Wiederwurzelnd: RIAS Kammerchor singt 600 Jahre

Auf in die Mundhöhle des Corona-Löwen: erstes Chorkonzert seit Februar! Es beginnt um 21 Uhr im Hochsicherheitstrakt Philharmonie, spät genug, um nachmittags noch mit dem Söhnchen ein vielleicht letztes Mal für dieses Jahr ins Strandbad zu gehen. In Berlin arbeiten wir ja nicht. Außer den Künstlern!

Auf der Suche nach der verlorenen Wurzel

Man spürt, wie froh die sind, es wieder zu dürfen. Die singenden Zünfte haben die Einschränkungen ja tröpfchen- und aerosolbedingt am schlimmsten getroffen. Das Auferstehungsprogramm, das der Leiter Justin Doyle für seinen RIAS Kammerchor konzipiert hat, hat es darum in sich: Chorrenaissance – wie ein Phönix …, so der Titel, es geht um Wiedergeburt und die Besinnung auf die Wurzeln der eigenen Kunst. Das spannt sich über sechs Jahrhunderte, von der hochmittelalterlichen Universalmystikerin bis zum venezianischen Spätbarockprunk, von der scheinbar kargen Ein- bis zur berauschenden Sechzehnstimmigkeit. Ein lehrreicher Crashkurs in Polyphonie zugleich: etwa wenn Palestrina direkt neben Gesualdo klingt und das Ohr sich einen heftigeren Kontrast kaum auszumalen vermag.

Wurzeln wehen dich an

Zwischen den Vokalstücken improvisiert der Organist Martin Baker (im Dienste ihrer Majestät an Westminster Cathedral). Er vermittelt zwischen den Stücken, etwa wenn er von Palestrina aus das Repräsentative akzentuiert und von dort aus zu Gesualdos gefinkelter Chromatik hinführt. Dennoch bleibt der Schnitt hart: erst die betörende Süße in Palestrinas Agnus Dei zu erst vier, dann fünf Stimmen – hat das menschliche Ohr je Schöneres gehört? Dann die erzgenauen Wortzeichnungen in Gesualdos Tristis est anima mea mit ihren besonders eindrucksvollen krassen Silbenstürzen in die Abgründe der menschlichen Angst und Erbärmlichkeit. Kein Wunder, dass Mr Baker danach ein exzessives, fast wüstes Intermezzo ins weite, pandemiebedingt allzu leere Rund der Philharmonie orgelt!

Eng schmiegt Mr Baker sich sonst an den Charakter der eben gesungenen und gleich darauf zu singenden Stücke an, nimmt hier das fragile Register auf, dort schnarrende Majestät. Nur gelegentlich überbetont er vielleicht bestimmte Facetten. Und natürlich nehmen die Intermezzi – so gut die klangfarbliche Abwechslung dem gemeinen Konzertbesucher tut – der Aufblüte des reinen Gesangs ein wenig von ihrer Linie, die mit der weiblichen Einstimmigkeit der Äbtissin Hildegard von Bingen beginnt (O Virtus Sapientiae) und in der Sechzehnstimmigkeit des Crucifixus von Antonio Caldara (1670-1736) endet: ein Klangregen aus, scheint es, tausend Quellen, der sich am Ende doch in einem einzigen et sepultus est vereint.

Josquin Desprez und Heinrich Schütz fehlen in diesem Olymp der Polyphonie, dennoch ist die Ernte fürs Ohr überreich. Und man stellt beglückt fest, dass Justin Doyle und sein weit auseinander stehender Chor nichts verlernt haben, sondern im Gegenteil konzentrierter und inniger denn je gemeinsam singen (auch wenn man in der Philharmonie bei einem solchen Programm den Hall eines Kirchenraums vermisst). Herrlich etwa der fittichös-luftige Beginn von Gilles Binchois‘ dreistimmigem Veni creator spiritus aus dem 15. Jahrhundert. Das vierstimmige Sanctus von William Byrd ruft danach den Eindruck fast überwältigender Fülle hervor. Und Doyle bringt nicht nur hier, was dem Hörerlebnis im 21. Jahrhundert ausnehmend gut tut, eine beschwingte, ja tänzelnde Note in diese uralte Musik. Freude. Glück.

Obacht in diesen Zeiten, was unter den Wurzeln immer noch lauern könnte!

So wachsen die Jahrhunderte und die Zahl der Stimmen bis zur pomp-freien, herben Konzentration von Johann Bach, der überhaupt nicht nur Großonkel ist, sondern in Unser Leben ist ein Schatten zerknirscht und doch selbstbewusst-lutherisch ich sagt. Auch wenn die gesungenen Schatten aus den Mündern versprühen, fast neckisch klingt das, und doch so, dass wir wissen: Unser Leben ist nicht mehr als ein Aerosol. Und das vergessen wir auch nicht, wenn schließlich Antonio Caldara uns sechzehnstimmig betört. Denn auch er endet ja: Et sepultus est.

Wie schön, dass Kunst und Liebe dieses Chors, Kunst und Liebe aller Chöre wieder in unseren Herzen und Ohren Wurzeln schlagen dürfen. Möge die Pandemie einsichtig sein und diese Schönheit nicht bald wieder vereiteln. Auch wenn einen das Verhalten einiger Besucher daran zweifeln lässt: So nachvollziehbar das laute, maskenlose Bravo-Johlen am Schluss ist, so unbesonnen scheint es doch in diesen Zeiten. Dabei hatte ein gewisser Charité-Arzt und Leiter des World Doctor’s Orchestra doch behauptet, Philharmoniebesucher wären so hochkultiviert, die hielten sich immer streng und klug an alle Regeln! Tja. Die unbändige Freude trotzdem nicht trüben lassen von der spuckenden Begeisterung.

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3 Gedanken zu „Wiederwurzelnd: RIAS Kammerchor singt 600 Jahre

  1. Es war in der Tat ein wunderbares Konzert. Endlich wieder Chormusik! Nur das Programmheft war teils etwas wunderlich, übersetzte hier doch jemand „Fulgebunt iusti sicut lilium / et sicut rosae in Iericho / florebunt ante Dominum.“ mit „Scheine wie die Lilie / und die Rosen in Jericho / Bevor der Meister blüht“.

    • Haha, stimmt, das habe ich gar nicht bemerkt. Muss wohl der Google-Übersetzer gewesen sein oder der Sextaner aus der Nachbarwohnung. Erinnerung an meine Schulzeit:
      In te Domine speravi – ich habe in dein Haus geblickt.

      • Für allfällig mitlesende Nichtlateiner noch die korrekte Übersetzung der Motette von Orlando di Lasso:

        Fulgebunt iusti sicut lilium / et sicut rosae in Iericho / florebunt ante Dominum.
        Die Gerechten werden glänzen wie die Lilie / und wie die Rosen in Jericho / Sie werden blühen vor dem HErrn.

        Putzig, wie so was in ein Programmheft kommt. „Bevor der Meister blüht“, großartig.

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