von Mozart bis Schostakowitsch gängigen Besetzung Klavier, Geige, Cello.

Nur eindeutig weiblicher sind les Boulangères Karla Haltenwanger, Birgit Erz und Ilona Kindt halt! Und in ihrem Neuköllner Programm stellt Isang Yun den Klassiker dar: Fast 50 Jahre ist sein Stück alt. Es heißt als einziges im Programm schlicht, aber noch immer ergreifend Klaviertrio. Konzentrierte, fast nostalgische Avantgarde, die doch ganz frisch klingt. Die anderen Werke tragen differenzierende Titel: Light and Matter nennt die Finnin Kaija Saariaho ihres, gediegen atmosphärische Musik voller Wellen und Oktaven, da sieht man Isabelle Huppert in einem 1990er-Film vor sich, später Chabrol, Herbst. [love] von Sarah Nemtsov ist von Wucht und schroffer Kraft, die der Titel beim ersten Nicht-Nachdenken kaum erahnen ließe; erstes Nachdenken über das Wesen der Liebe aber macht den Charakter plausibel, sei es archaisches Schreiten, seien es heftig motorische Passagen oder sehr robuste Pedaltritte. In zwei Stücken der Französin Charlotte Bray mit den auf Shakespeare bezogenen Titeln Those Secred Eyes und That Crazed Smile herrschen oft im besten Sinn duftige Klänge vor, das ist gewiss die boulangereskeste Musik des Abends. Und in Aprés le silence von Dieter Ammann herrscht eine hohe Dichte sehr wirkungsvoller Effekte, manchmal wirken sie ein wenig gesucht, aber bei Ammann heißt „gesucht“ eben meist auch „gefunden“; mithin Spektakel.

Neue-Musik-Ensemble, klassische Besetzung

Das Gegenteil von Klaviertrio ist das auf ganz andere Weise hervorragende Ensemble LUX:NM. Seine Besetzung Saxophon/Trompete/Posaune sowie Akkordeon/Klavier/Cello und Schlagwerk ermöglicht Farbfindungen, die man in klassischer Kammermusik vergeblich suchen wird. Fünf neukomponierte Werke spielt LUX im Radialsystem, fast alle überzeugen mich. Allein an Karen Powers bog songs habe ich meine Zweifel; denn während ansonsten Elektronik (wenn überhaupt) dezent eingesetzt wird, ist dies eines jener im heurigen Ultraschall selten gewordenen Werke, wo ein halbes Dutzend hochkompetenter Musizierfähiger aufs pure Impulsgeben für elektronisches Klangmäandern reduziert wird.

Sonst aber musizieren sie aktivst: Stresstest von Steingrímur Rohloff (allein die Namennennung ist Kunst!) stresst tatsächlich aufs Beste mit entnervenden Synkopen, hohem Energielevel, dabei klaren Abschnitten, während Jesse Broekman mit A Map of Horizons das Ensemble zur Singenden Säge macht, der man gern zuhört. Mirela Ivičević gefällt in Heart Core mit handfesten Attraktionen. Und höchst kunstvoll ist, wie Philipp Maintz in cèst une volupté de plus aus einem trägen, fast gähnenden Grundmodus erstaunliche Spannung erzeugt – gebannt folgt man dem Sichdehnen und Spreizen der Klänge.

Daneben stehen Programme, die einzelnen Künstlerprofilen Raum geben. Das Porträtkonzert, das das Ensemble Recherche der 1988 geborenen chinesischen Komponistin Yiran Zhao widmet, ist ein Volltreffer. Gerahmt wird es von Trommelklängen: erst die große chinesische Rahmentrommel, der sich staunenswerteste Klänge entlocken lassen, am Ende die mächtig gewaltige Große Trommel, die sich von den beiden Schlagwerkern Christian Dierstein und Dirk Rothbrust auch doll über die Bühne schieben, kreisen und drehen lässt. Nur der im Titel „Ohne Stille für eine große Trommel und Licht“ versprochene Mitspieler enttäuscht; wenngleich Licht schon irgendwie dabei ist, mal an, mal aus, und auch in der Trommel drinnen. Fluctuation und Touch sind „minimalistische“ Ensemble-Musiken voller Witz und Charme. Und dass es Yiran Zhao in Piep gelingt, nur mit zwei digitalen Metronomen eine zauberhafte Viertelstunde zu erschaffen, ist schon ein unverschämt dolles Ding. Ligeti machte das vor über einem halben Jahrhundert in seinem Poème symphonique für 100 analoge Metronome. Das sind die richtigen Fußspuren für eine junge Komponistin, „von der man noch hören wird“, wie man hört.

Und dann sind da noch ein paar ambivalente Konzerterlebnisse. Sehr ambitioniert ist die „Experimentelle Radio-Oper“, die die Komponistin Celeste Oram und das Ensemble Adapter aufführen. Neuseeländisch-isländische Koproduktion, das hat man nicht alle Tage! Um, über, unter und durch Radio geht’s dabei, mir ist es zu viel persönliche Erinnerung, zu viel Hommage und zu wenig Musik. Aber gut, Ultraschall ist ein Festival von rbbKultur und Deutschlandfunk Kultur, und da muss vielleicht ein wenig nostalgische Radio-Anrufung und -Reflexion sein in einer veränderten Welt, die mittlerweile überall durch und durch Rundfunk geworden ist; was hier bemerkenswert wenig bis gar nicht thematisiert wird.

Auf ganz andere Weise nostalgisch und unverdrossen schrummt der ungarische „Ghost Sonic Ontologist“ Zsolt Sörès vor sich hin. Zwei Cellistinnen grundbrummen die ganze Zeit dasselbe vor sich hin, der Herr GSO macht dazu irgendwas mit einer Viola, und ein Herr Hautzinger pfeift in seine Trompete. Das wäre natürlich Musik eher für nach Mitternacht, auf dem Boden liegend zu hören, als um 17 Uhr in ordentlichen Stuhlreihen im Heimathafen; und verglichen mit dem nachfolgenden Trio Boulanger ist es gewiss der reine Dilettantismus. Manch einem kräuseln sich in dieser knappen Stunde vor Qual die Fingernägel beim zum Scheitern verurteilten Versuch, aktiv zuzuhören. Von mir aus aber könnte diese Klangtherapie, die freilich auch der Schwärze der Welt Raum gibt (denn während mein Atem ganz gleichmäßig wird, flirren im Halbdämmer manche finstere Gedanken durch meinen Geist), noch vier oder acht Stunden weiter brummen und schrummen.

Am Sonntag geht Ultraschall mit einem Treffen von Schalmei und Akkordeon sowie einem letzten Orchesterkonzert zu Ende. Und nachdem es 2021 kein Vor-Ort-Festival gab, weiß man nach diesem Jahr wieder, was einem da im letzten schmerzlich gefehlt hat (und was nicht).

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Ein Gedanke zu „Ultraschall, zweite Hälfte

  1. Zhao ist gut, aber ab und an haben ihre Werke was von Esoterik, Bedeutungshuberei und Chichi. Habe das Gefühl, sie selbst weiß manchmal nicht, was an ihren eigenen Werken richtig gut ist und was weniger. Vielleicht täusch ich mich auch. Bin gespannt, wie sie sich weiterentwickelt. Wenn Sie noch im Abschiedskonzert sind, dann toi, toi, toi.

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